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Sein und Streit | Beitrag vom 19.10.2014

Kommentar Stumpfer, sinnloser Zufall

Wie sich die Philosophie dem Zufall nähert

Von Andrea Rödig

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Ein Transparent in Sierra Leone warnt die Menschen vor dem Ebola-Virus. (AFP / Carl de Souza)
Die Hautfarbe von Ebola ist schwarz, meint Andrea Rödig. Wer letztendlich erkrankt, ist aber willkürlich. (AFP / Carl de Souza)

Nichts als der Zufall bestimmt, wer an Ebola erkrankt oder gar stirbt. Das ist eine unerträgliche Ungerechtigkeit, aber unabänderlich, kommentiert Andrea Rödig. Als "Kontingenz" ist der Zufall auch Thema in der Philosophie - und die Philosophie eröffnet verschiedene Blickweisen auf das Phänomen "Zufall".

"Besteht eine Gefahr auch für uns, hier, in Europa?" Diese Frage stellten sich die Kommentatoren in den Medien schon ganz zu Beginn, als sich im August die Ebola-Epidemie in Westafrika auszubreiten begann. Mittlerweile gibt es mit der Infektion einer spanischen Krankenschwester auch einen ersten Ansteckungsfall in Europa; zwei Fälle registrieren die USA; die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen werden verschärft, die Nervosität steigt.

Die Frage, ob eine Ebola-Gefahr auch "für uns" besteht, ist begründet und verständlich. Sieht man auf die Unterschiede der medizinischen Möglichkeiten hier und dort, bekommt sie dennoch einen ungut egozentrischen Beigeschmack. Als wolle man sich noch einmal versichern, dass bei uns alles unter Kontrolle bleibt mit Schutzanzügen, Sicherheitsschleusen, effizienten Quarantänestationen. Noch ist die Hautfarbe von Ebola schwarz, gestorben wird in Afrika.

Es ist nur Glück oder Pech

Das Beunruhigende an Ebola – nicht nur als realer Krankheit, sondern als Imagination – ist, dass hier etwas aus dem Ruder laufen könnte, und dass plötzlich regiert, womit wir nicht gut umgehen können: der Zufall in seiner stumpfen Sinnlosigkeit. Man mag erklären, woher das Virus kommt, wie es sich verbreitet und wie man sich schützen müsste – aber am Grunde dieser wie jeder anderen Krankheit liegt für den Einzelnen die Beliebigkeit. Glück oder Pech ist es, in Afrika oder anderswo zu leben, Glück oder Pech, sich anzustecken oder nicht, Glück oder Pech, das Virus zu überleben oder nicht.

Der Zufall ist ein Skandal, und er ist – auch unter dem Namen "Kontingenz" – ein klassisches Thema der Philosophie. Im 20. Jahrhundert, das an keinen Gott mehr glaubt, ist Kontingenz zum Kernthema geworden. Aus den vielen philosophischen Antworten auf das Problem könnte man wahlweise zwei herausgreifen:

Unser Leben ist zu kurz, um es mit der Suche nach absoluter Wahrheit zu verplempern, meint Odo Marquard, der lange an der Universität Gießen lehrte, und immer als fulminanter Rhetoriker auftrat. Er spricht sich für eine "skeptische Philosophie der Endlichkeit" aus und für eine "Apologie" – also eine Verteidigung – des Zufalls. Als "homo compensator" könne der begrenzte Mensch sowieso nur versuchen, Unzulänglichkeiten zu kompensieren. Die einzige Kompetenz, die der Philosophie heute bleibe, sei eine "Inkompetenzkompensationskompetenz".

Philosophie vermag nichts gegen den Zufall

Ganz anders geht Albert Camus an die Sache heran. In seinem Buch "Der Mythos von Sisyphos" zwingt er sich zur kühlen Präzision. An einer Stelle des Buches heißt es, dass bezüglich der Lebenszeit nur Quantität zähle. Wir müssen uns nichts vormachen, ein Leben, das 40 Jahre währt, ist kürzer als eines, das 60 Jahre dauert. "Zwanzig Jahre Leben und Erfahrungen lassen sich nie mehr ersetzen", schreibt Camus. Ihm geht es darum, dieser Absurdität klar ins Auge zu blicken – und genau in diesem unverwandten Blick gegen sie zu revoltieren. Wir können die "condition humaine" nicht ändern, wir müssen sie akzeptieren, aber nicht affirmieren. Freiheit und Würde bestehen im "leidenschaftlichen Feuer menschlicher Auflehnung."

Es ist erstaunlich: Die Diagnose ist bei beiden Denkern ähnlich, aber sie führt zu ganz unterschiedlichen Haltungen, und zu einer ganz unterschiedlichen Verantwortlichkeit von Philosophie. Natürlich vermag Philosophie nichts gegen den Zufall, und es ist gut, dass Philosophen und Philosophinnen keine Ärzte sind. Doch anders als der ironische Lehnsesselskeptizismus eines Odo Marquard hält das Denken von Albert Camus die Wunde offen, den Schmerz über die Unverfügbarkeit. Wenn man sich die Schrecken von Ebola und die des Todes an sich vor Augen führt wird klar, dass die Haltung eines Camus bei Weitem die angemessenere ist.

 

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