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Alltag anders / Archiv | Beitrag vom 05.03.2021

Korrespondenten berichten überAufklärung

Von Matthias Baxmann und Matthias Eckoldt

Eine Biene befindet sich auf der violetten Blüte einer Blume (Unsplash/Marieke Tacken)
Bienchen und Blümchen: So vermittele man Sexualität in früheren Zeiten. Heute ist Sexualkunde in vielen Ländern deutlich moderner. Eine Herausforderung bleibt sie oft dennoch. (Unsplash/Marieke Tacken)

An argentinischen Schulen gibt es ein Recht auf Aufklärung. Israel ist kein prüdes Land, aber einzelne Bevölkerungsgruppen behandeln das Thema sehr konservativ. In Frankreich ist Sexualaufklärung bis heute heiß umkämpft.

Tim Aßmann aus Tel Aviv:

"In Israel gibt es Sexualkunde an Schulen, aber mittlerweile eher so ein bisschen in der Theorie, ist mein Eindruck. Ab den 70er-Jahren wurde das in Israel als Unterrichtsthema eingeführt, an den staatlichen Schulen verpflichtend. Und weil es gerade von religiöser jüdischer Seite eben immer noch dieses ganz stark vermittelte traditionelle Familienbild gibt, das vorehelichen Sex nicht richtig vorsieht, hat das dazu geführt, dass das auch im Lehrplan häufig nur sehr kurz abgehandelt wird. Vor einigen Jahren gab es eine Debatte darüber, dass in Schulbüchern Inhalte – also Verhütung oder Geschlechtskrankheiten – gekürzt oder eben ganz gestrichen werden mussten. Israel ist kein prüdes Land. Das kann man so gar nicht sagen. Speziell, wenn man zum Beispiel mal an einem Samstag am Strand von Tel Aviv unterwegs ist, merkt man auch, dass viele Israelis gar kein Problem damit haben, zu zeigen, wie sie so gebaut sind. Aber es gibt Bevölkerungsgruppen, in denen dieses Thema immer noch sehr konservativ behandelt wird. Das wirkt sich auch darauf aus, wie Sexualkunde in der Schule stattfindet."

Dunja Sadaqi aus Rabat:

"Sexuelle Aufklärung findet in marokkanischen Schulen nicht statt. Sex vor der Ehe ist in Marokko verboten und wird mit einer Geldstrafe und auch mit Gefängnis bestraft. Aber man kann hier auch einfach in die Apotheke gehen und die Pille kaufen - für genau neun Cent. Im Sinn von Bildung ist Aufklärung aber oft ein Thema. Woher bezieht man sie und traut man sich, auch dahin zu gehen? Das große Problem ist aber, wenn man hier als junge Frau schwanger wird: Abtreiben ist in Marokko absolut verboten."

Lena Bodewein aus Singapur:

"Offiziell ist man in Singapur ganz aufgeschlossen. Die Schüler sollen schon von der Grundschule an die körperliche, emotionale, soziale und auch ethische Dimension der menschlichen Sexualität lernen. In den Familien in Singapur gibt es oft sehr traditionelle Strukturen: Die Kinder hören auf die Eltern und tun nichts, was die Eltern unglücklich machen würde, wie zum Beispiel vorehelichen Sex. Genau das ist dann das Problem. Es wird nicht viel über Verhütung geredet und Abstinenz gepredigt. Aber weil junge Leute junge Leute sind und das dann trotzdem ausprobieren, gibt es dann eben Probleme."

Ivo Marusczyk aus Buenos Aires:

"Theoretisch ist alles ganz wunderbar geklärt. Seit 2006 gibt es hier nämlich ein Gesetz in Argentinien, und in dem Gesetz steht, dass jeder Schüler und jede Schülerin ein Recht auf Aufklärung an der Schule hat. In der Praxis funktioniert das aber nicht so richtig. Ich habe mal Schüler gefragt: Wie sieht eigentlich der Aufklärungsunterricht aus? Und, ja, das war einfach ganz technisch. Die wussten einfach Bescheid, wie man verhüten kann. Andererseits ist das hier auch eine Notwendigkeit. In Argentinien, wie in ganz Südamerika, sind ungewollte Schwangerschaften von jungen Mädchen immer noch ein riesiges Thema."

Jürgen König aus Paris:

"Die Sexualaufklärung gibt es in Frankreich als Schulfach seit 1973. Und sie ist bis heute ein heiß umkämpftes Thema. Es hat immer wieder Fälle gegeben, da haben Schulbuchverlage Kapitel in ihre Schulbücher genommen, die dann da hießen oder heißen: Mann oder Frau werden. Oder es gab einen Verlag, der kam mit naturgetreuen 3D-Darstellungen der weiblichen Klitoris. Das hat viele französische Konservative schon in Rage gebracht."

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