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Kompressor | Beitrag vom 25.07.2018

Kontakte zwischen Musikern und FansNur Megastars können sich rar machen

Nancy Baym im Gespräch mit Timo Grampes

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Fans der Sängerin Adele stehen an einem Ticket-Schalter, um Karten für ein Konzert zu kaufen. (Imago Stock & People)
Adele gilt als ein bodenständig gebliebener Megastar, der aber den Kontakt mit Fans auf Social Media scheut. (Imago Stock & People)

Dank sozialer Medien können sich Musikfans heutzutage ihren Stars sehr nahe fühlen. Das sei eine "Wiederherstellung verloren gegangener Beziehungen zum Publikum", sagt die Autorin Nancy Baym. Manche, etwa die Sängerin Adele, verzichten trotzdem darauf.

Timo Grampes: Hatten Sie je den Impuls, Ihrer Lieblingsband hinterher zu reisen oder sie auf Facebook anzuschreiben?

Und kommen bei dieser Frage jetzt wilde Erinnerungen auf - oder schütteln Sie wie ich doch eher den Kopf und sagen sich: Musik ist super, aber dieses Fan- bis Groupietum, das konnte ich eigentlich noch nie nachvollziehen?

Wie auch immer, Sie und ich wissen, zwischen Musikern und Fans, da können sich sehr spezielle Beziehungen ergeben. Und damit hat sich die US-Kommunikationswissenschaftlerin Nancy Baym in ihrem neuen Buch beschäftigt. Genauer mit der Frage, wie das Internet und die sozialen Medien die Beziehung zwischen Fans und Musikern verändert haben. Und dafür hat sie viele prominente Musiker interviewt.

Hello, Nancy Baym!

Nancy Baym: Hello!

Timo Grampes: Roger O‘ Donnel von The Cure, der bestätigt gleich zu Buchbeginn Ihre Grundthese: Früher konnten Musiker, zumindest erfolgreiche, in entferntesten Sphären schweben, alle paar Jahre mal ein Album veröffentlichen, die Fans links liegen und sich in der Zwischenzeit von ihnen anhimmeln lassen. Heute, mit dem Internet, da wäre sowas undenkbar, heute müssen Musiker viel geerdeter sein und stehen ständig unter Druck, Verbindungen zu ihren Fans aufbauen zu müssen, vor allem über die sozialen Medien.

"The Cure"-Keyboarder Roger O'Donnell beim British Summertime Festival im Hyde Park, London. (picture alliance / dpa / Photoshot)"The Cure"-Keyboarder Roger O'Donnell beim British Summertime Festival im Hyde Park, London. (picture alliance / dpa / Photoshot)

Lassen Sie uns mit dem "Früher" anfangen. Bis wann verorten Sie das - und welche prominenten Musiker stehen exemplarisch für ein fanfernes Musikerleben im Elfenbeinturm - sind das schon "The Cure"?

Das Ende des Elfenbeinturms kam mit MySpace

Nancy Baym: Ich würde sagen, das Ende dieser Zeit wurde mit MySpace eingeläutet, als die Leute herausfanden, dass es plötzlich einen Zugang zu Musikern gab, und dass man sich auf MySpace mit ihnen anfreunden und ihnen Nachrichten schicken konnte. Das war 2002, und die Musiker, mit denen ich gesprochen habe, nennen das als einen Wendepunkt.

The Cure kann man schon als Beispiel dafür sehen, aber sie, und besonders Roger O’Donnell, sind auch ein Beispiel für eine Band, die diesen Übergang vollzogen hat, also eine Band, die zunächst gar nichts mit ihren Fans zu tun hatte, wie damals alle, die sich oben in den Charts tummelten.

Es gab ein paar, die sich schon früh mit dem Internet auseinandersetzten, wie z.B. Prince oder David Bowie, die wirklich Kontakt zu ihren Fans hatten. Aber die meisten Musiker, zumindest die, die auf dem großen Markt bei großen Plattenfirmen unterwegs waren, arbeiteten über ihre Plattenfirmen, Verleger, Agenten oder andere Leute, die sich um die Beziehungen zum Publikum kümmerten.

Timo Grampes: Nun gibt es Verbindungen zwischen Musikern und Fans ja nichtsdestotrotz schon immer, das ist ja keine Erfindung des Internet…

"Eine Wiederherstellung verloren gegangener Beziehungen zum Publikum"

Nancy Baym: Absolut. Und was ich auch mit diesem Buch zu zeigen versuche, ist, dass das, was da mit dem Internet passiert, in gewisser Weise eine Wiederherstellung verloren gegangener Beziehungen zum Publikum darstellt, die es vor den Massenmedien gegeben hat - als Musiker sich noch ganz normal unter den Leuten bewegten und zum Volk gehörten und Musik Teil des täglichen Lebens war. Nicht dieses hierarchisierte, gesellschaftlich distanzierte Phänomen, das die Massenmedien hervorgebracht haben.

Die Funktion von Musik als Kommunikationsmittel und sozialem /gesellschaftlichem Ritual, als Form von Interaktion miteinander bestand über die Zeit sicherlich weiter, aber jetzt bringt uns das Internet zurück zu einer Zeit, in der Musiker nicht mehr erwarten können, als ganz besondere Mitglieder der Gesellschaft angesehen zu werden, sondern nur noch als Gesellschaftsmitglieder, die eben grade, in diesem Moment, Musik machen.

Timo Grampes: Klar hat das Internet einen Dreh gebracht, was verändert. Sie schreiben sinngemäß, die Musik-Fanszene hätte das Netz verhältnismäßig früh für sich entdeckt. Woran machen Sie das fest?

"Grateful Dead"-Fans waren die ersten

Nancy Baym: Es gibt eine Reihe von Beispielen aus den Anfängen des Internet, die zeigen, wie wichtig Musikfans für das Entstehen und die Entwicklung von Computernetzwerken waren. Nicht nur Musikfans, auch Science-Fiction-Fans und Fans allgemein. Eine der ersten Email-Verteilerlisten, kurz nachdem das Internet erfunden worden war, entstand, um Tickets für Konzerte von The Grateful Dead zu tauschen.

Ausschnitt eines Posters der Band Grateful Dead (imago/ZUMA Press)Ausschnitt eines Posters der Band Grateful Dead (imago/ZUMA Press)

The Grateful Dead hatten ihre Basis in San Francisco, die Gegend, in der sich auch Stanford und Berkeley und die ersten Internet-Unternehmungen befanden, von dem, was mal das Internet werden sollte. Zur gleichen Zeit digitalisierten Leute in Stanford alle Texte der Grateful Dead. Es entstand "The Well", eine der ersten und einflussreichsten interaktiven Online-Pinnwände, ein Service, der vor allem von Grateful Dead Fans finanziert wurde, die dessen Entwicklung weitgehend beeinflussten.

Es gibt also zahlreiche Beispiele aus den Anfangsjahren des Internet. Wenn man dann die späten 90er- und die 2000er-Jahre betrachtet, stößt man auf Dinge wie Napster und File Sharing und die Entwicklung all dieser Technologien, die den Konsum der Musik so nachhaltig verändert haben.

Timo Grampes: Ich fand’s fast anrührend zu lesen, wie Mark Kelley von Marillion beschreibt, wie er sich, der schon früh im Netz unterwegs war, erstmal ganz viele Fankommentare zu seiner Band durchliest. Er ist da lange nur in einer passiven Rolle, liest nur, schreibt nie. Und er kommentiert erst was, als jemand was fürchterlich Falsches über Marillion schreibt. Was ist dann passiert?

Marillion machten die erste Crowdfunding-Tour

Nancy Baym: Mark Kelly von Marillion kommentierte eine Mailing Liste von Marillion Fans, die ihm jemand in den frühen 90ern gezeigt hatte. Nach seinen Kommentaren dort wurde er von Fans direkt gefragt, warum er mit seiner Band niemals eine USA-Tour gemacht hatte. Sie waren ja eine britische Band und fast alle Leute von dieser Mailing Liste waren Nord-Amerikaner.

Und er antwortete: "Wisst ihr, das Plattenlabel wollte so eine Tour nie bezahlen. Wir verkaufen da nicht so viele Platten und es würde uns mindestens 50.000 Dollar kosten, dahin zu kommen und die Plattenfirma war nicht bereit, diese Summe zu bezahlen."

Da sagten die Fans: "Wie wäre es, wenn wir das Geld aufbringen?". Und er sagte "Okay, gerne, macht das". Er dachte, das sei eine verrückte Idee, sagte: "Wir mischen uns da nicht ein, aber wenn ihr das Geld zusammenbringt, kommt zu uns damit." Es kamen dann tatsächlich 60.000 Dollar zusammen. Dann musste Kelly das dem Rest der Band erzählen, weil er ihnen bis dahin noch gar nichts davon gesagt hatte, weil es so verrückt erschien. Sie haben dann diese Tour gemacht und sie war ziemlich erfolgreich.

In vielerlei Hinsicht war das eins der ersten, wenn nicht gar das allererste Beispiel für Crowdfunding, was ja heute sich so massiv ausgeweitet hat, nicht nur auf die kreativen Künste, sondern auf innovative Ideen allgemein.

Steve Rothery, der Gitarrist der Band Marillion, auf einem Konzert im Metropolitan in Mexico City am 26. Oktober 2012. (EFE/FERNANDO ACEVES )Marillion-Gitarrist Steve Rothery bei einem Konzert in Mexico City (EFE/FERNANDO ACEVES )

Zoe Keating nutzt Social Media richtig

Timo Grampes: Schauen wir auf einen Star von heute. Als Mark Kelley schon ein Star war, da war Zoe Keating, die amerikanische Cellistin, noch ein Kind. Sie steht für Sie sinnbildlich für die Musikerin, die weiß, wie’s heute geht mit den Fans, über die sozialen Medien. Warum? Wie kommuniziert sie?

Nancy Baym: Für sie ist es ganz natürlich so mit Fans zu kommunizieren, als würde sie grade mit ihnen irgendwo abhängen, als wären sie Freunde. Sie nutzt Twitter, Facebook, eine Mailing Liste und eine Reihe anderer sozialer Medien. Sie berichtet darin, was in ihrem Alltag passiert, Dinge wie Stress mit Fluggesellschaften, die ihr Cello nicht sicher transportieren können, wie sie ihr Kind erzieht, über ihre Auftritte, über das Songschreiben, über das, was sie liest oder denkt.

Sie macht das auf eine Art, die sich kaum davon unterscheidet, wie sie mit Leuten kommunizieren würde, mit denen sie zusammen auf dem College war oder mit Nachbarn oder Leuten, die sie sonst irgendwo kennengelernt hat.

Die Folge davon ist, dass sie in der Lage ist, richtige Beziehungen zu ihrem Publikum aufzubauen. Wenn sie dann zum Beispiel schreibt "Ich bin vollkommen auf Plattenverkäufe angewiesen, um mein Leben zu finanzieren", dann denken die Leute, "Oh, das ist meine Freundin, ich sollte ihr Album kaufen." Und die Leute tun das wirklich.

Ihr Genre ist ungewöhnlich, aber sie schafft es trotzdem sehr gut, sich zu vermarkten. Angesichts ihres ungewöhnlichen Genres ist sie erstaunlich gut in der Lage, ihre Karriere zu managen - ziemlich erfolgreich!

"Megastars haben die Freiheit, sich rar zu machen"

Timo Grampes: Hat denn, ich sag‘ mal: Madonna es auch nötig, so auf die Tube zu drücken, ständig präsent zu sein - haben Megastars nicht immer noch die Freiheit, sich rar zu machen?

Nancy Baym: Ja. Das ist eine sehr gute Frage. Und ja, ich denke, die Megastars haben die Freiheit, sich rar zu machen, oder sehr wählerisch darin zu sein, wie und wann sie sich mit ihrem Publikum befassen. Jemand wie Adele z.B., ein Megastar, die nie wirklich die sozialen Medien genutzt hat, sie hat sich gar nicht auf diese Sphäre eingelassen, und das hat ihr bisher überhaupt keine Probleme gemacht und macht ihr auch weiterhin keine Schwierigkeiten.

Dann gibt es jemanden wie Beyoncé, die keine sozialen Medien benutzen müsste, aber Spaß daran zu haben scheint und das regelrecht zu kultivieren scheint, die auf einer selektiven Ebene, die sie selber überwacht, sich selber über Social Media präsentiert.

Man muss also davon keinen Gebrauch machen, wenn man ein Megastar ist, ich bin noch nicht mal vollkommen davon überzeugt, dass man das tun muss, wenn man erst versucht, erfolgreich zu werden.

Ich würde sagen, dass es enormen Druck gibt, die sozialen Medien zu nutzen, aber dass wir nicht wirklich wissen, was für welchen Künstler wie und wann funktioniert.

Timo Grampes: Wessen Fan sind oder waren Sie denn eigentlich? Wer hat Sie besonders gepackt?

Nancy Baym: Von wem ich Fan bin? Von den Leuten, die ich interviewt habe, sind zwei, deren Musik ich ständig höre, wie der spanische Singer-Songwriter Nacho Vegas, der grade ein neues Album namens "Violetica" rausgebracht hat, das mir momentan sehr das Herz erwärmt, ich hör es ca. 10 Mal pro Tag, es ist ein Doppelalbum mit 18 Songs.

Und es gibt eine norwegische Künstlerin, die ich sehr mag, und mit der ich für dieses Buch sprechen konnte.

Nancy Baym: Playing to the Crowd: Musicians, Audiences, and the Intimate Work of Connection (Postmillennial Pop)
NYU Press, New York 2018
280 Seiten, Paperback

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