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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2005

Koma, Reha, Koma

Matthew Sharpe: "Eine amerikanische Familie"

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Suburbia: Der Traum von einem behaglichen amerikanischen Leben im Vorort. (Stock.XCHNG Farhan Amoor)
Suburbia: Der Traum von einem behaglichen amerikanischen Leben im Vorort. (Stock.XCHNG Farhan Amoor)

Das Leben der Familie Schwartz in den Suburbs könnte so schön sein. Doch während der Sohn Drogen- und Todesexperimente durchlebt, die Mutter sich der Promiskuität hingibt und die Tochter ein Leben als Heilige anstrebt, fällt der Vater durch eine Verwechslungsgeschichte ins Koma. Dem nicht genug: Bald folgt ihm sein Sohn mit einem Hirntrauma in den Dachschaden. Eine außergewöhnliche "Heim-Reha" von Matthew Sharpe.

Suburbia, jene typisch amerikanische Imitation des Lebens in gleichförmigen Vor- und Kleinstädten rund um die Metropolen der Ostküste, von Stichstraßen mit den immer gleichen Wendehämmern erschlossen, die ihrerseits von gleichförmigen Eigenheimen mit nahezu identischen Vorgärten und Auffahrten gesäumt sind, ist ein scheinbar unerschöpflicher Quell der Inspiration für amerikanische Schriftsteller.

Ein absonderliches Biotop, dessen Bewohner schon für manche literarische Vivisektion herhalten mussten. Nicht schon wieder, meint man daher, wenn man die erste Seite von Matthew Sharpes Roman "Eine amerikanische Familie" liest - nicht schon wieder ein Roman über die Bewohner von Suburbia, über Depressionen, Lebenskrisen, Prozac und Scotch, über neunmalkluge, missratene Bälger und deren mehr oder weniger missratene Reifungsprozesse.

Doch weil der Originaltitel, "The Sleeping Father", mehr verheißt als der ebenso phantasie- wie mutlose deutsche, weil ein von der "Village Voice" gelobtes Buch nicht ganz gewöhnlich sein kann und weil einen irgend etwas an Matthew Sharpes Ton spätestens im zweiten Absatz, als einer der Protagnisten seine taub gewordene Gesichtshälfte mit einem Kruzifix traktiert, frisch und unverbraucht vorkommt, liest man weiter.

Und wenn man die ersten neunmalklug daher geschnodderten Seiten, diese etwas formelhaft geratene Einführung der Hauptpersonen bis zum Halloween-Fest durchhält, als das Familienoberhaupt neben den beim Apotheker verwechselten Serotoninhemmern ein alkoholisches Antidepressivum zu sich nimmt, wird Mathew Sharpes Buch zur lustvollen Lektüre.

Denn Sharpes Roman ist ein Buch übers Unreifwerden. Ein pfiffiger Gegenentwurf zu Rabitt & Co. Im Mittelpunkt steht die Familie Schwartz, jüdisch, nicht religiös, aber traditionell. Eine Restfamilie, seit sich die prä-menopausische Mutter im fernen Kalifornien der Promiskuität hingibt.

Unterdessen pubertieren die an der Ostküste verbliebenen Sprösslinge munter vor sich hin, der picklige, siebzehnjährige Sohn Chris mit seinen umfassenden Drogen- und Todeserfahrungen, aber einer durchaus zukunftszugewandten Geschäftstüchtigkeit, und die sechzehnjährige Cathy, keusch, dem Katholizismus zugeneigt und der unlängst heilig gesprochenen Schwester Edith Stein nacheifernd.

Hinzu gesellt sich der Vater, nachdem er aus dem durch Medikamentenverwechslung bedingten Schlaganfall samt Koma wiedererwacht und vom Nachwuchs einer ebenso liebevollen wie eigenwilligen Rehabilitation in den eigenen vier Wänden unterzogen wird.

Und als die Tochter ihrer Keuschheit entwöhnt und prompt von Chris' bestem Freund schwanger wird, als Chris bei einem Überfall seinerseits ein Schädel-Hirntrauma davonträgt und der Vater im Dachschaden die wahre Befreiung von sämtlichen Zwängen des Daseins entdeckt, wird Sharpes Roman zu einem wahren Pingpongspiel des Lebens, bei dem Chris und sein Vater "sich in einem Hirngeschädigten-K.O.-Turnier die Komas zuspielten: Koma, Reha, Koma, Reha, Koma, Reha, Vater und Sohn, immer und immer wieder, in einer endlichen Schleife aus Zusammenbruch und Linderung, die man auch Zukunft nennt".



Matthew Sharpe - Eine amerikanische Familie
Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull
Aufbau Verlag 2005
336 S. € 19,90

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