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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.07.2008

Konsumismus und Kriegsmüdigkeit

Peter Sloterdijk: "Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945"

Rezensiert von Rudolf Walther

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Peter Sloterdijk  (AP Archiv)
Peter Sloterdijk (AP Archiv)

Mit den Prozessen des Lernens und Umlernens nach Kriegen beschäftigt sich Peter Sloterdijk in seinem Werk "Theorie der Nachkriegszeiten". Den Deutschen attestiert er darin in militärischer Hinsicht "ein Syndrom der anmaßenden Schwäche", das kommenden Prüfungen nicht standhalten könne.

Die Bilanz, die Peter Sloterdijk für die Zeit nach 1945 aufmacht, ist unbestreitbar richtig:

"Die Bewohner dieses Erdteils, erschöpft von den Exzessen und Verausgabungen der Ära von 1914 bis 1945, haben den geschichtlichen Passionen den Rücken gekehrt, um an deren Stelle einen nach-geschichtlichen modus vivendi zu entwickeln."

Standen die vergangenen Zeiten "geschichtlicher Passionen" noch im Zeichen von Heroismus, Tragik, Nationalismus und Epos, so heißen die Signaturen der "nachgeschichtlichen" Zeit Zivilisierung und Konsumismus, Event-Kultur und Jubiläumsindustrie.

"Diese Tendenzen, Auswüchse eingerechnet, sind Teil des Preises, den man für die Emanzipation von Heroismus und Tragizismus zu entrichten hat."

Diesen Prozess leitete im deutsch-französischen Verhältnis der Elysée-Vertrag vom 8. Juli 1962 ein, den General Charles De Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer mit einer katholischen Messe in der Kathedrale von Reims feierlich besiegelten. Die beiden Staatsmänner haben damit

"die Ära der den Rhein in beiden Richtungen überschreitenden Infektionen und Mobilisationen, der Eifersuchtsmorde und bewaffneten Massenhysterie für beendet erklärt."

Soweit wird man Sloterdijk zustimmen können in seinen wörtlich als "Vorübungen" bezeichneten Überlegungen. Aber seine Ambitionen gehen viel weiter, denn er schöpft - wie immer - mit der ganz großen Kelle und will auf nichts weniger als eine "Theorie der Nachkriegszeiten" hinaus. Das Fundament dieser als Theorie auftretenden Improvisationen und Spekulationen besteht aus zwei nicht besonders originellen und auch nicht besonders tragfähigen Hypothesen.

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeit (Edition Suhrkamp)Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeit (Edition Suhrkamp)Erstens sollen Gesellschaften, die auf Dauer angelegt sind, die Fähigkeit haben, Krisen durch "Höchstleistungen an Kooperation" - und das heißt für Sloterdijk durch Kriege - zu meistern. Zweitens jedoch müssen Gesellschaften nach Niederlagen in der Lage sein, richtige Konsequenzen zu ziehen und kulturelle Traditionsbestände anzulegen. Sieger wie Besiegte sind nach Kriegen auf Prozesse des Lernens und Umlernens verwiesen. Sloterdijk verwendet für diesen Prozess das griechische Wort "Metanoia", was so viel bedeutet wie "das weltliche Umlernen im Dienste erhöhter Zivilisationstauglichkeit.".

Weil dieses Umlernen nach den napoleonischen Kriegen nicht klappte, entwickelten sich diesseits wie jenseits des Rheins Prozesse "pathologischer Produktivität". In den deutschen Staaten waren das Konservatismus, Nationalismus und andere antiliberale und antimoderne Strömungen, in Frankreich dagegen eine sterile Napoleon-Verehrung und der Mythos der "Grande Nation".

Das ist keine falsche, aber mit Sicherheit eine viel zu holzschnittartige Erklärung für die Herausbildung des deutschen und französischen Nationalismus im 19. Jahrhundert. Aber Sloterdijk hat noch gröber Gestricktes im Angebot.

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs verließ Italien den Dreibund mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich und gehörte so 1918 nominell zu den Siegern, obwohl es entsetzliche Niederlagen einstecken musste. Diese "mutwillige Kriegsergebnisfälschung" und das ausgebliebene Umlernen nach der zum Sieg umkostümierten Niederlage führten - so Sloterdijk - geradewegs in den Faschismus Mussolinis.

Sloterdijks fatale Vorliebe für, wie er sagt, "psychopolitische Mechanismen" zur der Erklärung sozialer und politischer Prozesse und Strukturen in Nachkriegszeiten, treibt ihn zu grobianischen Vereinfachungen. Die französische Résistance - und vor allem die sich nach 1945 darauf berufenden Intellektuellen - erklärt er rundweg zur "kämpfenden Kirche des nachträglichen Widerstands".

Nun haben sich Sartre und die seinen oft verstiegen, aber Sloterdijk verkennt völlig, dass der Zweite Weltkrieg in Frankreich nicht 1945 endete, sondern erst 1962. Zwischen 1945 und 1962 führte das Land weiterhin Krieg in Indochina, Madagaskar und Algerien. Der Widerstand engagierter Intellektueller gegen diese Kriege und vor allem gegen die in deren Rahmen geschehenen Kriegsverbrechen war riskant und viele Oppositionelle landeten im Gefängnis oder verbauten sich bürgerliche Karrieren.

Zuzustimmen ist Sloterdijks These, dass die Bundesrepublik, was das Lernen aus der Vergangenheit betrifft, gut dasteht. Vom Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Christen vom 19. Oktober 1945 bis zu Willy Brandts Kniefall am 7. Dezember 1970 in Warschau zieht sich eine kontinuierliche Linie der erfolgreichen politisch-moralischen Reorientierung:

"Das Land hat das Vertrauen seiner Nachbarn zurück gewonnen - wenn man von einigen vergifteten Depots in England und Polen absieht, wo sich antideutsche Affekte wie unter Luftabschluss reproduzieren -, und es hat auch dort, wo das Verzeihen jenseits des Menschenmöglichen liegt, einen gewissen Respekt vor seiner Wandlung hervorgerufen."

Einigermassen verblüffend ist, wie leichtfertig der Philosoph Sloterdijk mit Begriffen wie "Normalität"und "Normalisierung" umgeht. An keiner Stelle geht der Autor darauf ein, welche Normen etwa seinen Spekulationen über "psychopolitische Normalität" zugrunde liegen. Auch Ladenhüter wie "die" Deutschen oder "die" Franzosen sind nur verbale Jetons, die anstelle von konsistenten Begründungen und Argumenten stehen.

Dazu passt Sloterdijks engagiertes Bekenntnis zu "deutschen Interessen" und "gemäßigter Affirmativität", mit denen er die Kritik verabschiedet und "den" Deutschen in militärischer Hinsicht pauschal "ein Syndrom der anmaßenden Schwäche, das kommenden Prüfungen nicht standhalten kann", nachsagt. Damit landet der prätentiös als "kulturtheoretisch fundierte Rede" angekündigte Text ultimativ beim raunenden Gerede.

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten.
Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008

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