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Studio 9 | Beitrag vom 13.11.2014

KommentarWar Warhol nur der Anfang?

Öffentliche Einrichtungen sollten ihre Kunstwerke nicht verkaufen dürfen

Von Ludger Fittkau

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Das Bild "Jakobs Segen" von Rembrandt im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
"Jakobs Segen" von Rembrandt im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel - Wird dieses Bild bald verkauft, um den hessischen Haushalt zu sanieren? (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Das Land Nordrhein-Westfalen hat mit dem Verkauf von zwei Bildern des Künstlers Andy Warhol rund 122 Millionen Euro eingenommen. Unser Kommentator Ludger Fittkau ist entsetzt. Er fürchtet, dass andere Bundesländer nun ähnlich handeln werden.

135 Millionen Dollar für zwei Warhols, die einst zusammen für nicht einmal 200.000 Dollar gekauft wurden?  Da könnte man doch sagen: Ist doch ein Super-Geschäft für ein hochverschuldetes Bundesland wie Nordrhein-Westfalen. Dort, wo an jeder Ecke zwischen Aachen und Bielefeld, Bocholt und Siegen klamme Kommunen Schwimmbäder schließen müssen und Fassaden von Schulgebäuden bröckeln?

Hessisches Finanzministerium lässt alle Kunstwerke schätzen

Kunstförderung nach Kassenlage – das könnte schnell Schule machen. Reißt so etwas erst einmal ein, dürften sich auch in Nachbarbundesländern fix Nachahmer finden. In Hessen zum Beispiel. Dort hat das Finanzministerium gerade alle Kunstwerke schätzen lassen. Mehrere Milliarden Euro Wert  kamen da zusammen. Den Kommunen in Hessen geht es kaum besser als in Nordrhein-Westfalen. Also könnte die Devise doch lauten: Der Rembrandt in Kassel, der Holbein in Frankfurt am Main oder auch die Warhols, die in Darmstadt hängen – raus damit aus den staatlichen Museen und damit die Haushalte sanieren!

Museen sind kein Luxusgut

Genau das aber will in Hessen niemand und das ist gut so. Die Förderung der Kunst dient dem Gemeinwohl, sagt sogar das Finanzministerium. Dass ist nicht nur die richtige Haltung, weil es  die Direktoren der staatlichen Museen aufatmen lässt. Kunstförderung als Staatsziel – das macht auch deutlich, dass Museen und andere Kultureinrichtungen kein Luxusgut sind, die zur Dispositionsmasse werden können, wenn es an anderen Stellen des Gemeinwesens zwickt.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Es ist die Kunst, die gerade in Krisenzeiten das Leben lebenswert macht. Denn  gerade in Zeiten finanzieller Engpässe brauchen Menschen die Kunst. Was wäre ein Ruhrgebiet im Strukturwandel ohne das Essener Folkwang-Museum  oder das Lehmbruck-Museum in Duisburg? 

Kunst bietet Sinnstiftung

Es ist kein Zufall, dass nach anfänglicher Skepsis die Begeisterung in Nordrhein-Westfalen für Kulturhauptstadt Europa "Ruhr 2010" riesengroß war. Gerade, wenn der Rubel nicht mehr so rollt wie in den Zeiten, als die Schlote noch im gesamten Revier rauchten, sehnt man sich nach neuen sinnstiftenden Momenten. Die Kunst kann sie bieten. Dafür darf man sie nicht verkaufen. So sehr es auch den Haushältern in den Fingern juckt, wenn die Gewinnspannen so groß sind wie jetzt im Fall der Aachener Warhols. Kunstförderung nach Kassenlage? Förderung des Gemeinwohls sieht anders aus!

 

Mehr zum Thema:

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