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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.07.2015

Konwitschny eröffnet Salzburger FestspieleEhekrach auf dem Autofriedhof

Von Jörn Florian Fuchs

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Die Eroberung von Mexico 2015: Susanna Andersson (Sopran), Angela Denoke (Montezuma) und Bo Skovhus (Cortez) sowie der Bewegungschor in der Inszenierung von Peter Konwirtschny zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2015 (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)
Angela Denoke als "Montezuma" und Bo Skovhus als "Cortez" in der Felsenreitschule (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)

"Die Eroberung von Mexico" - wer hier ein Historiendrama vermutet, irrt sich. Aber auch im Musiktheater von Wolfgang Rihm geht es um die Begegnung mit dem Fremden, und Peter Konwitschny setzt das Ganze beeindruckend in Szene - ein fulminanter Festspiel-Auftakt in Salzburg.

Beim Betreten der Felsenreitschule erleidet man einen echten Schock. Ganz grauenhafte Menschen stehen oder sitzen da herum, alle haben aschfahle Gesichtsfarbe, wirken wie kurz vor dem Tode. Dies liegt allerdings nicht an einer plötzlich ausgebrochenen Seuche, sondern an mehreren gelblichen Neonröhren, die vor und während der Aufführung für Gruselstimmung sorgen. Auch die Bühne wirkt nicht gerade einladend.

Ein riesiger Autofriedhof ist zu sehen, in der Mitte, etwas schief eingefügt, eine recht aseptische moderne Wohnung – gepflegte Coolness, mit einem Frida-Kahlo-Gemälde an der Wand. Eine leicht biedere junge Dame befreit Bücherregale von den letzten, viellicht gar nicht vorhandenen Staubkörnchen. Sie wirkt nervös. Kurz darauf kommt ein mit roten Rosen bewaffneter adretter Herr über die Autowracks geklettert und begehrt Einlass. Er erweist sich als leicht tölpelhaft. Im Verlauf der nächsten knapp zweieinhalb Stunden erkennt man allerdings noch weitere Charaktereigenschaften, vor allem Wut und Jähzorn, aber auch Trauer und Melancholie.

Bo Skovhus singt und spielt den Werbenden ganz wunderbar, mit vielen gestischen und mimischen T(r)icks und fulminanter vokaler Präsenz. Die Umworbene wird von Angela Denoke verkörpert. Ihre Partie ist überaus komplex, besitzt extreme Höhen und heftige Intervallsprünge. Wie Skovhus bewältigt auch Denoke Wolfgang Rihms umfangreiche Aufgaben mit großer Perfektion. Am Ende dieser zunehmend heftig verlaufenden On/Off-Beziehung (samt Kurzzeit-Ehe?) verschwindet die Dame, der Herr bleibt zurück mit einer Stoffpuppe, die er massakriert und penetriert. In einer finalen (Alp-)Traumsequenz sitzen beide wieder auf dem Sofa und singen ein tödliches Abschiedslied.

Fragen von Macht und Eros

Was aber hat dies bitte mit Rihms „Eroberung von Mexico" zu tun, jenem auch schon 25 Jahre alten Musiktheater, in dem es um Kolonialismus und Geschlechterfragen geht? Die Antwort lautet: sehr viel. Denn Rihm verschachtelt assoziative Reflexionen rund um die Begegnung von Cortez (Bo Skovhus) und Montezuma (Angela Denoke) laufen als imaginärer Subtext ständig mit. Rihm selbst ging es ja weniger um historische Verläufe, sondern um Fragen von Macht und Eros. Inhaltlich und ästhetisch bezieht er sich stark auf Antonin Artaud. Artaud wollte mit seinem „Theater der Grausamkeit" zurück zu archaischen rituellen Formen und das Publikum in erweiterte Bewusstseinsspähren führen.

Rihms Musik überschreitet so manche Grenze, sie ist sehr haptisch, mit viel Schlagzeug, Geräuschen, abrupten Wechseln, oft gutturalen Kantilenen. Ingo Metzmacher und seine an mehreren Orten verteilten Musiker des ORF-Radio-Symphonieorchesters sind glänzend disponiert, die gesamte Felsenreitschule wird sozusagen zum Instrument.

Montezuma gebiert Smartphones und Tablets

Cortez und Montezuma bekommen immer wieder 'Unterstützung' von marodierenden Massen, die aus und im Publikum singen und spielen. Es handelt sich um Kolonialisten, Hooligans, Hochzeitsgäste, Besoffene. Zwei Sängerinnen (exzellent: Susanne Andersson und Marie-Ange Todorovitch) erscheinen mal als Freundinnen der Braut, mal beschimpfen sie (gleich Bacchantinnen) die Premierengäste im Zuschauerraum ob ihrer Gier nach Gold. Irgendwann ist Montezuma schwanger und gebiert eine Menge Smartphones und Tablets, die sofort als Kriegsspielzeug benutzt werden. Bühnenbreite Projektionen führen direkt in unsere mit ständigem Daddeln verseuchte Gegenwart. Torge Møller und Momme Hinrichs (fettFilm) haben die Videos kreiert, Manfred Voss sorgt für das fantastische Licht.

Gegen Wolfgang Rihms gewaltig urwüchsiges Untergangspathos setzt Peter Konwitschny auch manch Humorvolles. Einmal kommt Cortez in einem Cabrio daher, seine ausschließlich männliche Entourage entspannt sich kurzzeitig bei einer virtuos choreographierten Sexparty. Die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele ist ein Triumph für alle Beteiligten!

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