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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.02.2018

Konferenz im Literarischen Colloquium BerlinToledo als Leitbild der Übersetzer

Von Susanne von Schenck

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Haus des Literarischen Colloquiums Berlin in Berlin-Wannsee (imago / Gerhard Leber)
Das Literarische Colloquium in Berlin-Wannsee (imago / Gerhard Leber)

"Toledo – Übersetzer im Austausch der Kulturen" heißt ein neues Förder- und Austauschprogramm, weil die spanische Stadt einst kultureller Schmelztiegel war – und Ort intensiver Übersetzungstätigkeit. Im Literarischen Colloquium Berlin fand nun die Auftaktveranstaltung statt.

Es ist ein Branchentreff und ein Fest der literarischen Übersetzung gleichermaßen. Als Thomas Brovot, Vorsitzender des Deutschen Übersetzerfonds, um Punkt 19 Uhr die Gäste begrüßt, ist jeder Platz im großen Saal des LCB, des "Literarischen Colloquium Berlin" besetzt.

"Mit dem Namen Toledo stellen wir uns bewusst in die Tradition europäischer Übersetzungskunst. Das Programm wird literarische Übersetzer und Übersetzerinnen darin unterstützen, ihre Mittlerrolle in der Vermittlung von Kulturen aktiv auszuüben."

Förderung von Veranstaltungen, Expeditionen und Kooperationen

450.000 Euro stellt die Robert Bosch Stiftung dem Deutschen Übersetzerfonds nun jährlich für das international ausgerichtete Programm "Toledo" zur Verfügung - für Veranstaltungen, Expeditionen oder Kooperationen.

"Für mich ist es ein sehr besonderer Moment heute Abend", sagte Maja Sibylle Pflüger von der Robert Bosch Stiftung: "Weil wir die Übersetzerförderung der Robert Bosch Stiftung in die Hände des Deutschen Übersetzerfonds geben, eine Organisation, die von Übersetzern für Übersetzer gegründet wurde, und damit kommen die Fördermittel in die Hände der Übersetzer selbst."

Bald fließt der spanische Wein in Strömen und lockert die eh schon heitere Stimmung noch weiter auf. In den Räumen des LCB und auch auf der Terrasse sind Bühnen aufgebaut. Auf einer zerpflückt, gemeinsam mit dem Publikum, der amerikanische Autor Joshua Cohen, auch Festredner von "Toledo", die Tweets von Donald Trump. Nora Pröfrock aus Bergen berichtet, welche Spuren das Übersetzen verstörender Texte wie zum Beispiel über den Massenmörder Breivik hinterlässt.

Übersetzerin Claudia Hamm mit weißer Kochmütze und Schürze steht in der Küche des LCB und rührt sichtlich amüsiert Teig in einer Schüssel:

"Russisch Brot wird das. Wir backen hier Schrift. Wir werden diese Schrift auch verspeisen bzw. werden wir versuchen, andere Schrift aus dieser Schrift heraus zu essen. So ähnlich ist es ja manchmal beim Übersetzen."

Auf einer der Bühnen das Kollektiv "Wiese" aus Berlin-Moabit. Es lebt den "Traum von Toledo" im Kleinen nach: eine Übersetzerwerkstatt für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Erika Tophoven erinnert sich

Auch sie ist gekommen, die 86-jährige Erika Tophoven, Grande Dame der literarischen Übersetzung. Ihr Mann, der Beckett-Übersetzer Elmar Tophoven, hatte vor über 40 Jahren, eine Idee, die sich mit der Übersetzerschule von Toledo verband:

"Diese Toledo-Initiative wurde 1973 von meinem Mann ergriffen, denn ein Freund nahm ihn mit nach Toledo. Er hatte gerade erfahren, dass es dort eine Übersetzerschule gegeben haben soll. Er hat sich dann kundig gemacht und das als Vorbild genommen für die Europäischen Übersetzerkollegien, die daraufhin entstanden sind. Ich glaube, davon ist eine große Bewegung ausgegangen, wenn man dieses Wort noch einmal gebrauchen darf, denn der Name Toledo war, glaube ich, keinem Übersetzer vor 1973 bekannt."

Wie auch die Übersetzer selbst lange Jahre in der Öffentlichkeit ein Schattendasein führten, allenfalls irgendwo im Kleingedruckten genannt. Unsichtbar, unterbezahlt - und doch unverzichtbar. Vieles hat sich auch gebessert: Preise, Podien, Netzwerke, Stipendien.

Kampf um bessere Bezahlung

Der Berufstand kämpft jedoch nach wie vor um mehr öffentliche Wertschätzung und bessere Bezahlung.

Anja Kootz: "Das, was man bisher wahrnimmt von unserer Berufssparte, das sind inzwischen die Namen, aber nicht unbedingt ein Gesicht dazu. Und wir haben natürlich auch Gesichter."

Anja Kootz, Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen, macht sie sichtbar. Viele ihrer Kollegen hat sie Fotografiert. Im Treppenhaus des LCB werden ihre, von kleinen Texten ergänzten Schwarz-weiß Portraits an die Wand projiziert: Zu sehen sind Übersetzer aus aller Welt - ganz im Sinne von "Toledo" und der Idee des Abends, Übersetzer über sprachliche und politische Grenzen hinweg neu zu vernetzen.

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