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Im Gespräch | Beitrag vom 01.07.2021

Komponist Klaus Wüsthoff "Ich bin Musik geworden"

Moderation: Katrin Heise

Klaus Wüsthoff sitzt lächelnd am Flügel. (Blackbird Music / Georg Moritz )
Klaus Wüsthoff (Blackbird Music / Georg Moritz )

Einst half ihm die Musik, die russische Kriegsgefangenschaft zu überleben. Später komponierte Klaus Wüsthoff den Jingle der Heute-Nachrichten, Werbemelodien, Jazz und Sinfonien. Heute, mit 99, schreibt er die Hymne zu Greta Thunbergs Klimabewegung.

Ein Gespräch mit Klaus Wüsthoff ohne Musik? Nicht vorstellbar! Der Mann vertont mit größtem Vergnügen die Namen seiner Gäste: "Das ist meine Visitenkarte." Mühelos verwandelt der Komponist auch die Buchstaben und Ziffern von Autokennzeichen in Töne - das ist sein Hobby beim Spazierengehen.

"Ich bin Musik geworden", sagt der 99-Jährige. Wer ihn erlebt, kann dieser Aussage nur zustimmen. Noch immer sitzt Wüsthoff am liebsten am Klavier und arrangiert neue Melodien: "Drei Zimmer sind bei mir voller Noten."

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Selbst wer den Namen Klaus Wüsthoff nicht kennt, kennt seine Kompositionen. Der Vorspann der "heute"- Nachrichten stammt von ihm. Für zahlreiche Produkte schrieb er die Werbemusik, darunter "Nutella", "Opel" und "Ferrero Küsschen".

Dann wären da Kompositionen für Musicals, Orchesterwerke und Schlager sowie seine Musiken für Zeichentrickfilme. Die Liste ließe sich fortsetzen. Und weil seine Frau forderte, das er "was Ernstes" machen solle, kamen auch noch Opern hinzu, darunter eine Zwölftonoper. Für Klaus Wüsthoff allerdings "ein schreckliches Stück".

"Ein buntes Leben durch den Rundfunk"

Besser hat der Komponist die Zeit für den RIAS, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor, in Erinnerung. Auch hier spielte Wüsthoffs Frau die entscheidende Rolle. "Meine Frau hat gesagt: `Du musst eine Festanstellung haben`."

Also nahm er in den frühen Fünfzigerjahren im RIAS eine Stelle als Aufnahmeleiter an, dabei hatte Wüssthoff anfänglich "überhaupt keine Lust darauf". Doch der Posten sollte sich für den Komponisten als Glücksfall erweisen: Bald stieg er zum Abteilungsleiter für Tanzmusik auf. "Jeden Tag kam eine andere Kapelle ins Haus. Wir haben wirklich 20 Minuten Orchestermusik pro Tag aufgenommen", erzählt der 99-Jährige.

Zahlreiche Kompositionen schrieb Wüsthoff in dieser Zeit, Auftragswerke für die einzelnen Radiosendungen. Darunter auch "eines meiner besten Klavierstücke", findet Klaus Wüsthoff. "Das war damals ein reiches Kulturleben. Es war ein ganz buntes Leben durch den Rundfunk."

Musik für Greta Thunberg

In seinem 100. Lebensjahr ist der Musiker an der Zukunft interessiert. Die Klimafrage beschäftigt ihn, hier will er sich mit seinen Mitteln einmischen. Also komponierte Klaus Wüsthoff in den letzten Jahren auch "Umweltmusik". Ausführlich beschreibt er das auf seiner Webseite und in seinem Instagramkanal, die Plattform hat er gerade für sich entdeckt.

Wüsthoff hält Kontakt zu "Fridays for Future". Nach einem Besuch der Klimaaktivistin Luisa Neubauer schrieb er für Greta Thunbergs das "Gretakonzert".

Schon vor 30 Jahren, so erzählt der Musiker, "hatte ich das erste Elektroauto in Berlin, mit 15 Batterien".

In Berlin wurde Klaus Wüsthoff am 1. Juli 1922 auch geboren, vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Früh bekommt er Klavierunterricht, spielt später auch weitere Instrumente.

In russischer Gefangenschaft habe ihm das sein Leben gerettet. Mit seinen Fähigkeiten ist er Mitglied im Lagerorchester:

"Ich habe zwei Operetten geschrieben während der Gefangenschaft. Ich habe immer Musik gemacht. Mit der Gitarre habe ich deutsche Volkslieder gesungen. Ich habe durch die Musik die Leute seelisch am Leben gehalten. Wenn man das in den Knochen hat, wird das immer Thema bleiben."

So sind es wohl auch diese Kriegserfahrungen, weshalb sich Klaus Wüsthoff für sein 100. Lebensjahr vorgenommen hat: "Ich möchte mich politisch äußern."

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