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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.06.2017

Kontroverse um Gedenkstätte Perm-36Gründer wollen Gulag-Museum ins Internet verlegen

Von Gesine Dornblüth

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Gulag-Gedenkstätte Perm-36 im Ural: Zu sehen ist ein Wachturm und das Eingangs- und Verwaltungsgebäude. (imago/Hohlfeld)
Damals war die Gedenkstätte Perm-36 noch nicht staatlich: Wachturm und das Eingangs-und Verwaltungsgebäude, aufgenommen am 17.10.2010. Es ist das einzige erhaltene Arbeitslager auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. (imago/Hohlfeld)

Seitdem die Gedenkstätte Perm-36 im Ural staatlich ist, werde dort ein "Gulag light" vermittelt. Das sagt das russische Ehepaar, welches das Museum Anfang der 90er-Jahre gegründet hatte. Nun arbeiten die beiden - 68 und 71 Jahre alt - daran, ein virtuelles Gulag-Museum zu schaffen.

Tatjana Kursina und ihr Mann Viktor Schmyrow haben Großes vor. Und sie hätten es eilig, sagen sie. Die beiden sind 68 und 71 Jahre alt, ihnen bliebe nicht mehr viel Zeit. Anfang der 90er-Jahre hatten sie Perm 36 gegründet, unterstützt von "Memorial". Nun wollen sie in einem ersten virtuellen Gulag-Museum weltweit Wissen über die politischen Repressionen in der Sowjetunion zusammentragen und präsentieren.

"Die Kultur des Gulag eine der ärmsten überhaupt. Nehmen wir die Essnäpfe. Sie sehen fast alle gleich aus, zurechtgebogen aus Aluminium. Wenn jemand das virtuelle Museum betritt und bei so einem Gegenstand hängen bleibt, dann haben wir unser Ziel erreicht."

Kursina und Schmyrow sind bereits mit internationalen IT-Experten im Gespräch. Auf geteilten Bildschirmen, erzählen sie, sollen zum Beispiel Chroniken der Lager zu sehen sein, unterlegt mit Geräuschen von Hacken und Schaufeln, dazu Todesurteile, die unter Stalin massenhaft gesprochen wurden und deren Text nicht mal eine halbe Seite umfasste. Viktor Schmyrow:

"Der Staatsterror der Sowjetunion, der von 1917 mehr als sechs Jahrzehnte währte, und seine Folge, der Gulag, waren eine der größten Katastrophen der Menschheit. Und was wissen die Leute darüber? Ich bin viel gereist. In Südafrika, in Chile, in Brasilien - überall haben die Leute beim Wort Gulag bedeutungsschwanger mit dem Kopf genickt. Sie wussten, dass das etwas Schreckliches war. Aber die Menschen haben kein Bild vor Augen."

Der Staatsterror wird verschwiegen

Einen großen Teil der Daten über den Gulag in der Region Perm haben sie bereits digitalisiert, als sie noch die Gulag-Gedenkstätte "Perm-36" betrieben. Dass der Staat das Privatmuseum vor drei Jahren übernahm, sehen sie als "feindlichen Übernahme". Denn die neuen Betreiber stellten nicht mehr die Opfer, sondern das Lagerpersonal in den Mittelpunkt. Vom "Museum für Wächter" war die Rede.

Das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Straflagers Perm 36, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis für Dissidenten und andere Häftlinge genutzt wurde, aufgenommen am 24.07.2009. (dpa / Matthias Tödt)Das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Straflagers Perm 36, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis für Dissidenten genutzt wurde (dpa / Matthias Tödt)

Ein Skandal, über den auch viele russische Medien berichteten. Präsident Putin schaltete sich ein. Daraufhin wurde eine neue Kuratorin eingesetzt, eine Mitarbeiterin der Petersburger Eremitage. Seitdem stehen die Repressionen wieder im Mittelpunkt des nun staatlichen Museums Perm-36. Aber die entlassene Direktorin Tatjana Kursina hat eine Akzentverschiebung beobachtet. Eine der jüngsten Ausstellungen trug zum Beispiel den Titel "Der Beitrag der Gulag-Häftlinge zum Sieg im Großen Vaterländischen Krieg."

"Das Konzept ist ein gewisser 'Gulag light': Ja, es gab das Lagersystem. Die Häftlinge hatten es schwer. Aber die Wärter hatten es auch schwer. Und die Sonderlager für Wissenschaftler haben geholfen, wichtige wissenschaftliche Fragen zu klären, wie die Eroberung des Weltalls."

Das entspricht der Linie der russischen Regierung unter Putin. In Moskau wurde vor zwei Jahren sogar ein modernes, gut ausgestattetes staatliches Gulag-Museum eröffnet. Dort wird aber vor allem über Opfer gesprochen. Das es Staatsterror war, wird verschwiegen.

In fünf bis sieben Jahren online

Dazu kommt, das die heutige staatliche Propaganda den Gulag auf die Stalinzeit reduziert. Der starb 1953. Die politischen Repressionen aber gingen weiter. In Perm-36 saßen noch bis Ende der 80er-Jahre Dissidenten ein. Der berühmteste Insasse: der ukrainische Dichter Wassyl Stus, der auf Anregung Heinrich Bölls für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde. Stus starb 1985 im Perm-36. Viktor Schmyrow:

"In Russland sagen mehr als 60 Prozent der Menschen in Umfragen, die 1960er- und 70er-Jahre seien die beste Zeit unseres Landes gewesen. Dagegen muss man kämpfen. Unsere Arbeiten werden etwas anderes bezeugen."

Wenn alles gut geht und Sponsoren gefunden werden, soll das virtuelle Gulag-Museum in fünf bis sieben Jahren online gehen. Es werde einen realen Besuch in Perm-36 nicht ersetzen können, betont Tatjana Kursina, aber so könnten sie immerhin Menschen auf der ganzen Welt erreichen.

"In Australien oder Neuseeland haben die Menschen doch eigentlich das gleiche Interesse wie anderswo: Dass sich die Dinge, die sich in Nazi-Deutschland oder in Stalins Russland ereignet haben, nirgendwo wiederholen."

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