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Musikfeuilleton | Beitrag vom 10.06.2019

Komponistin Galina UstwolskajaDie Unbeugsame

Von Julia Smilga

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Das Foto zeigt eine Landschaftsaufnahme aus Russland - im Vordergrund sind Gräser und ein See zu sehen, der Himmel ist von Wolken bedeckt. (dpa / picture alliance / Igor Ageyenko Xxx / Sputnik)
Russische Tundra: Die Kompositionen von Galina Ustwolskaja vertrauen auf einen fortlaufenden Puls und sind schroff und zart zugleich. (dpa / picture alliance / Igor Ageyenko Xxx / Sputnik)

Galina Ustwolskaja gilt neben Sofia Gubaidulina als die bedeutendste Komponistin Russlands. Nur 36 Stücke hat sie geschrieben, 25 davon ließ sie gelten – Ustwolskaja rang um jeden Ton.

Galina Ustwolskaja, eine der rätselhaftesten russischen Komponistinnen, wurde erst sehr spät entdeckt. Kraftvoll, schlicht und klar in der Botschaft erscheint ihre Musik.

Als die Werke der damals in Sankt Petersburg zurückgezogen lebenden Komponistin Anfang der 1990er Jahre durch Festivals in Europa allmählich bekannt wurden, rief ihre Musik Erstaunen hervor. Dass derart eigenständige und kompromisslose Kompositionen in der ehemaligen Sowjetunion völlig unbemerkt entstehen konnten, schien unmöglich.

Studium bei Schostakowitsch

Galina Ustwolskaja studierte am Leningrader Rimski-Korsakow-Konservatorium. Hier erhielt sie eine Aspirantur und leitete schließlich eine Kompositionsklasse an der dem Konservatorium angegliederten Musikfachschule.

Es ist bekannt, dass Schostakowitsch Galina Ustwolskaja als besonders begabt ansah. Er schenkte ihr einige Autographe seiner Werke mit persönlicher Widmung. Schostakowitsch bezeichnete Galina Ustwolskaja als sein "musikalisches Gewissen", er sprach mit ihr seine Partituren durch und soll versucht haben, die junge Komponistin in eine günstige Startposition zu bringen. Doch Ustwolskaja bestritt diese Bemühungen später und äußerte sich ziemlich vernichtend über ihren Lehrer.

Die Entwicklung als Komponistin in einem feindlichen Umfeld führte Ustwolskaja auf eigenständige musikalische Wege. Bereits Ende der 1940er-Jahre schrieb sie Partituren ohne Taktstriche, nur dem fortlaufenden Puls vertrauend.

Viele ihrer Werke sind im Einvierteltakt notiert, jeder einzelne Ton wird gleichwertig gewichtet. In ihren Notentexten begegnet man häufig der Überschrift "espressivissimo". Übersteht man den ersten Affront der Klangattacken, öffnen sich musikalische Welten, in denen Zartes und Schroffes in größter Intensität hörbar werden.

Mit starker unbeugsamer Kraft

Es war der Westen, der die damals 70-jährige Komponistin Ustwolskaja entdeckt und fasziniert angenommen hat. 1995, mit 76 Jahren, verlässt Ustwolskaja das erste Mal Sankt Petersburg und fährt nach Holland, wo der niederländische Dirigent Reinbert de Leeuw ihre Musik aufführt.

In der Sowjetunion hielt sich Ustwolskaja bedeckt. Äußerst selten sind ihre Werke dort aufgeführt worden, und das ist bis heute so geblieben.

Wie die Musik ihrer Lehrerin klingt, erfuhr die Musikwissenschaftlerin Olga Gladkova erst in den 1990er-Jahren, 25 Jahre nach ihrem Studium bei Ustwolskaja:

"Heute wird unser Musikleben in Sankt Petersburg von älteren Komponisten dominiert, die zu sowjetischen Zeiten ihre Karrieren absolvierten - und ihr Verhältnis zu Ustwolskajas Musik wurde damals wohl schon negativ geprägt. Dann ist ihre Musik nicht unbedingt ein Publikumsmagnet.

All dies führt dazu, dass Ustwolskaja in unseren Konzertsälen ein seltener Gast ist. Und dennoch würde ich es mir wünschen, dass man gerade in Sankt Petersburg mehr Ustwolskaja aufführt. Denn das war ihre Stadt! Diese Stadt hat eine besondere Aura, sie ist energisch, kraftvoll, intellektuell und auch tragisch. Und das ist die Aura von Ustwolskajas Musik.

Diese Mystik und das Gefühl der Ewigkeit, eine starke Kraft, die allem Bösen von außen widersteht – das ist der Inhalt ihrer Werke, das nenne ich 'Petersburger Stimmung' in ihrem Schaffen. So viele Menschen haben versucht, sie zu unterdrücken, sie auf die Knie zu zwingen mit Armut und Ablehnung. Und sie hat sich doch nicht gebeugt."

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