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Sein und Streit | Beitrag vom 29.12.2019

Kommentar zur JahreswendeAnfänge denken, Denken anfangen

Von Andrea Roedig

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Rundes Fenster mit Glasmalerei - Die Erschaffung der Sterne - in der Stiftskirche Saint-Martin in Champeaux, Frankreich. (imago images / Leemage / Jean-Paul Dumontie)
Großer Knall oder unmerklicher Beginn? Die Erschaffung der Sterne, dargestellt in einem Kirchenfenster. (imago images / Leemage / Jean-Paul Dumontie)

Das alte Jahr steckt uns noch in den Knochen, und schon müssen wir ein neues beginnen. Doch wie können wir überhaupt einen Anfang setzen, wenn ihm immer schon etwas voraus geht? Und erkennen wir Anfänge immer nur vom Ende her?

Aller Anfang ist schwer, das zeigen in unseren Breiten eindrücklich die ersten Tage im Januar, blass, kurz und still liegen sie da, wie frisch angeschnitten ist das Jahr, und bis es richtig losgeht, wird es noch eine Weile dauern.

Ein Nachdenken über Anfänge zeigt, dass es nicht den einen Anfang gibt, sondern nur verschiedene Arten des Anfangens oder verschiedene Weisen, wie wir uns den Anfang vorstellen: als großen Knall der creatio ex nihilo oder als sanften, unmerklichen Beginn, der sich langsam zur Sichtbarkeit hin entwickelt.

Diesen Vorstellungen gemeinsam ist aber, dass wir den absoluten Anfang eigentlich nicht denken können. Selbst beim Urknall, dem heute gängigen naturwissenschaftlichen Schöpfungsmythos, fragen wir ja: "Und was war davor?" Der Anfang ist ein Denkmodell, eine gesetzte Zäsur in der Zeit, ein Entschluss oder eine nachträgliche Festlegung: Da hat es angefangen.

Wo fängt das Denken an?

In seiner "Wissenschaft der Logik" behandelt Georg Wilhelm Friedrich Hegel das Problem des Anfangs in der Philosophie: Womit muss das Denken beginnen? "Das Einfache, das sonst keine weitere Bedeutung hat, dieses Leere ist also schlechthin der Anfang der Philosophie", schreibt er.

Porträt der Publizistin Andrea Roedig. (Elfie Miklautz)Anfänge sind ermutigende Illusionen: die Philosophin Andrea Roedig. (Elfie Miklautz)

Es ist aufschlussreich, sich in dieser Hinsicht die ersten Sätze klassischer philosophischer Werke anzusehen. Da gibt es die starken, entschiedenen Aussagen: "Alle Menschen streben nach Wissen", so beginnt Aristoteles‘ Metaphysik. "Dass alle Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran liegt gar kein Zweifel", lässt Kant seine Kritik der reinen Vernunft beginnen.

Sehr harmlos und erzählend hebt dagegen einer der schwierigsten Texte der Tradition an, Platons Dialog Parmenides: "Als wir (..) zu Athen angekommen, begegneten wir auf dem Markt dem Adeimantos und Glaukon." Berühmt berüchtigt ist der erste Satz in Wittgensteins Tractatus: "Die Welt ist alles, was der Fall ist."

Den Anfang erkennen wir nur vom Ende her

Alles steckt schon in diesen ersten Sätzen und alles Weitere wird sich aus ihnen entwickeln. Meist aber sind diese Anfänge gar nicht wirklich die allerersten Sätze im Buch – es gehen ihnen eine oder auch zwei Vorreden voraus und dann noch eine Einleitung, was uns zeigt: Anfänge brauchen eine Vorbereitung, eine Art Rampe, von der aus sie starten können. Und sie brauchen eine Folge. Denn dass etwas wirklich ein Anfang gewesen ist, lässt sich nur von hinten her erkennen.

Hegel, der Dialektiker, wusste das natürlich, dass der erste Satz eigentlich den letzten schon enthält oder umgekehrt, dass der letzte Satz sich als die Grundlage des ersten erweist. Und oft entstehen die ersten Sätze ja zum Schluss. Wie wäre es eigentlich, sich vorzustellen, dass der Beginn der Schöpfung noch bevorsteht? Dass auch Gott, oder die Natur, ihr erstes Kapitel erst am Ende schreibt?

Feste der Freiheit

Anfänge sind Illusionen, doch wie schön, dass wir in Anfängen denken: Tabula rasa, alles auf Anfang, a fresh start. Der Anfang ist eine Anstrengung, ein Kulminationspunkt, ein Fest der Freiheit. Davor allerdings war meist doch schon was, und danach geht es weiter: Nach dem ersten Satz werden die meisten philosophischen Schriften richtig kompliziert, so wie der Januar nach dem Silvester. Nicht der Anfang, das Weitermachen ist schwer.

Andrea Roedig ist Philosophin und Publizistin. Sie ist Mitherausgeberin der österreichischen Kultur- und Literaturzeitschrift "Wespennest". 2015 erschien ihr gemeinsam mit Sandra Lehmann verfasster Interviewband "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" im Klever-Verlag, kürzlich ihr Essayband "Schluss mit dem Sex".

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