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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.01.2019

Kontroverse um Tänzer PoluninAufsehen erregen um jeden Preis

Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Balletttänzer Sergei Polunin bei der Vorstellung des Pirelli Kalenders am 05.12.2018 in Mailand. (Ekaterina Chesnokova/Sputnik/dpa)
Der Balletttänzer Sergei Polunin ist wegen seiner Nazi-Tatoos und Äußerungen gegen Homosexuelle umstritten. (Ekaterina Chesnokova/Sputnik/dpa)

Im Gegensatz zur Pariser Oper will das Bayerische Staatsballett den russischen Startänzer Sergei Polunin trotz dessen homophober und politisch rechten Haltung weiter auftreten lassen. Unser Kritiker findet die Entscheidung des Münchner Hauses legitim.

Nachdem sich die Pariser Oper von Startänzer Sergei Polunin wegen seiner politischen Haltung getrennt hat, fordern die Grünen in München, dass der Ballettstar in der Landeshauptstadt im Bayerischen Staatsballett nicht mehr auftreten dürfe.

Doch das Münchner Haus unter Leitung von Intendant Nikolaus Bachler und Ballettchef Igor Zelensky will an dem umstrittenen Tänzer bei den Aufführungen der kommenden Monate weiter festhalten, sagte Kulturjournalist Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

"Am 25. März ist er zunächst nur für die eine 'Spartacus'-Aufführung gebucht. Über die weiteren Aufführungen ist die Besetzung noch nicht ganz fix, ob er das dann wirklich macht. Aber es bleibt dabei, dass man sagt, die Dinge sind zu trennen."

In München könne man schon davon ausgehen, dass es Protestaktionen geben werde. Beim letzten Auftritt habe es allerdings keinen Widerstand des Publikums gegen Polunin gegeben, obwohl dessen Äußerungen schon vorher bekannt waren. 

Der Tänzer Sergei Polunin bei einer Vorstellung am 02.03.2017 im London Palladium Theater (imago stock&people)Der Tänzer Sergei Polunin bei einer Vorstellung in London. Sein großes Bauchtatoo ist ein typisches Symbol russischer Neonazis. (imago stock&people)

"Das Ballettpublikum ist doch eines, das ein sehr weites Herz hat und dem es vornehmlich um die Kunst geht."

Besonders an Polunin sei, dass er zu seinen Äußerungen stehe. "Er sagte, dass eben zu viele homosexuelle Tänzer im Ballett sind - was für ein Vorwurf, naja - und dass zu viele dicke Menschen unterwegs sind, die mal abspecken sollten."

Mit provozierende Aussagen Aufsehen erregen

Der Tänzer habe bekräftigt, dass er nicht mit seiner Meinung nicht zurückrudern wolle, denn sie sei eine Provokation, um diese Themen an die Öffentlichkeit zu bringen und um Aufsehen zu erregen. "Das ist eine Möglichkeit, dass das so ist, aber man kann in einen Menschen nicht hineinschauen."

Sowohl die Haltung in Paris, ihn nicht auftreten zu lassen, als auch die Haltung in München, ihn auftreten zu lassen, könne Fuchs nachvollziehen. Für beides gebe es Argumente: 

"Wenn eine Leitung in Paris sagt, er ist nicht tragbar, wir wollen ihn hier nicht mehr, ist das völlig in Ordnung. Die andere Geschichte ist natürlich, wenn man in München die Sache eher dem Publikum überlässt, finde ich das auch einen Weg, den man gehen kann. Denn letztlich ist es dann eine Autonomie des Publikums, sich Karten zu kaufen oder nicht."

Zudem könne jeder auch tatsächlich gegen Polunin demonstrieren, sich gegen ihn wenden, nicht nur aus künstlerischen, sondern auch aus persönlichen Gründen. "Diese Freiheit hat ja jeder, der dann im Haus ist." 

Unterscheiden zwischen Kunst und persönlicher Meinung

Dass sich Sergei Polunin dazu bekennt, Fan von Russlands Präsident Vladimir Putin zu sein, sei kein Grund, den Tänzer von allem auszuschließen:

"Wenn wir damit anfangen bei ihm, dann ist die Frage 'Wo ist eigentlich die Grenze?'. Und ist es nicht tatsächlich immer noch so, dass es darum geht, was leistet einer künstlerisch auf der Bühne? Und was jemand dann im Kopf hat oder äußert, ist auf eine gewisse Weise getrennt. Es sei denn, es würde politische und gesellschaftlichen Entscheidung bei uns wirklich direkt beeinflussen. Da würde ich auf jeden Fall eine Grenze ziehen."

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(Deutschlandfunk, Kultur heute, 23.12.2016)

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