Seit 05:05 Uhr Studio 9
Montag, 08.03.2021
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.12.2017

KonsumverhaltenKein Ende mit dem Plastikmüll?

Von Klaus Englert

Podcast abonnieren
Eine Plastiktüte schwimmt im Meer. (epa)
Der Plastikmüll wird zum Problem - dennoch verändern wir unser Verhalten nicht. (epa)

Seit Jahrzehnten produzieren wir zu viel Plastikmüll - mit gravierenden Folgen für die Umwelt. Aber trotz aller Warnungen und Appelle haben wir unser Verhalten kaum geändert. Sind die Grenzen der Aufklärung erreicht?

Leben wir in einer aufgeklärten Gesellschaft? Die Masse der verfügbaren Informationen legt das nahe. So werden wir immer mehr über die ethisch bedenkliche Warenproduktion und deren Konsum informiert. Lässt sich daraus ableiten, dass das Konsumentenbewusstsein geschärft ist?

Anschwellender Verpackungswahn

Die Probe aufs Exempel ist der Verpackungsmüll. Die jährlichen Verpackungsabfälle beliefen sich in Deutschland bei der letzten Messung von 2014 auf 17,8 Millionen Tonnen. Trotz Recyclings wurden von den 8,3 Milliarden Tonnen Plastikmüll seit 1950, dem Ausgangsjahr der Berechnungen, nur neun Prozent wiederverwertet und zwölf Prozent verbrannt, während der überwältigende Teil in der Umwelt oder auf Deponien landete. Neueste Berechnungen gehen davon aus, dass der Plastikberg bis 2050 auf zwölf Millarden Tonnen anwachsen wird. Als Ursache des anschwellenden Verpackungswahns kommen seit einigen Jahren der Online-Handel und Convenience-Food hinzu. Nicht zu vergessen die 58 Milliarden Coffee Pads, die jährlich auf dem Müll landen.

Wie geht die Informationsgesellschaft mit Informationen um?

Natürlich erfahren Medienkonsumenten, dass der Plastikmüll zur Verschmutzung und Versauerung der Weltmeere beiträgt. Vielleicht sogar, dass Plastikrückstände in 94 Prozent der Nordsee-Fische nachgewiesen wurden. Oder auch, dass diese Partikel die Korallen schädigen und einen Großteil der Meeresschildkröten vergiften. Aber wie geht die Informationsgesellschaft mit diesen Informationen um? Das Problem beginnt damit, dass die vielfältigen Auswirkungen des Plastikmülls auf Mensch und Umwelt nur schwer zu überschauen sind. Denn die Informationsfluten müssten kanalisiert, die Datenmengen selektiv verarbeitet und Zusammenhänge durchschaut werden. Erst dann entsteht Wissen, das sich hernach in Handeln umzusetzen vermag.

Habitualisiertes Kaufverhalten

In den Supermärkten stapeln sich beispielsweise riesige Mengen Wasserflaschen, als bereite man sich in Deutschland auf den Wassernotstand vor. Tatsächlich werden die Wasserflaschen als Dutzendware abgeschleppt. Denn Wasser in der Kunststoffflasche suggeriert Frische und Reinheit, keimfreie Hygiene als zivilisatorische Norm. Diese Suggestion hat sich bei vielen Käufern verinnerlicht und ihr Kaufverhalten habitualisiert. Von willkürlichen Verfallsdaten zusätzlich unter Druck gesetzt.

Was nichts kostet, kann auch nichts sein?

Wie viele Tonnen Plastikflaschen könnten wohl jährlich eingespart werden, wenn die Käufer wüssten, dass Leitungswasser, dessen Reinheitsgrad durch die deutsche Trinkwasserverordnung geschützt wird, gesünder ist? Es braucht nicht viel, um das Schmuddel-Image des im Rheinland als "Kranenberger" bezeichneten Wassers zu überwinden. Aber manchmal sind derart kleine Schritte die schwierigsten und mühevollsten. Sind sie doch mit einem Komplexitätsgrad verbunden, der viele beim Wasser verblüffen mag. Das Problem fängt mit der psychologischen Hürde an: Was nichts kostet, kann auch nichts sein. So greift man lieber zur verführerisch schlanken, coolen Redbull-Dose. Wie kann dagegen der mangelnde Sex-Appeal des Leitungswassers durch Appelle an die Vernunft aufgewogen werden? Wenig Überzeugungskraft hat der Hinweis, dass Leitungswasser preiswert, ressourcenschonend und CO2-neutral ist. Klimapolitik ist und bleibt ein Aufklärungsprojekt. Deswegen können rechte Demagogen, die regelmäßig an unbewusste Regungen appellieren, mit ihm nichts anfangen. Dass bewusster Konsum und Verbrauch untrennbar zur Klimapolitik gehören, macht Aufklärung umso unerlässlicher.

Aufklärung dazu verdammt, die gesamte Menschheit zu erreichen

Als die Enzyklopädisten d’Alembert und Diderot vor über 250 Jahren kritisches Denken in die Wissenschaft einführten, waren ihre Adressaten nur eine kleine Bildungselite. Die heutige Aufklärung ist dazu verdammt, die gesamte Menschheit zu erreichen, alle Konsumenten und Verbraucher. Das macht verantwortliche Klimapolitik so unendlich schwierig, zugleich aber unendlich dringlich.

Klaus Englert (Foto: privat)Klaus Englert (Foto: privat)Klaus Englert, schreibt für die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Und den Hörfunk. Er war Kurator der Ausstellung "Architektenstreit. Brüche und Kontinuitäten beim Wiederaufbau in Düsseldorf" (Stadtmuseum Düsseldorf) und der Wanderausstellung von "Neue Museen in Spanien" und schrieb die Bücher "Jacques Derrida" und "New Museums in Spain".

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Bedrohung und GewaltFluch der gekränkten Männerseele
Proteste gegen Femizide: Auf einem Schild steht "Mein Name ist Stefanie (34) ich wurde von meinem Freund getötet". Daneben liegt auf dem Boden ein Schuh und eine weiße Blume. (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar)

Der erste Frauentag ist 110 Jahre her. Die Religionsphilosophin Gesine Palmer sieht die Geschlechtergerechtigkeit vielerorts noch immer bedroht. Auch Wahlrecht, Ausbildung und Selbstbestimmung schützen nicht vor Unterdrückung und Gewalt.Mehr

Überholtes SelbstbildMännlichkeit ist politisch geworden
Eine sich nach hinten lehnende, antike männliche Statue vor blauem Hintergrund. (Pexels / Saph Photography)

Soldatische Männer in Kampfmontur sorgen in den letzten Jahren immer wieder für ikonische Bilder. Das ist jedoch kein Zeichen von Stärke, meint die Autorin Susanne Kaiser, sondern ein Indikator dafür, dass die Männlichkeit selbst zur Verhandlung steht.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur