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Sein und Streit | Beitrag vom 26.05.2019

Kommentar zum Ende des UrkilosDas Alte hat abgedankt

Von David Lauer

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Das Bild zeigt einen Prototypen des Urkilogramms (undatiertes Handout der Physikalisch Technischen Bundesanstalt). Es steht gut behütet unter drei Glasglocken bei Paris.  (dpa / Physikalisch-Technische Bundesanstalt)
Das Urkilo in Paris war unter drei Glasglocken geschützt – und verlor trotzdem an Gewicht. (dpa / Physikalisch-Technische Bundesanstalt)

Seine globale Rolle ist er los: Der Zylinder in Paris, der seit 130 Jahren als "Urkilo" das Maß aller anderen Kilogramme dieser Welt war, wird durch eine rechnerische Formel abgelöst. Ein Kommentar von Philosoph David Lauer.

Ludwig Wittgenstein, der erste philosophische Twitterer, bemerkte einmal: "Man kann von einem Ding nicht aussagen, es sei 1 Meter lang, noch, es sei nicht 1 Meter lang, und das ist das Urmeter in Paris."

Das Urmeter, dieser konkrete physische Gegenstand, definiert die Länge, die wir "ein Meter" nennen. Der Gegenstand selbst, nicht die Länge, bildet den Maßstab, mit dem verglichen wird. Deshalb kann man die Länge des Urmeters selbst nicht in Metern messen, weil das hieße, das Urmeter mit sich selbst zu vergleichen.

Folglich ist es falsch, zu sagen, das Urmeter sei nicht einen Meter lang, und zwar logisch falsch, weil selbstwidersprechend, und deshalb unsinnig. Wittgenstein folgerte, dass es in diesem Fall ebenso unsinnig sei zu sagen, dass das Urmeter einen Meter lang ist. Zwar klinge dieser Satz wie eine zutreffende Feststellung, sei jedoch in Wahrheit eine inhaltlose Tautologie: eine Rose ist eine Rose ist eine Rose und ein Meter ist ein Meter ist ein Meter.

Die Natur des Meters

Wittgenstein ging davon aus, dass Maßeinheiten willkürliche Setzungen sind. Egal, ob Meter, Ellen oder Meilen: Stets fügt sich die Natur dem Maß, das ihr gegeben wird. Die Maßeinheit ist der absolute Souverän. Sie ist an kein Gesetz gebunden – sie ist das Gesetz.

Tatsächlich aber ist es viel komplizierter. Die Geschichte der Vermessung der Welt ähnelt dem ewigen Ringen zweier ineinander verschlungener Gegner. Immer wieder muss sich dabei die selbstherrliche Setzung der Berufung auf die Natur der Dinge oder die Natur des Menschen geschlagen geben.

David Lauer steht für ein Porträt-Bild vor einem grauen Hintergrund. (© Fotostudio Neukölln / Gunnar Bernskötter)Der Philosoph David Lauer (© Fotostudio Neukölln / Gunnar Bernskötter)

Als das Meter-Maß im nachrevolutionären Frankreich erdacht wurde, sollte die neue Einheit keineswegs willkürlich sein. Der Meter sollte seine Würde vielmehr der Tatsache verdanken, dass er der Gestalt des Globus abgenommen war. Er wurde definiert als der zehnmillionste Teil der Strecke zwischen dem Nordpol und dem Äquator. Am Anfang also gab die Natur das Maß. Übrigens musste die Länge der Strecke erst ermittelt werden, was nicht ohne Ungenauigkeiten abging.

Daher war das Urmeter in Paris, Wittgensteins Auffassung zum Trotz, schon bei seiner Anfertigung in Wahrheit nicht einen Meter lang. Das Zepter des definitorischen Standards musste erst vom natürlichen Erdball auf das Artefakt aus Platin übertragen werden, damit nun es zum Maß aller Dinge werden konnte.

Ungewollter Gewichtsverlust

Allerdings hat es seine Herrschaft nicht bis in unsere Zeit verteidigen können. Seit 1983 wird der Meter wieder aus einer Naturkonstante, nämlich der Lichtgeschwindigkeit abgeleitet. Und so steht es mit allen sieben Grundeinheiten des globalen Messwesens.

Als letzten absoluten Souverän hat es nun das Urkilo erwischt, das ebenfalls in Paris ansässig war, wo sonst. Das Urkilo musste abdanken, weil es nicht mehr ein Kilo schwer war. Allein um dies denken zu können, musste freilich ein neuer Standard her. Es waren die weltweit verbreiteten, offiziell anerkannten Kopien des Urkilos, seine Abkömmlinge, die sich dazu hergaben. Obwohl sie ihre Autorität nur der seinen verdankten, führten sie den Umsturz herbei. Gemessen an ihrem Maß offenbarte sich die Hinfälligkeit des königlichen Körpers.

Die Demokratisierung des Messens

Gebracht hat es ihnen nichts, im Gegenteil: Man braucht sie allesamt nicht mehr. Seit dieser Woche wird das Kilogramm in einer komplizierten, aber selbst im hintersten Winkel des Universums anwendbaren Berechnung aus der sogenannten Planck-Konstante hergeleitet. Dieses universale Naturgesetz kennt keine königlichen Privilegien mehr.

Die Chefs der deutschen und der US-amerikanischen staatlichen Messbehörde nannten dies stolz eine Demokratisierung des Messens. Die Welt der Maßeinheiten und die Welt der Politik haben mehr miteinander gemein, als man üblicherweise glaubt.

David Lauer ist Philosoph und lehrt an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

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