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Sein und Streit | Beitrag vom 29.10.2017

Kommentar zu UnabhängigkeitsbestrebungenLust auf doppelten Gewinn

Von Arno Orzessek

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Participants in a march and rally for Scotland's independence in Edinburgh (picture-alliance/dpa/Robert Perry)
Teilnehmer einer Demonstration für die Unabhängigkeit Schottlands. (picture-alliance/dpa/Robert Perry)

Katalonien und Schottland streben nach Unabhängigkeit, wollen aber in der EU bleiben: Ist das ein theoretischer Widerspruch? Wie lässt sich diese Ambivalenz erklären?

Was ist da eigentlich los in Katalonien?

Da strebt also eine der autonomen Regionen Spaniens nach völliger Unabhängigkeit von Madrid.

Als unabhängiger Staat jedoch würde Katalonien gern unverzüglich wieder der EU beitreten, der es bis heute als ein Teil Spaniens angehört. So erhoffen es sich viele Unabhängigkeits-Befürworter, die ihre Kampagne 2010 unter dem kecken Motto "Katalonien – ein neuer Staat in Europa" gestartet haben.

Das riecht nach Widerspruch: Einerseits unter Missachtung geltenden Rechts um nationale Souveränität kämpfen, sich andererseits aber schon vorab der - an Regeln reichen - EU andienen! Einerseits strikt auf das Eigene pochen, andererseits den transnationalen Verbund befürworten!

Und was für Katalonien gilt, gilt abgewandelt auch für Schottland.

Den dortigen Befürwortern der Unabhängigkeit vom Vereinigen Königreich missfällt es, durch den Brexit aus der EU zu fliegen. Sie wollen mehrheitlich drin bleiben und planen deshalb Abspaltung.

So überkreuzen sich in Katalonien und Schottland zwei politisch-gesellschaftliche Impulse.

Folgt man den Gedanken des Soziologen Andreas Reckwitz in dem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten, lassen sich die Souveränitäts-Befürworter den sogenannten "Neogemeinschaften" zurechnen.

Neogemeinschaften bestehen nicht etwa aus antimodernen Traditionalisten und Ewiggestrigen. Sie folgen vielmehr der Tendenz zur Singularisierung, die laut Reckwitz ein wesentliches Merkmal des nachmodernen Zeitalters ist.

Angefangen beim Individuum und seinem Lebensstil über die markante Profilbildung von Städten bis hin zu fundamentalistischen Religionsgruppierungen sei eine "Explosion des Besonderen" auf Kosten des Allgemeinen zu beobachten.

Die politischen Neogemeinschaften Kataloniens und Schottlands betreiben, drückt man es in den Begriffen von Reckwitz aus, "die Singularisierung von kulturellen Kollektiven als besondere und nichtaustauschbare mit ihrer besonderen Geschichte, teilweise auch mit einer besonderen Ethik und einem besonderen Raum, den sie besetzen."

Reckwitz spricht von "Kulturessentialismus", in dem das eigene Kollektiv – und kein anderes – der Träger der Werte ist, die es zu vertreten und zu verteidigen gilt.

Habermas: EU als Weg zum Ziel Weltgesellschaft

Die EU allerdings versteht sich, trotz aller Mängel in der Realität, selbst als Wertegemeinschaft. Und sie ist dem Allgemeinen und Standardisierten weit mehr verpflichtet als dem Besonderen und Singularisierten.

Zwar verlangt sie von ihren Mitgliedern nicht die restlose Übertragung von Souveränitätsrechten, besteht aber wohl darauf, dass diese Rechte im Verbund wahrgenommen werden.

Aus Sicht des Philosophen Jürgen Habermas ist die EU sogar ein "entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft"...

Und diese wäre mit Kulturessentialismus und singularisierten Kollektiven als maßgeblichen Werte-Trägern schlechterdings unvereinbar.

Warum also wollen viele Katalanen und Schotten zwar von Madrid beziehungsweise London unabhängig sein, aber gleichzeitig die Verbundenheit mit Brüssel erhalten?

Nun, die Wenigsten von ihnen orientieren sich an Reckwitz oder Habermas.

Zwar hat der Wunsch nach nationaler Souveränität in der Tat in beiden Fällen mit Singularisierung zu tun, aber diese wird im Zweifel flexibel gehandhabt.

Und allen normativen Ansprüchen à la Habermas zum Trotz gilt die EU auch Katalanen und Schotten vor allem als ökonomisch nützlicher Verbund - weniger als transnationales Demokratie-Laboratorium, von dem ernsthafte Übergriffe auf die eigene Kultur zu befürchten wären.

Die Unabhängigkeits-Kämpfer erhoffen sich schlicht ein win-win-Spiel. Sie wollen ihrem besonderen Kollektiv politische Unantastbarkeit sichern, aber dessen günstige wirtschaftliche Beheimatung nicht aufgeben. Theoretische Inkonsequenz spielt da keine große Rolle.

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