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Alltag anders / Archiv | Beitrag vom 03.04.2020

Korrespondenten berichten überCorona-Hilfsangebote

Von Matthias Baxmann und Matthias Eckoldt

In einem Berliner Hochhaus hängt im Flur ein Zettel, in dem ein Bewohner Hilfe für seine Nachbarn bei Einkäufen anbietet. 26.März 2020, Berlin. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer/)
Nachbarschaftshilfe in der Coronakrise, wie hier in Berlin, gibt es in vielen Ländern. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer/)

Solidarität wird groß geschrieben in Coronazeiten: Wohnungseigentümer verzichten auf ihre Miete in Israel. Gefängnisinsassen nähen Schutzmasken in Mexiko und vielerorts wird Nachbarschaftshilfe organisiert.

Anne-Katrin Mellmann in Mexiko:

"In Mexiko gibt es viele Nachbarschaften, die sich in ihren Chat-Gruppen organisieren und gegenseitig helfen. In Mexiko sind solche Gruppen sonst ja eher lästig, aber derzeit ganz nützlich, und sie geben den Menschen auch das Gefühl, nicht allein zu sein in dieser Krise. Schutzmasken nähen im Moment viele Gefängnisinsassen in Mexiko-Stadt, und die Häftlinge finden das natürlich toll, weil sie jetzt das Gefühl haben, wirklich etwas Nützliches zu tun. Ich glaube, die meisten Mexikaner sind daran gewöhnt, selbst zu entscheiden, was richtig für sie ist, und das führt dann auch zu solchen wirklich interessanten Unterschieden zu Deutschland wie, obwohl es überhaupt keine Einschränkungen gab, alle Bars und Restaurants noch geöffnet waren, sind die Leute trotzdem zu Hause geblieben, weil sie das richtig fanden."

Björn Blaschke in Kairo:

"In Ägypten ist es durchaus so, dass man innerhalb der Nachbarschaft einander hilft. Also, wenn der Eine oder Andere jetzt rausgehen muss, um zum Beispiel einzukaufen, dann reicht man schon mal seine Gesichtsmaske weiter. Bisher ist mir immer wieder untergekommen, dass Leute sich zusammensetzen, am Anfang haben sie Schutzmasken auf und dann spätestens wenn die Zigarette angezündet wird, dann nimmt man diese Schutzmasken ab, und man sieht dann eben Männer zusammen an Tischen sitzen mit Atemschutzmasken, die dann unter das Kinn geschoben worden sind. Man tut am Anfang so, als würde man sich schützen und dann fällt dann eben doch die Maske."

Tim Aßmann in Tel Aviv:

"Israel ist ja sowieso schon im normalen Alltag das Land der sozialen Medien. WhatsApp zum Beispiel: In der Nachbarschaft, in der Schule, bei den Eltern, in der Arbeit, überall WhatsApp-Gruppen, und die werden jetzt eben genutzt. Dass gesagt wird, okay, wer kann vielleicht für die alte Dame in der dritten Etage mit einkaufen? Zum Beispiel Wohnungsbesitzer habe ich gesehen, die dann sagen, wir verzichten jetzt auf die Miete, also verzichten, nicht nur irgendwie Aufschub, sondern man muss zum Beispiel mal einen Monat keine Miete zahlen. Ich habe auch einen Vermieter gesehen, der in einem der größten Fernsehsender abends in der Primetime dazu aufgerufen hat: Andere Vermieter, macht das auch!"

Srdjan Govedarica in Wien:

"Diese Solidarität, die ist hier tatsächlich zu spüren in der Stadt. In Wien ist ja auch diese sogenannte Nachbarschafts-Challenge überhaupt entstanden, also die Idee, dass Leute in ihren Treppenhäusern Zettel aufhängen und Menschen, die alt sind oder zu den Risikogruppen für eine Corona-Erkrankung gehören, anbieten, dass sie für sie einkaufen gehen oder ihnen sonst irgendwie helfen. Ich habe einen Barbesitzer hier in Wien begleitet, der seine Bar schließen musste. Am ersten Tag der Schließung war er auch schon ziemlich down. Und dann habe ich ihn ein paar Tage später wieder getroffen und inzwischen hatte er angefangen, in seiner verwaisten Bar Cocktails zu mixen und sie dann auszuliefern an Stammkunden und Leute, die im Internet bestellt haben. Und wenn man mit den Leuten spricht, die bei ihm bestellt haben, dann sagen sie, klar hätte ich das alles günstiger im Supermarkt kaufen können, aber ich mag diese Bar, ich möchte, dass es sie später auch noch gibt."

Christian Buttkereit in Istanbul:

"Hier in der Türkei, in Izmir etwa, ist die Schauspielerin Epo Attila Sari in die Rolle einer guten Fee geschlüpft. Sie hat einfach einen Zettel ins Treppenhaus ihres Wohnhauses gehängt, dass sie gerne bereit ist, Besorgungen für ältere Leute in ihrer Nachbarschaft zu erledigen, und dieses Angebot wird auch dankbar angenommen. Statt jetzt auf der Theaterbühne zu stehen wie sonst, schleppt sie nun jeden Tag tütenweise Lebensmittel zu ihren Nachbarn, und die finden das natürlich richtig gut, weil sie nicht mehr raus dürfen."

"Alltag anders" – wenn Sie einen Themenvorschlag haben, dann schicken Sie ihn gerne an diese E-Mail-Adresse: alltag.anders@deutschlandfunkkultur.de

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