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Studio 9 | Beitrag vom 13.07.2018

Komponisten Nikolaus BrassErst war es Tennis, dann Medizin und nun die Oper

Von Michael Watzke

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Nikolaus Brass ist Komponist. Seine Oper "Die Vorübergehenden" feiert nun Premiere bei den Münchner Opern-Festspielen. Allerdings ist Brass auf höchst unkonventionelle Weise zum Komponieren gekommen. Und auf dem Weg dahin spielen Tennis und Medizin eine Rolle.

Vielleicht sitzt Nikolaus Brass bei der Uraufführung seiner Oper im Publikum ganz hinten rechts. Denn dort sind "diese Sitze für den Theater-Arzt. Das wäre doch auch eine interessante Position!" Denn: Der Opern-Komponist Brass, 68 Jahre alt, ist eigentlich Arzt. Er hat jahrzehntelang als Mediziner gearbeitet. "Ich bin noch approbiert, also privat könnte ich Sie behandeln. Ob Sie das wollten, ist eine andere Frage."

Heute behandelt Brass keine Patienten mehr, sondern Noten. Partituren. Und Libretti. "Seit sechs, sieben Jahren bin ich total frei und das, was ich immer sein wollte: Komponist." Seine zweite Oper, "Die Vorübergehenden", beginnt mit Atem- und Herzschlag-Geräuschen, als ringe die Hauptfigur, der "Liebende", auf der Intensiv-Station seines Lebens mit dem Tod.

"Das ist ein Hecheln und Klopfen und dann fängt der Chor an mit körpernahen Geräuschen. Und aus diesem ganzen körpernahen Zu-einem-Ton-Kommen entwickelt sich der Gesang, das Orchester. Es geht immer wieder in diese Geräusch-Ebene zurück und wieder hervor."

Die Oper "Die Vorübergehenden" ist ein Experiment. Musiker und Sänger bewegen sich durch eine große Halle zwischen mehreren Bühnen, die wie Inseln im Publikum liegen. Und auch die Zuhörer sollen sich bewegen. Sie sollen die Positionen der Darsteller einnehmen. Vorübergehend. "Es gibt eine Situation, wo sich alles öffnet. Wo das Musiktheater sagt: ‚Wir sind hier alle uns gegeneinander Vorübergehende.‘ Wir erzählen die Geschichte von einem, der spürt und sieht, wie sein Leben an ihm vorübergegangen ist. Aber wir alle sind ja in dieser Situation."

Der Augenblick seines Lebens

Gestern, bei der Generalprobe, wirkte Nikolaus Brass inmitten all der Hektik so ruhig wie ein Gefäßchirurg vor der Lungen-Transplantation. Während die Musiker ihre Instrumente einspielten und es im Saal wimmelte wie in der Notaufnahme einer überfüllten Klinik, sprach der Komponist über den Augenblick seines Lebens, in dem ihm klar wurde: Er will kein Arzt sein, sondern Komponist. "Für mich war es einfach zwingend, weil die Musik nicht aufgehört hat, an mir zu kratzen - als wäre sie im Keller eingesperrt gewesen, hätte geklopft und immer wieder gesagt: 'Ich will hier raus!'. Dieses Bild ist für mich stimmig. Ich saß da im Keller meines Lebens und dachte: Ich will hier raus! Ich lebe, ich will, ich brauche Luft. Du musst mit mir was machen."

Nikolaus Brass ist Komponist und Librettist in einer Person. Das sei praktisch, sagt er. Beim Komponieren werfe man regelmäßig Text weg oder es fehle ein Wort. Da er sein eigener Librettist sei, müsse er sich mit niemandem streiten. Auch nicht mit den Dichtern, deren Poesie er verwendet: "Das Libretto basiert auf Lyrik. Die größte Quelle sind Gedichte vom schwedischen Nobelpreisträger Tomas Tranströmer. Das sind sehr lakonische, aber existenziell ausgerichtete Texte darüber, wie wir in der Welt sind. Immer mit einer klaren Oberfläche, ich sehe die Realität, aber die Wirklichkeit ist geladen mit Affekten."

Wut, Trauer und Erschöpfung in den Klängen

Wut, Trauer, Erschöpfung, Hingabe, Liebe, Verzweiflung – jedes menschliche Gefühl gießt Brass in Klänge. In der echo-geladenen Akustik der Münchner Reithalle droht vieles davon zusammenzufließen – eine schwierige Aufgabe für die Dirigentin Marie Jacquot, die teilweise über Bildschirme mit den Sängern kommunizieren muss. Die junge Französin mag, mit welch bedingungsloser Hingabe Nikolaus Brass vom Mediziner zum Musiker wurde. Auch Jacquot ist eine Suchende: "Es ist etwas, das mich wirklich anspricht, weil: Ich habe auch erst mit Tennis angefangen. War ein 'rising star' im Tennis. Irgendwann dachte ich: 'Das ist nichts für mich, dieser Wettbewerb. Ich will etwas anderes machen. Hab' ein Posaunen-Studium in Paris gemacht. Dann dachte ich: Posaune ist es auch nicht. Und dann habe ich mit Dirigieren angefangen. Ich hoffe, ich bleibe dabei."

"Die Vorübergehenden" ist sowohl für Jacquot als auch für Brass die zweite Oper. Die Produktion der Münchner Opernfestspiele verbindet spannende Künstler wie die aufstrebende Sängerin Sarah Maria Sun, den Regisseur Ludger Engels. Und einen palästinensischen Dichter.

"Mahmud Darwisch. Eine große Stimme der arabischen Lyrik. Von dem habe ich einen Text verwendet, wo es um den Flüchtling geht. Den Reisenden, den Exilanten. Und das ist die Geschichte, die uns heute bewegt. Wie erkennen wir unsere Identität in der Beziehung zu dem, was wir als fremd erleben? Ist unsere Identität eine, die sich abschottet? Oder eine, die ihre eigene Fremdheit im sogenannten Fremden erkennt? Das ist der philosophische Hintergrund dieses Stückes."

"Die Vorübergehenden" feiert bei den Münchner Opernfestspielen Premiere. 

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