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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.12.2016

KommunismusDas wird es niemals wieder geben

György Dalos im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der ungarische Schriftsteller György Dalos. (picture alliance /  ZB / Karlheinz Schindler)
Der ungarische Schriftsteller György Dalos. (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)

Der Kommunismus – was bleibt von seiner Ideologie und Politik? Diese Frage wird heute auf einer Podiumsdiskussion in Berlin gestellt. Einer der Diskutanten, der Schriftsteller György Dalos, gibt bei uns vorab Antwort: nicht viel.

Der Kommunismus spielt inzwischen als reales Gesellschaftskonzept kaum noch eine Rolle auf der Welt. Dennoch haben Ideologie und die zugrunde liegenden Werte noch immer Einfluss.

Der ungarische Historiker und Schriftsteller György Dalos ist im Kommunismus aufgewachsen, er gehörte zu den Mitbegründern der Demokratie in seinem Heimatland. Heute lebt er in Berlin.

Seiner Ansicht nach hat der Kommunismus ausgedient: Die Idee sei inzwischen ein "reines Historikum", sagte er im Deutschlandradio Kultur. "Ich glaube nicht, dass es noch einmal gelingt, das Paradies auf Erden, das Versprechen (darauf), mit einer Diktatur zu verbinden", betonte Dalos. Die Verknüpfung der Idee von der menschlichen Gleichheit mit absolutistischer Staatsmacht sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen.

Das Karl-Marx-Monument ist eine 7,10 Meter (mit Sockel über 13 Meter) hohe und ca. 40 Tonnen schwere Plastik, die den Kopf von Karl Marx stilisiert darstellt. Es ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt Chemnitz und befindet sich im Stadtzentrum an der Brückenstraße nahe der Kreuzung zur Straße der Nationen.  (imago stock&people/ Schöning)Karl-Marx-Monument in Chemnitz (imago stock&people/ Schöning)

Der Kommunismus sei Teil seiner Biografie, so Dalos. Mit 20 Jahren sei er überzeugter Kommunist gewesen und habe auch daran geglaubt, dass noch zu seinen Lebzeiten die gerechte Gesellschaft verwirklicht werden würde.

Je älter er dann aber geworden sei und je mehr konkrete Erfahrungen er damit gesammelt habe, umso "radikaler" habe er sich von dem System - nicht so sehr von der Utopie - abgewandt, erzählte er: "Ich glaubte einfach nicht mehr, dass die Leute, die unsere Gesellschaft führten, auch selber ebenso überzeugt waren wie ich." (ahe)



Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: In Europa ist es morgen fast genau 25 Jahre her, als mit der Sowjetunion auch der Kommunismus das Zeitliche segnete. Viele Fragen stellen sich doch bis heute, und der ungarische Schriftsteller György Dalos ist im Kommunismus aufgewachsen, gehörte zu den Mitbegründern demokratischer Opposition. Heute lebt er in Berlin. Und er diskutiert zum Abschluss der Veranstaltungsreihe "Mythen und Legenden des Kommunismus" heute mit anderen Historikern auf dem Podium im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst. Was bleibt von der Ideologie und Politik des Kommunismus? Herr Dalos, schönen guten Morgen!

György Dalos: Schönen guten Morgen!

von Billerbeck: Morgen jährt sich das Ende, das offizielle Ende der Sowjetunion. Am 8. Dezember 1991 war das. Das heißt, der Eiserne Vorhang war gefallen, die UdSSR und der Kommunismus am Ende. Offiziell spielt die kollektivistische Ideologie heute ja nur noch in China und Korea eine Rolle. Ist also nicht mehr viel von dieser Idee übrig?

Von Anfang an zum Scheitern verurteilt

Dalos: Das ist nicht einfach eine Idee, sondern das war in einer ganz anderen Form die Idee des 19. Jahrhunderts, und das hieß nicht Kommunismus, sondern Sozialismus. Und ich glaube, dass das, was dann daraus entstand, und zwar die Verknüpfung der Idee der menschlichen Gleichheit und, ich würde sagen, des sozialen Verhaltens, mit einer absolutistischen Staatsmacht, das war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

von Billerbeck: Nachdem man sich ja in Russland und vor allem in den anderen Staaten der GUS ganz radikal abgekehrt hatte vom Kommunismus, wo steht die Idee denn heute, das, was Sie aus dem 19. Jahrhundert hergeleitet haben als Sozialismus und der Idee von Gleichheit?

Straßenbild in Havanna: Konterfeis unter anderem von Fidel castro und Ernesto "Che" Guevara.  (dpa / picture alliance / Fredrik von Erichsen)Helden der Vergangenheit: Straßenbild in Havanna mit den Konterfeis von Fidel castro und Che Guevara (dpa / picture alliance / Fredrik von Erichsen)

Dalos: Die Idee ist an und für sich ein reines Historikum. Ich glaube nicht, dass es noch einmal gelingt, das Paradies auf Erden als Versprechen mit einer Diktatur zu verbinden. Was nicht bedeutet, dass keine weitere Diktaturen mehr möglich sind. Aber das ist natürlich das Ende eben dieses Versuchs, die Utopie zu verwirklichen.

von Billerbeck: Immerhin sind aber die Kommunisten die zweitgrößte Partei in Russland und auch in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion wählen viele noch immer kommunistisch. Sind das nur alte Kader oder Verlierer des Zerfalls der Sowjetunion?

Dalos: Nein. Das ist natürlich ein normaler Prozess, weil einerseits die Leute, die noch im Kommunismus lebten, nicht gern von ihrer Jugend und von ihren Träumen oder sogar einfach von der damaligen Stabilität der 70er-, 80er-Jahre Abschied nehmen wollen. Und andererseits ist die kommunistische Parteien eine von den vielen, und unter solchen gibt es Leute, die aus Protest gegen die nicht kleinen Probleme des auch nicht besonders demokratischen Systems einfach diese Partei wählen ebenso wie auch andere Parteien wählen können.

Lenin und andere kommunistische Statuen auf einem Depotgelände bei Silven in Bulgarien. (picture alliance / WOSTOK PRESS/MAXPPP)Lenin und andere kommunistische Statuen auf einem Depotgelände bei Silven in Bulgarien (picture alliance / WOSTOK PRESS/MAXPPP)

von Billerbeck: Nun haben Kommunisten ja immer den Internationalismus, die internationale Solidarität hochgehalten, jedenfalls offiziell. Wenn wir aber in die osteuropäischen Länder schauen, dann gibt es dort viel Nationalismus. Wie passt das zusammen?

Dalos: Das hängt noch damit zusammen, dass man im Kommunismus den Internationalismus einfach so interpretiert, dass das sowjetische Modell überall, in Ländern von China bis zur DDR, verbreitet worden war. Und man ignorierte die nationalen Traditionen der einzelnen Länder. Ein ganz eklatantes Beispiel in Osteuropa war, dass die russische Sprache als obligatorisch an den Schulen verbreitet wurde, unabhängig davon, ob die Leute diese oder eine andere Sprache lernen wollten.

von Billerbeck: Was bedeutet für Sie eigentlich persönlich Kommunismus bis heute?

Dalos: Das ist Teil meiner Biografie, Teil meines Lebens. Ich war mit 20 ein überzeugter junger Kommunist und glaubte auch daran, dass diese gerechteste aller Gesellschaften noch zu meinen Lebzeiten verwirklicht wird.

Nicht die Utopie, das System war falsch

Und dann natürlich, je mehr ich erwachsen wurde und je mehr ich konkrete Erfahrungen gesammelt hatte, desto radikaler, würde ich sagen, wandte ich mich von diesem System, nicht so sehr der Utopie als dem System, ab. Ich glaubte einfach nicht mehr, dass die Leute, die unsere Gesellschaft führten, auch selbst ebenso überzeugt waren wie ich.

von Billerbeck: Nun sind Sie Ungar, leben aber in Berlin. Wenn Sie nach Deutschland gucken, was ist da vom Kommunismus übrig? Wo sehen Sie den noch?

Dalos: Es gibt sicher auch heute also Parteien, ich weiß, nicht mehr, es gibt linke Parteien, und linke Parteien sind teilweise antikapitalistisch, was ich absolut legitim finde, und ihre Kritik am Kapitalismus mag auch sehr viel Richtiges enthalten. Aber kommunistische Parteien gibt es auch hier nicht mehr.

Tausende Rumänen jubeln am 24. Dezember 1989 in den Straßen von Bukarest. In der Zeitung ist zu lesen, dass Diktator Ceausescu und seine Frau verhaftet wurden. (AFP / Christophe Simon Joel Robine)24. Dezember 1989: Tausende Rumänen jubeln in den Straßen von Bukarest. In der Zeitung steht, dass der Diktator Ceaușescu und seine Frau verhaftet wurden (AFP / Christophe Simon Joel Robine)

Es ist aber möglich, dass besonders alte Leute, die bestimmte Züge des Sozialismus, sage ich, es hieß – schließlich Kommunismus war nur das Endziel - also bestimmte Ziele des Sozialismus schätzten, und dass sie noch daran immer glauben. Es gab auch zweifelsohne Sachen, die als Sehnsucht weiterleben, die Vollbeschäftigung, Gesundheitswesen, also kostenloses Gesundheitswesen, kostenloses Schulwesen, für die Intellektuellen die Garantie für Kultur – und das sind Sachen, die immer noch nachwirken.

von Billerbeck: György Dalos war das, der ungarische Schriftsteller. Heute diskutiert er zusammen mit Historikern über Mythen und Legenden des Kommunismus im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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