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Interview | Beitrag vom 18.06.2020

Konsum vs. Nachhaltigkeit"Die Hersteller in die Verantwortung nehmen"

Fred Grimm im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Schlachter steht vor einer Reihe geschlachteter Schweine, die von der Decke hängen. (imago/Westend61)
Herstellung von Billigfleisch: Keiner fragt, wie man das zulassen könne, sagt der Journalist Fred Grimm. (imago/Westend61)

Konsumieren, um die Wirtschaft wiederzubeleben? Das ist der Sinn der Konjunkturpakete. Dabei hatten wir doch gerade gelernt, mehr auf Nachhaltigkeit zu achten. Der Journalist Fred Grimm sieht Handlungsbedarf - bei Herstellern und Produzenten.

Es scheint das Gebot der Stunde zu sein: zu kaufen, was das Zeug hält. Schließlich muss die infolge der Coronakrise darbende Wirtschaft wieder zum Laufen gebracht werden. Die Konjunkturpakete der Bundesregierung sollen das unterstützen. Nur: Dem widerspricht offensichtlich der Gedanke an die Umwelt, an nachhaltiges Konsumverhalten. 

Fred Grimm, Journalist beim Greenpeace-Magazin und Autor des Buches "Shopping hilft die Welt verbessern", will die Existenzbedrohung vieler Läden "nicht klein reden". Doch er zweifelt am Sinn eines "Strohfeuerprogramms", wie er sagt: "Diese kurzfristigen Konsumprogramme haben in der Vergangenheit immer wenig Nachhaltiges bewirkt."

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Grimm sieht eine Kernfrage: "Kann es wirklich sein, dass wenn wir jetzt mal ein paar Wochen nur das Nötigste kaufen, dass dann unser ganzes Wirtschaftssystem zusammenbricht? Da fragt man sich ja dann, auf welchen Grundlagen dieses Wirtschaftssystem beruht und ob das alles wirklich so nachhaltig und so sinnvoll ist."

Der Konsument ist das letzte Glied in der Kette

Dass jetzt verstärkt Billigprodukte gekauft werden könnten, sieht der Journalist allerdings nicht in der vorrangigen Verantwortung von Konsumenten. Es werde immer gefragt, warum man billiges Fleisch oder billige Kleidung kaufe: "Wir fragen uns aber nie, wie kann es eigentlich sein, dass man so etwas überhaupt produzieren darf? Woher kommen diese billigen Preise?" Die Coronakrise habe die "verheerenden Zustände in den Schlachthöfen" gezeigt. Auch die Textilindustrie verhalte sich verantwortungslos, denn es gebe noch immer kein Lieferkettengesetz, "damit sie Verantwortung für die Umweltschäden und auch die sozialen Auswirkungen ihrer Produktion" übernehme, so Grimm:

"Wir verschieben das immer weg von den Produzenten und Herstellern hin zu den Konsumenten – und die sind eigentlich das letzte Glied in der Kette. Ich würde mich freuen, wenn die Debatte vielleicht dazu führt, dass wir einfach mal Hersteller und Produzenten in die Verantwortung nehmen."

(bth)

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