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Weltzeit | Beitrag vom 05.08.2019

Konflikt um Berg-KarabachDie militarisierte Gesellschaft

Von Florian Guckelsberger und Manuel Daubenberger

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junge Soldaten marschieren (Florian Guckelsberger)
Bereit zum Kampf: Junge Kadetten in Berg-Karabach bei der Ausbildung (Florian Guckelsberger)

Wer in Berg-Karabach aufwächst, entkommt dem Krieg nicht: Weil Armenien und Aserbaidschan seit fast 30 Jahren dort um diese Region kämpfen. Und auch wenn seit Kurzem wieder verhandelt wird – der Krieg in den Köpfen bleibt.

In dem kleinen Dorf Togh, im Süden Berg-Karabachs, baut Karine Zakharyan an der Zukunft ihrer Heimat. Die gelernte IT-Managerin hat vor Jahren ihren Spitzenjob in Moskau aufgegeben, um in der Nähe ihres Geburtsortes ein neues Leben zu beginnen:

"Als mein Sohn aus dem Haus war, bin ich zu meinen Chefs bei Microsoft gegangen und habe ihnen mitgeteilt, dass ich gehen muss. Sie waren überrascht und haben mich zwei Monate lang gefragt, ob ich verrückt bin. Ich habe gesagt, ich brauche meine Freiheit. Ich will nicht mehr in einem großen Konzern arbeiten."

Weinanbau als Waffe gegen den Krieg

Rund eine Autostunde von der Hauptstadt Stepanakert entfernt will Zakharyan eine Reihe verfallener Steinhäuser zu Ferienwohnungen umbauen – mit großen Fenstern, die einen freien Blick auf die gebirgige Landschaft des Südkaukasus erlauben. Bislang kommen nur wenige Touristen nach Berg-Karabach, doch Zakharyan will das ändern – etwa, indem sie ein Weinfest organisiert:

"Es gibt ein sehr großes Potential in dieser Region. Als wir das erste Weinfest in Togh veranstaltet haben, haben die Dorfbewohner nicht verstanden, was wir hier machen. Sie hatten richtiggehend Angst davor. Sie sind umgeben von dieser wunderschönen Natur, aber realisieren nicht, dass sie im Paradies leben, aus dem man etwas machen kann. Im vergangenen Jahr, beim fünften Festival, haben die Dorfbewohner mitgetanzt. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Ich habe mein Ziel erreicht."

Karine Zakharyan im Porträt, im Hintergrund Weinpflanzen (Florian Guckelsberger)Karine Zakharyan will Touristen nach Berg-Karabach locken. (Florian Guckelsberger)

Kein einfaches Unterfangen, denn Berg-Karabach befindet sich im Krieg. Juristisch ist Berg-Karabach ein von Armenien illegal besetzter Teil Aserbaidschans. Ein Zustand, der seit 25 Jahren anhält, als ein Waffenstillstand 1994 den Konflikt einfror. Doch beendet ist er bis heute nicht. Täglich fallen Schüsse, sterben Soldaten beider Seiten. Und so ist schon die Wahl von Ortsnamen ein Politikum. Die Hauptstadt des De-Facto-Staates hieß in der Sowjetunion und auf Armenisch Stepanakert, auf Aserbaidschanisch Khankendi. Als Autoren entscheiden wir uns jeweils für die heute geläufigere Form.

Berg-Karabach: ein Staat ohne Anerkennung

Heute leben in Berg-Karabach vor allem Menschen armenischer Abstammung, da im Krieg nahezu alle Aseris geflohen sind. Die eine Hälfte der Bevölkerung spricht sich für einen Anschluss an das benachbarte Armenien aus, während die andere Hälfte einen eigenständigen Staat fordert. Und obwohl bislang kein anderes Land die Unabhängigkeit Berg-Karabachs anerkannt hat, gibt es dort eine Regierung, Polizei und Militär.

Die kräftige Frühlingssonne lässt die Weintrauben an den Hängen des Dorfes Togh groß und süß werden, die Äste der alten Bäume sind schwer von Maulbeeren. Hier scheint es leicht, den Krieg zu vergessen. Doch die Front mit Aserbaidschan ist im kleinen Berg-Karabach nie weit entfernt.

Auch in Togh hat der Krieg Zerstörung hinterlassen: Die Ruine eines ausgebrannten Kinos ist Zeuge der Bomben. Auf dem Boden liegen Reste einer Filmrolle, Szenen eines Bollywood-Films, die an das Leben vor dem Krieg erinnern.

Teenager verteidigen stolz ihre Heimat

Unterhalb des einzigen Flughafens liegt einer der wichtigsten Militärstützpunkte Berg-Karabachs. Am Ende der schnurgeraden Zufahrtsstraße wehrt eine Schranke unerwünschten Besuch ab. In den Baracken und Garagen des Armeelagers ist Platz für hunderte Soldaten und schweres Kriegsgerät.

Alle jungen Männer werden während ihres zweijährigen Wehrdienstes an der Waffe ausgebildet. Vor der Kaserne ist ein Trupp angetreten und macht sich bereit zum Aufbruch. Wohin es für sie geht, will Hauptmann Gegham Grigoryan, der uns an diesem Tag begleitet, nicht verraten. Die jungen Kadetten sind Teenager. Schüchterner Blick, unreine Haut. Dennoch schwillt dem 18-jährigen Arman Khachatryan die Brust, wenn er über sein Leben als Soldat spricht:

"Ich bin seit fünf Monaten bei der Armee. Ich mag alles am Wehrdienst. Wir geben alle unser Bestes, um gute Verteidiger unseres Heimatlandes zu werden."

Landschaft mit Häusern von oben fotografiert (Florian Guckelsberger)Berg-Karabach, ein von Armenien illegal besetzter Teil Aserbaidschans (Florian Guckelsberger)

Wer in Berg-Karabach aufwächst, entkommt dem Krieg nicht. Kriegsdenkmäler und Friedhöfe in allen Teilen des Landes erinnern an die Toten und Versehrten, die Veteranen und die Invaliden. Schüler berichten, dass jeder Klasse ein Gefallener zugewiesen wird – dessen Lebensgeschichte müssen sie lernen, sein Grab pflegen. Sein Porträt hängt im Klassenzimmer als permanente Mahnung.

Der alte Mercedes zieht eine Staubwolke hinter sich her. Niemand hat gesehen, wie der Wagen Stepanakert an diesem Sonntagmorgen verlassen hat. Der Fahrer genießt die Fahrt sichtlich, weicht den stetig größer werdenden Schlaglöchern auf der Schotterpiste feixend aus und dreht die Musik lauter.

Die größte Geisterstadt der Welt

Das Taxi bringt uns nach Ağdam. Einen Ort, den die Regierung Berg-Karabachs Journalisten nicht gerne besuchen lässt. Zu gefährlich, zu nah an der Front. Und so braucht es einen Fahrer mit Geschäftssinn und wenig Rücksicht auf diplomatische Erwägungen, um sich in der größten Geisterstadt der Welt umzuschauen.

Moschee mit zwei Türmen (Florian Guckelsberger)Nahezu alle Häuser von Ağdam sind bis auf die Grundmauern zerstört, aber die Minarette der großen Moschee haben überlebt. (Florian Guckelsberger)

Fast 30.000 Menschen lebten bis Kriegsbeginn in Ağdam. Heute sieht man nur noch einige Viehhirten mit Kühen durch die Straßen streifen. Nahezu alle Häuser der Stadt sind bis auf die Grundmauern zerstört, die Natur hat große Teile Ağdams zurückerobert. Der Wind pfeift durch leere Fensterrahmen, einige Vögel singen.

Das Einzige, was überlebt hat, sind die beiden Minarette der großen Moschee der Stadt. Vor rund 150 Jahren erbaut, erinnert das mehrfach überkuppelte Gotteshaus an das islamisch-persische Erbe Aserbaidschans. Plötzlich unterbricht für eine Sekunde das Stakkato von Maschinengewehrfeuer die Stille. Die Front ist nur wenige hundert Meter entfernt. Soldaten aus Berg-Karabach und Aserbaidschan belauern sich dort seit Jahrzehnten, feuern immer wieder aufeinander. Und so steht die Geisterstadt Ağdam wie kaum ein anderer Ort für die Unerbittlichkeit und Ausdauer, mit der dieser Krieg geführt wird.

Dabei geht es um die Frage, ob die Region Berg-Karabach ein eigenes Land ist oder nicht. Denn völkerrechtlich gehört Berg-Karabach zu Aserbaidschan. Und so lieferten sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das christliche Armenien und das muslimische Aserbaidschan einen blutigen Krieg um den Schwarzen Garten, wie Karabach wegen seiner vielen bewaldeten Berghänge übersetzt heißt.

Verpackt in billiges, dünnes Plastik hält Vera Grigoryan in der Hand, was ihr von Spartak geblieben ist: Ein Hemd, ein paar Sportschuhe, eine Heiratsurkunde. Der Sohn der 66-Jährigen kehrte 1994 nicht mehr von der Front heim.

Das Museum des vermissten Soldaten

Versteckt in einem unscheinbaren Gebäude im Hinterhof des kleinen Rathauses von Stepanakert hat Grigoryan das Museum des vermissten Soldaten aufgebaut. Die Gesichter hunderter junger Männer hängen an den Wänden des Museums, ihre Blicke gehen auf Glasvitrinen, die in der Mitte des großen Raumes stehen.

"Wir haben noch nicht einmal einen Friedhof, auf den wir zum Weinen gehen können. Dieses Museum ist deshalb ein heiliger Ort für uns Mütter, wir kommen hierher, bringen Blumen, wir weinen, wir lachen, wir singen für unsere Söhne, beten und tanzen gemeinsam."

Doch das eigentliche Herz des Museums ist eine Art Schrein, den Vera Grigoryan ihrem Sohn errichtet hat. Ein Foto, seine Uniform und die Flagge Berg-Karabachs.

"Mütter wie ich, wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden. Ich möchte die letzte Mutter sein, die den Verlust ihres Sohnes erleiden muss. Es ist wirklich eine beängstigende Erfahrung. Vor einigen Monaten sind mehrere aserbaidschanische Mütter mit mir in Kontakt getreten und haben mich gefragt, was wir tun sollen. Sollen wir ein gemeinsames Manifest von armenischen, aserbaidschanischen und berg-karabachischen Müttern unterschreiben, so dass der Krieg zwischen uns beendet wird?"

Zwar klingt Vera Grigoryan mit ihrer Gruppe von Müttern versöhnlich. Doch auch sie macht deutlich, dass sie nicht bereit ist, vom Anspruch auf Berg-Karabach abzurücken – und nicht bereit ist, auch nur einen Teil des besetzten Gebiets an Aserbaidschan zurückzugeben, solange Baku die sterblichen Überreste gefallener Soldaten nicht überführt.

Porträtfoto von Vera Grigoryan (Florian Guckelsberger)Vera Grigoryan, die ihren Sohn im Krieg verloren hat und das Museum des vermissten Soldaten leitet. (Florian Guckelsberger)

Im Zentrum der Hauptstadt Stepanakert. Trotz der isolierten Lage Berg-Karabachs ist die Innenstadt in einem guten Zustand: Viele Wege sind frisch gepflastert und die Geschäfte gefüllt.

Obwohl Berg-Karabach kaum nennenswerte Industrie besitzt, geht es vielen Menschen offensichtlich gut. Die global vernetzte und finanzkräftige armenische Diaspora überweist viel Geld. Es sind patriotische Investments, die das Leben in der umkämpften Enklave erleichtern: Etwa durch eine Schnellstraße, die der Hayastan All Armenian Fund spendiert hat.

Waffengeschäfte zeugen von der Präsenz des Krieges

Doch auch hier, in der friedlich wirkenden Innenstadt Stepanakerts, ist der Krieg präsent. Viele Männer tragen Tarnfleck und derbe Stiefel. An Wäscheleinen, die über die Straße gespannt sind, trocknen Uniformen, und es gibt erstaunlich viele Geschäfte, in denen Waffen verkauft werden: Jagdmesser, Pistolen und halbautomatische Schrotflinten. Am zentralen Platz, gegenüber dem Parlament, hat der Veteranenverband einen Prachtbau mit Blick über die Stadt bezogen. Mütter schieben Kinderwägen an großen Transparenten vorbei, die Scharfschützen, Milizen und Panzer zeigen.

Dass der Krieg nicht erneut eskaliert, dafür ist auch Armine Alexsanyan verantwortlich. Die Politikerin ist stellvertretende Außenministerin von Berg-Karabach. Sie betont im Gespräch, wie wichtig diplomatisches Geschick für ihre um internationale Anerkennung buhlende Heimat ist:

"Ich sage immer, wenn alle diplomatischen Türen verschlossen sind, nutzen wir diplomatische Fenster. Wir nutzen alle Kanäle außer den offiziellen. Zum Beispiel Partnerschaften zwischen Regionen oder Städten. Wir nutzen zum Beispiel auch parlamentarischen Austausch mit gewählten Abgeordneten, weil diese sich freier verhalten können."

Berg-Karabach muss über Lösung mitverhandeln

Kann es Frieden geben? Alexsanyan ist Berufs-Optimistin, doch auch sie weiß, dass die aserbaidschanische Regierung ihren Anspruch auf Berg-Karabach wohl kaum aufgeben wird. Aus ihrer Sicht muss aber sie in einem ersten Schritt zumindest anerkennen, dass die Regierung in Stepanakert bei Gesprächen über die Zukunft der Region mit am Tisch sitzt:

"Es ist doch vollkommen logisch, wenn der Waffenstillstandsvertrag 1994 von drei Parteien unterzeichnet wurde, dass auch ein Friedensvertrag von Aserbaidschan, Armenien und Berg-Karabach unterschrieben werden müsste. Wenn man die Partei außen vorlässt, die am stärksten gelitten hat, dann wird man dem Verhandlungsprozess nicht gerecht."

Warnschild vor Minen in russischer Sprache (Florian Guckelsberger)Warnung vor Minen: Die Erde von Berg-Karabach ist voller Sprengsätze. (Florian Guckelsberger)

Wie tief der Konflikt sitzt, wird im Norden Berg-Karabachs deutlich. Lilit Amirkhanyan gräbt hier Zentimeter für Zentimeter die Erde um, schabt an Wurzeln vorbei mit einer kleinen Schaufel. An dem bewaldeten Abhang sucht sie mit ihrem Team der internationalen Organisation HALO nach Minen, nicht explodierter Munition und Blindgängern. Das Gesicht der 25-Jährigen ist durch ein dickes Plastikvisier, ihr Körper durch eine Splitterschutzweste geschützt.

Trotz der schweißtreibenden Arbeit lächelt Amirkhanyan stolz: "Es ist eine große Ehre für mich, unser Land von Minen zu befreien, damit die Menschen es wieder nutzen können."

Die Erde von Berg-Karabach ist voller Sprengsätze. Immer wieder sterben Menschen und Tiere, wenn die Altlasten des Konflikts explodieren – denn Berg-Karabach gilt als eines der am stärksten verminten Gebiete weltweit. 

Karine Zakharyan, die junge Unternehmerin, stößt mit ihren Kollegen an. Kataro heißt der Rotwein, den Weinmeister Andranik Manvelyan gerade aus einem der schweren Holzfässer zur Verkostung ausgeschenkt hat. Bis zu 100.000 Flaschen werden in der Kelterei im Süden von Berg-Karabach jedes Jahr abgefüllt. Die Abnehmer sitzen in Russland, den USA und Westeuropa.

Der Wein macht die Region weltweit bekannt

"Wir machen nicht viel, um unseren Wein zu bewerben. Wir machen einfach nur ein sehr gutes Produkt und gute Produkte finden sehr schnell Liebhaber. Der Wein ist für uns aber auch ein Weg, Menschen von der Existenz Berg-Karabachs zu erzählen."

Am Gatter des Weinbergs hängt ein von der Sonne gebleichter Ziegenschädel, daneben bittet ein Hufeisen um Glück für seine Besitzer. Karine Zakharyan streift zufrieden über das Gelände, bindet einzelne Äste hoch. In Moskau hat sie eine vielversprechende Karriere in der IT-Industrie aufgegeben. Zu verlockend war das Versprechen des Weinguts in der alten Heimat. Bei klarer Sicht sieht sie die Front von hier. Wie erinnert sie sich an den Krieg?

"Ich habe es damals bedauert, dass ich kein Mann bin und hier für mein Vaterland kämpfen konnte, sondern als Mutter auf meinen Sohn aufpassen musste."

Dann formt sie mit ihren Händen ein Gewehr. Beide Zeigefinger nach vorne, Daumen nach oben. Für sie ist Berg-Karabach ein Teil Groß-Armeniens. Ihre Heimat würde sie nie kampflos aufgeben.

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