Seit 17:05 Uhr Studio 9
Freitag, 30.07.2021
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Studio 9 | Beitrag vom 29.06.2021

Konzertreihe in BerlinLeise tanzen beim Radeln

Von Serafin Dinges

Eine Gruppe von Menschen fährt mit Kopfhörern auf dem Tempelhofer Feld in Berlin Fahrrad. Eine Frau fährt freihändig und bewegt die Arme. (Serafin Dinges)
Am Rand des Tempelhofer Feldes in Berlin können Radfahrer eine ungewöhnliche Musikerfahrung machen. (Serafin Dinges)

Dass man auch auf dem Fahrrad tanzen kann, lässt sich bei einer Silent Disco auf dem Tempelhofer Feld in Berlin erleben. Die Idee der ungewöhnlichen Konzertreihe auf dem früheren Flughafengelände stammt aus der Pandemiezeit und wirkt begeisternd.

Waren Sie schon mal bei einer Silent Disco? Also, bei einer Musikveranstaltung, bei der die Musik nicht laut gespielt wird. Stattdessen bekommen alle im Publikum ein Paar Kopfhörer und können über Funk zuhören. Eine Konzertreihe, die so funktioniert, gibt es jetzt auf dem ehemaligen Berliner Flughafengelände Tempelhofer Feld. Und: Statt zu tanzen, fährt man dabei Fahrrad um die alte Landebahn herum.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Treffpunkt ist eine Stunde vor Sonnenuntergang am Rand des Tempelhofer Feldes. Ich und 40 andere sind mit unseren Fahrrädern da und wir sind nervös. Denn gleich geht es los: ein Konzert! Für viele das erste seit einem Jahr, und alles ist ein bisschen anders. Gleich werden die Musiker auf einem Lastenanhänger über das ehemalige Flughafengelände gezogen und wir radeln hinterher. 

Für zehn Euro Pfand bekomme ich vom Veranstalter Silent.move-concerts ein paar Kopfhörer. Über Funk höre ich damit gleich die Musik. Nach außen hin ist das Konzert fast komplett still. Wir sind gespannt, warten neugierig und fragen uns: Kann man auf einem Fahrrad eigentlich tanzen?  

"Man wippt dann so ein bisschen mit auf dem Rad, das geht schon. Das ist nicht wirklich tanzen, aber es zählt ja der gute Wille dabei", sagt ein Besucher.  

Schwebender Schwarm auf dem Rollfeld 

Zwei Musiker spielen an diesem Abend. Der argentinische Singer-Songwriter Pablo Schwarz und Cile, die zu ihren elektronischen Beats singt. Die Musikerin betrachtet gespannt den Lastenanhänger, von dem aus sie gleich spielen wird. "Die haben mir einen Tisch gebaut, wo ich mein Setup daraufstellen kann", sagt Cile. "Also eigentlich das gemütlichste Setup, das ich je hatte. Weil es ein Autositz ist, und da kann ich entspannen. Ich bin gut drauf."

Nach einer kurzen Einweisung setzt sich die Kolonne in Bewegung. Als großer Schwarm schweben wir langsam über die weite Rollbahn des Feldes. Statt Applaus stimmen Fahrradklingeln in die Musik ein. 

Abstand in der Pandemie 

Initiator der Konzerte ist Hayco Baag. Eigentlich nutzt er das Funksystem für Stadttouren. Dann kam die Pandemie und die Touristen blieben aus. Er erzählt, wie die Idee entstand: "Ich hab' dann drei Monate lang irgendwas renoviert, überlegt, was kann ich tun – und dann kam ich auf die Idee. Okay, Konzerte sind verboten – indoor wie outdoor. Das ist schade, denn Abstand kann ich nämlich bieten. Dann hab' ich Konzepte entwickelt, die ich damit machen kann. Und ja, das hat funktioniert."

Dass von außen nichts zu hören ist, soll dabei mehr als ein Gimmick sein. "Es gibt unzählige Partys auf dem Tempelhofer Feld", sagt Hayco. "Wir respektieren aber jeden, der da auch seine Ruhe haben möchte, deswegen sind wir einfach undercover unterwegs. Man sieht uns, man hört uns mit dem Klingeln, aber die Musik strahlt nicht nach außen und das ist uns total wichtig."

Gefühl der Gemeinschaft 

Nach einer kurzen Umbauphase beginnt die Künstlerin Cile das zweite Konzert des Abends. Während wir dem Sonnenuntergang entgegenfahren, macht sich in mir ein lang vermisstes Gefühl der Gemeinschaft breit. Wir kennen uns nicht, hören uns gegenseitig nicht, fühlen uns aber trotzdem verbunden. Das fühle ich nicht allein.

"Man ist wie in so einem Fluss voller Leute", sagt einer. "Jeder hört das Gleiche. Jeder fährt die gleiche Strecke, jeder hat so die gleichen Eindrücke. Aber halt nur in dieser einen Gruppe. Wenn die Leute von außen gucken, können sie es gar nicht so nachempfinden.

Tanzend mit Kopfhörer 

Das Gefühl eines Innen und Außen wird noch einmal verstärkt, wenn man die Kopfhörer absetzt. Doch hin und wieder bricht die Gemeinschaft auch nach außen auf. Ein paar Meter vor mir schließt sich ein Inline-Skater der Gruppe an. Er deutet einem der Radfahrer - der nimmt in der Fahrt die Kopfhörer ab und gibt sie weiter. Ich hole auf und fange den Moment ein, den Lenker in der einen, das Mikro in der anderen Hand. 

Eine Fahrradfahrerin mit Kopfhörern auf dem Tempelhofer Feld, vor ihr fährt ein Radfahrer mit Anhänger, auf dem ein Musiker Gitarre spielt. (Serafin Dinges)Der Musiker Pablo Schwarz sorgt für die richtige Stimmung. (Serafin Dinges)

Auch das mit dem Tanzen scheint so langsam zu klappen. Manche kurven hin und her. Andere heben eine Hand vom Lenker und die schlägt den Takt. Eine Frau fährt ganz freihändig, die Arme weit nach links und rechts ausgebreitet, und genießt die letzten Sonnenstrahlen. 

Am Ende grinsen wir uns alle an. Die letzte Stunde hat jetzt richtig Spaß gemacht und uns vielleicht etwas gegeben, von dem wir gar nicht wussten, wie sehr wir es vermisst haben. 

Und was denken die Musiker? "Schön, wow! Also, für mich war es sehr besonders", sagt Cile. "Man hat den weiten Himmel, die Luft. Was ich bei Musik schön finde, ist, dass man einfach so eintaucht in eine Welt. Das war gerade noch extremer dadurch, dass man Kopfhörer aufhatte. So als würde man sich völlig verlieren." Auch Pablo ist begeistert und fand es eine interessante Erfahrung. 

Mehr zum Thema

"Silent Disco" von Kitty Solaris - Kontemplativer Dancefloor
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 01.03.2016)

Kreativ bleiben im Stillstand - "Angst darf nicht krank machen"
(Deutschlandfunk Kultur, Stunde 1 Labor, 02.05.2021)

Kultur im Lockdown - Silberstreif am Horizont?
(Deutschlandfunk Kultur, Diskurs, 14.03.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Friedrich Ani: "Letzte Ehre"Im Dunkel des Alltags
Friedrich Ani sitzt in brauner Lederjacke mit einem Bein auf einem Geländer und blickt ernst ins Off des Bildes. (Imago/Sabine Gudath)

Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Femizid: In seinem neuen Kriminalroman "Letzte Ehre" gelingt es Friedrich Ani, eine Sprache für das Leiden und das Schweigen der Opfer zu finden. Es ist sein bislang persönlichster Roman. Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

Daniela Krien: "Der Brand"Diese Ehe steht in Flammen
Buchcover: "Der Brand" von Daniela Krien (Deutschlandradio / Diogenes)

In "Der Brand" erzählt Daniela Krien mit einem gnaden-, aber nie mitleidlosen Blick ein, was ein Eheleben aushalten muss. So liegt über den drei Urlaubswochen eines Paares, die sie in knappen, schlichten Sätzen schildert, eine bedrückende Spannung.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur