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Im Gespräch | Beitrag vom 13.08.2020

Komponist Arash Safaian"Dieses strenge Gesicht von Beethoven hat sich mir eingeprägt"

Moderation: Katrin Heise

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Der Komponist Arash Safaian erhält bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises im Prinzregententheater seine Auszeichnung in Form des "Pierrot".  (Picture Alliance / dpa / Tobias Hase)
Ausgezeichneter Komponist: Für die Filmmusik für "Lara" erhielt Arash Safaian nicht nur den Bayrischen Filmpreis, er komponierte dafür auch eigens ein Klavierkonzert. (Picture Alliance / dpa / Tobias Hase)

Ludwig van Beethoven war für Arash Safaian der musikalische Held seiner Kindheit im Teheran der 1980er-Jahre. Dann floh die Familie nach Deutschland. Heute ist Safaian ein preisgekrönter Komponist. Beethoven lässt ihn bis heute nicht los.

Arash Safaian ist vier Jahre alt, als sein Vater ihn mit in das Teheraner Musikgeschäft "Beethoven" nimmt. Ein Besuch mit Folgen:

"Dieses strenge Gesicht von Beethoven, das kennt man ja immer noch, und diese Ernsthaftigkeit. Das war da so wahnsinnig ikonisch in Rot auf jeder Kassette. Das hat sich mir halt eingeprägt. Was sich umso stärker eingeprägt hat, war dann die Musik. Das war meine erste richtige musikalische Erfahrung gewesen."

Gerade hat Safaian ein neues Album produziert: "This is (not) Beethoven". Darin arbeitet Arash Safaian sich an seinem großen Vorbild Beethoven ab.

"Ein Komponist des 21. Jahrhunderts schreibt natürlich immer Musik des 21. Jahrhunderts. Von daher gestaltet sich das anderes als zu Beethovens Zeit. Das ist eine andere Formvorstellung und auch eine andere Form von Sinnlichkeit und Erzählung. Das ist das Spannende und die Idee der Tradition: Wie kann sie sich fortführen? Natürlich nur dadurch, indem wir über das, was früher war, nachdenken und unsere Zeit da drauf reflektieren."

Von Teheran nach Franken

Sein Vater, Ali Akbar Safaian, ist ein bekannter der Maler und Bildhauer, einer der bedeutenden Vertreter der iranischen Moderne. Seine Mutter ist Grafikerin. Der Sohn, 1981 geboren, wächst in einem offenen, künstlerisch geprägten Haus in Teheran auf. Viele Schriftsteller und Dichter sind zu Gast, spannende Gespräche werden bei diesen Treffen geführt.

Bis 1986, dann gerät der Vater ins Visier des iranischen Geheimdienstes, die Familie verlässt das Land. Der neue Lebensmittelpunkt wird Pegnitz, ein kleiner Ort in Franken, wo Arash Safaian seine Kindheit und Jugend verbringt. Keiner spricht ein Wort Deutsch. Aber das Exil wird für die Familie zu einer positiven Erfahrung:

"Die Atmosphäre in Pegnitz war ein sehr tolle und die Freunde, die meine Eltern ziemlich schnell gefunden haben, sind immer noch ihre Freunde und fast wie eine zweite Familie. Es ist eine sehr warme Atmosphäre, in die wir da hineingekommen sind. Es ist ein sehr schönes Bild von einer neuen Heimat, die ich haben darf."

Kunst und Musik

Anfangs tritt Safaian in die Fußstapfen seines Vaters, schreibt sich für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg ein. Doch bald fühlt er sich mehr und mehr zur Musik hingezogen und zieht nach München. An der dortigen Hochschule für Musik und Theater studiert er Komposition.

Dem Visuellen ist er treu geblieben, denn der 39-Jährige komponiert auch Filmmusik. Zum Beispiel für den Film "Lara" mit Tom Schilling und Corinna Harfouch. Dafür wird Safaian 2019 mit dem Bayerischen Filmpreis in der Kategorie "Filmmusik" geehrt. Für "Lara" komponierte er nicht nur die Filmmusik, sondern auch ein komplettes Klavierkonzert:

"Tom Schilling präsentiert sein eigenes Klavierkonzert, es sind nur drei Minuten von dem Klavierkonzert da drin. Aber wir wollten das richtige Klavierkonzert als Fundament haben, das auch über den Film hinaus noch genießbar ist und einen Neuigkeitswert hat. So haben wir uns entschieden: Ja, das muss ein richtiges Klavierkonzert sein, damit es auch eine Echtigkeit hat. Das ist wirklich etwas Einzigartiges, weil so viele Filme mit einem echten Klavierkonzert, extra für einen Film geschrieben, kenne ich eigentlich nicht."

Der Bär in der Zelle

2017, zum 50. Jahrestag des Todes von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, komponiert Safaian eine politische Oper: "Der Schuss 2-6-1967" spielt vor dem Hintergrund der Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin, bei denen der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde.

Der Librettist Bernhard Glocksin thematisiert mit der Oper auch die damalige Spaltung der Gesellschaft. Safaian versucht, musikalisch das Lebensgefühl, das damals in der Luft lag, mit den Mitteln der heutigen Zeit widerzuspiegeln. Mit "Der Schuss 2-6-1967" knüpft der Komponist auch an seine iranische Herkunft an. Eine Passage in der Oper beruht auf einer Erzählung seines Vaters:

"Es gibt eine Szene in der Oper, wo ein Mann im Gefängnis mit einem Bären ist. Das ist eine Szene von einem sehr bekannten persischen Schriftsteller, einem guten Freund meines Vaters. Den haben sie tatsächlich mit einem Bären ins Gefängnis getan. Diese Szene wollte Regisseur Bernhard Glocksin aufgreifen, um die Intensität dieser Repression darzustellen, die wiederum einen Ausschlag hatte in die politischen Ereignisse in Deutschland."

(svs)

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