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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.10.2009

Korn: Broder als Präsidentschaftskandidat ungeeignet

Vizepräsident des Zentralrats der Juden kritisiert Medieninteresse als "unangemessen" groß

Salomon Korn im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Salomon Korn, stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)
Salomon Korn, stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, hat sich gegen eine Kandidatur des Publizisten Henryk M. Broder für das Amt des Zentralratspräsidenten ausgesprochen.Salomon Korn im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Liane von Billerbeck: Telefonisch sind wir jetzt mit Salomon Korn verbunden, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Ich grüße Sie!

Salomon Korn: Guten Morgen!

von Billerbeck: Henryk Broder als Präsident, wie fänden Sie das?

Korn: Ja, wissen Sie, Henryk Broder hat gerade gestern im "Weser-Kurier" gesagt, dass es ein wunderbares jüdisches Sprichwort gibt, das er sehr schätzt, und das heißt: Wissen Sie, wie man Gott zum Lachen bringt? Antwort: Erzählen Sie ihm, was Sie vorhaben. Und ich glaube, dass Gott ziemlich gelacht hat, als er gehört hat, was Henryk Broder vorhat.

Broder hat mal vor Jahren gesagt – ich erinnere mich, wir hatten mal ein Gespräch, wir kennen uns, wir schätzen uns und ich mag ihn auch –, er meinte, nachdem er von einem Mitglied des Zentralrats kritisiert worden war: Ich verstehe gar nicht, warum er das macht, ihr habt eure Rolle in eurem Zirkus, ich habe meine Rolle in meinem Zirkus. Und eigentlich hat er das ganz gut definiert.

Jetzt allerdings habe ich das Gefühl – er sprach ja davon, die Kippa in den Ring zu werfen –, will er den Zirkus wechseln. Und ich denke, wenn er das macht, dann wird er nicht mehr witzig sein, sondern wird der Spaß für ihn sehr schnell aufhören. Und anstatt der Kippa wird er, glaube ich, bald das Handtuch in den Ring werfen, denn es geht bei einer Position im Zentralrat – egal ob das jetzt Präsidentenamt ist oder ein anderes – geht es nicht um geistige Sprintereien, sondern es geht um Langstreckenlauf. Und ich glaube, das ist nicht etwas, was Henryk Broder auf Dauer durchhalten wird.

von Billerbeck: Wenn wir uns von der Personalie Broder entfernen, bleiben wir mal bei der Kritik und auch der Diskussion, die er ja vielleicht doch angestoßen hat, und die hat auch Michael Wolffsohn, Publizist und Historiker an der Universität der Bundeswehr in München, als notwendig eingeschätzt:.

Michael Wolffsohn: Nicht in jedem Detail, aber in der Grundrichtung stimme ich Henryk Broder zu, und zwar deshalb, weil es absolut notwendig ist, dass eine innerjüdische Diskussion über die Verhaltensweise und die Eigenverortung des Zentralrates der Juden in Deutschland im Besonderen und der jüdischen Gemeinschaft im Allgemeinen stattfindet. Und diese Diskussion ist jetzt erfreulicherweise nicht mehr vermeidbar – unabhängig von den beteiligten Personen.

von Billerbeck: Der Historiker Michael Wolffsohn war das hier im Deutschlandradio Kultur. Herr Korn, durch die jüdischen Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind die jüdischen Gemeinden hierzulande stark gewachsen, die Zuwanderer machen 70 bis sogar 100 Prozent der Gemeindemitglieder aus. Spiegelt sich diese enorme Veränderung der jüdischen Gemeinden im Zentralrat wider?

Korn: Ja, das tut es, wenngleich natürlich das ein Prozess ist, der sicherlich über ein, zwei Generationen läuft. Die Zuwanderer haben ihre Rolle in der Gemeinde, ihre Plätze gefunden, nicht alle, aber doch jetzt im Großen und Ganzen, denke ich, sind sie einigermaßen mit den Lebensgewohnheiten hier vertraut. Dass da manches nicht stimmt und vieles noch verbesserungsfähig ist, das glaube ich gerne und das gebe ich auch zu.

Wir selbst sind ja nach dem Krieg hier als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, und das hat etwa ein bis zwei Generationen gedauert, bis wir integriert waren, und wir haben keine Institution vorgefunden, die uns diese Integration erleichtert hätten. Der Zentralrat und vor allem die jüdischen Gemeinden, die ja, die einzelnen Gemeinden und Landesverbände, die die Last tragen, können keine Wunder vollbringen. Dass so manches kritikwürdig ist, das ist, glaube ich, überhaupt nicht zu bezweifeln. Und der Zentralrat unternimmt von seiner Seite aus alles, was er kann, um sowohl finanziell als auch politisch und moralisch diese Integration zu stützen. Aber das ist ein Langzeitvorhaben, und das wird mindestens zwei Generationen dauern.

von Billerbeck: Ich will darauf noch mal eingehen: Michael Wolffsohn hat in dem gleichen Interview auch gesagt, dass diese sehr lebendige Mischung aus jüdischer, deutscher und ich sag jetzt mal "russischer", in Anführungsstrichen, Kultur, weil das ja viele andere Kulturen aus der ehemaligen Sowjetunion sind, die hier eingewandert sind mit den Zuwanderern, dass diese Mischung der Kulturen in den jüdischen Gemeinden überaus prickelnd sei. Von diesem Prickeln merke man aber im Zentralrat nichts. Wie kommt das?

Korn: Ich glaube, dass Michael Wolffsohn, den ich auch schätze und den ich kenne und wir sind auch befreundet, aber eben die Gremien des Zentralrats nicht kennt, weil er kein Mitglied dieser Gremien ist. Also sowohl im Präsidium als auch im Direktorium als auch in der Ratsversammlung und in den einzelnen Gemeinden finden diese Diskussionen laufend statt.

Man darf nicht vergessen, es ist ja ein Entwicklungsprozess, den wir durchmachen, indem wir Menschen aus einer anderen Kultur hier bei uns integrieren müssen, wobei sich diese Menschen in gewisser Weise doppelt integrieren müssen. Einmal, wenn man so will, in die deutsch-europäische, also deutsch-mitteleuropäische Kultur, und zum Zweiten in die jüdische, weil viele von ihnen ja auch dem Judentum entfremdet worden sind unter dem Kommunismus. Das ist eine doppelt schwierige Aufgabe. Aber es ist insofern auch reizvoll und spannend, weil hier unterschiedliche Verständnisse von Kultur aufeinandertreffen, und nur in einem solchen Fall ist es auch möglich, dass Entwicklung stattfindet.

Kulturen, die nicht mit anderen Kulturen zusammenkommen, die keinen Austausch mit ihnen pflegen, können auch nichts Neues entwickeln. Also wir können nur dankbar dafür sein, bei allen Schwierigkeiten, dass wir diese Menschen hier in Deutschland haben und dass sich jetzt etwas entwickelt, dessen Ende nicht abzusehen ist, aber das sicherlich befruchtend sowohl für die jüdische Gemeinschaft als auch für die nicht jüdische Gemeinschaft sein wird.

von Billerbeck: Sie haben es schon erwähnt, dass viele der Zuwanderer ihrem Jüdischsein entfremdet sind. Da steht ja die Frage, wie religiös sind wir eigentlich noch bei diesen vielen Zuwanderern in den jüdischen Gemeinden, also denen das Religiöse am Jüdischsein gar nicht so wichtig ist oder nicht mehr wichtig war. Wie geht man denn damit um?

Korn: Nun gut, wissen Sie, man kann niemandem vorschreiben, was er glauben soll und wie er die Wurzeln seiner Tradition oder Religion nun pflegt. Aber ich glaube schon, dass durch die Zuwanderung Bewegung auch in diesen Bereich gekommen ist, denn das liberale Judentum, was ja vor circa 200 Jahren in Deutschland gegründet wurde, ist exportiert worden in die Vereinigten Staaten, nach England, nach Frankreich und sonst wo hin und war eigentlich nach dem Krieg hier überhaupt nicht mehr gefragt, weil man glaubte, dass in dieser liberalen Haltung des Judentums auch eine der Wurzeln des Unglücks lag, das die Juden dann erlitten haben hier in Deutschland.

Und jetzt, wo diese Menschen zurückkommen, lebt das liberale Judentum wieder auf, weil es gerade von Amerika wieder rüberkommt, Organisationen, die sich gerade auch dieser Menschen in religiöser Hinsicht annehmen. Und ich denke, da ist mehr Bewegung drin, als das vielleicht sozusagen in der nicht jüdischen Gesellschaft, in der nicht jüdischen Gemeinschaft wahrgenommen wird. Es bewegt sich vieles, aber nicht alles ist sichtbar.

von Billerbeck: Nun wird ja, wenn es einen Wechsel bei dem Amt der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland geben wird – das ist, glaube ich, in einem Jahr –, dann wird es ja auch einen Generationenwechsel möglicherweise geben, hin zu denen, die Kinder oder Enkel von Schoah-Überlebenden sind. Welche Folgen für die jüdischen Gemeinden wird das haben, wenn nicht mehr die unmittelbaren Opfer an der Spitze dieser Organisation stehen?

Korn: Nun gut, lassen wir mal das Thema weg, ob das im nächsten Jahr der Fall sein wird oder nicht, denn wir wissen ja nicht, wer sich zur Wahl stellen wird oder nicht zur Wahl stellen wird.

von Billerbeck: Aber es könnte sein.

Korn: Es könnte, ja, dass die Möglichkeit besteht, selbstverständlich. Es wird genau dort hinkommen, was ich also schon vor, ich glaube, 10 oder 15 Jahren vorhergesagt habe: Diese moralische Autorität, die diese Generation hatte, kann die neue natürlich nicht mehr in dem gleichen Maße haben, weil es erlebnismäßig in ihnen ja nicht verankert ist, allerdings ist diese nächste Generation sowie auch die übernächste Generation indirekt von diesen Ereignissen gezeichnet und trägt in gewisser Weise auch das, was die vorhergehende Generation in sich getragen hat, auch ein Stückchen weiter.

Nur die moralische Legitimität werden sie natürlich in gleichem Maße haben, und das wird bedeuten, dass man sich auf ein Stück Normalität hin bewegt. Das heißt, diese Normalität, die sich dann entwickeln wird, hat ihren Preis, also man kann nur entweder das eine haben oder das andere. Einen Exklusivstatus in moralischen Dingen, das ist sozusagen nur mit einer historisch relativ kurzen Phase möglich, danach müssen sich die Dinge sozusagen normalisieren.

Und das bedeutet natürlich auch einen Verlust dieser Authentizität und das bedeutet, dass man dann so wird eben wie alle anderen und eben nicht mehr dann so gehört wird wie alle anderen. Wie Schiller sagte: Des Lebens ungemischte Freude ward keinem irdischen zuteil. Entweder man hat das eine oder man hat das andere – beides wird man wohl nie haben.

von Billerbeck: Gehört zu dieser Normalität auch das, was Broder vorgeschlagen hat, dass man eher sich dafür einsetzen wollte, wenn er denn dieses Amt erreichen könnte, dass die Leugnung des Holocaust kein Straftatbestand mehr ist, weil es einfach eine historische Wahrheit ist.

Korn: Nun, das kann er natürlich machen. Ich glaube nicht, aus meiner Sicht, dass es nicht gerade Sache der jüdischen Gemeinschaft ist, das abzuschaffen, so wie die jüdische Gemeinschaft das ja auch nicht beschlossen hat, aber begrüßt hat, das gebe ich zu. Es ist in einer historischen Phase, in der wir jetzt sind, wahrscheinlich noch notwendig, dass es ein solches Gesetz gibt. Eines Tages mag es sein, dass es nicht notwendig wird, aber ich glaube, das ist auch gar nicht so wichtig. Also Broder spielt da etwas in den Vordergrund, was eigentlich eher marginal ist.

Was mich aber bei der ganzen Geschichte um Broder viel mehr interessiert – und das ist etwas, was eigentlich überhaupt noch nie zur Sprache gekommen ist –, die eigentlich interessante Frage ist: Warum reagieren die deutschen Medien mit so großer und unangemessener Aufmerksamkeit auf Henryk Broder? Ich meine, das ist wieder ein typisches, ein Reaktionsschema, das wir auch aus der Vergangenheit kennen, nämlich weil ein Jude gegen andere Juden oder gegen den Zentralrat wettert.

Und damit wird nämlich Broder gegen seinen Willen und völlig unbeabsichtigt zu einem jener Funktionsjuden, die sich also die Medien immer wieder sozusagen herausfischen, wenn sie etwas sagen wollen gegen Juden, gegen Zentralrat, was sie sich eigentlich nicht getrauen zu sagen. Und dann, entweder benutzen sie dann sogenannte Funktionsjuden oder machen dann gewisse Leute zu Funktionsjuden. Und das ist etwas, was mich eigentlich an der Sache wesentlich mehr interessiert als die Äußerungen von Henryk Broder.

von Billerbeck: Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

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