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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.05.2014

KolumnenFauler als ein Koala

Jan Weiler: "Das Pubertier"

Von Günther Wessel

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Jan Weiler, deutscher Journalist und Buchautor. (picture-alliance / Erwin Elsner)
Jan Weiler, deutscher Journalist und Buchautor. (picture-alliance / Erwin Elsner)

"Mein Leben als Mensch" heißt die Kolumne, die der Journalist Jan Weiler wöchentlich für die Welt am Sonntag verfasst. Die ironisch-überspitzten Geschichten sind nun auch als Buch unter dem Titel "Das Pubertier" erschienen.

Kaum erschienen stürmte Weilers Buch auf der Bestsellerliste sofort weit nach vorn. Das muss nicht wundern, denn der Autor hat die Kunst des Kolumnenschreibens perfektioniert: Er ist ein sehr guter Beobachter, kennt keine Angst vor Klischees und bleibt trotz aller Ironie und Sarkasmus stets freundlich – ja mehr als das: Hauptopfer seiner Spötteleien ist am Ende meist er selbst, obwohl er ja eigentlich über den Alltag seiner Tochter schreibt. Aber das Zusammenleben mit dem "Pubertier" Carla hinterlässt auch in der nächsten Umgebung deutliche Spuren – wie jeder weiß, der Heranwachsende beobachtet – und sei es nur im öffentlichen Raum.

Carla ist das "Pubertier", ein merkwürdiges Wesen, das den Autor glauben lässt, der Koala gelte nur deshalb als faulstes Lebewesen der Erde, weil er keine Schulpflicht kenne. Denn Pubertiere, also Menschen in der Adoleszenz, können die zwanzig Stunden, die der Koala täglich mit Herumhängen verbringt, lässig übertreffen, wobei sie das selbst anders empfinden: Sie würden schließlich Chillen, Entspannen, Ausruhen, Relaxen – und seien ihrer Meinung nach vor allem Tätigkeiten, jawohl: Tätigkeiten!

Mühen des morgendlichen Weckens

Das sieht der Autor anders. Wie so vieles. Er berichtet von den Irritationen im Alltagsleben mit einem solchen "Pubertier", von den Mühen des morgendlichen Weckens, der Zahnspange als "Symbol für das Fortkommen innerhalb der Adoleszenz", davon, wie er vergeblich versucht über Facebook mitzubekommen, was die Tochter so denkt und dabei von ihr gnadenlos ausgebremst wird, ebenso wie bei dem Ansinnen, sie solle doch mal ihr Zimmer aufräumen. Von den Streitigkeiten ums Taschengeld und den wohl sehr unterschiedlichen Zeitbegriffen, die normale Menschen und "Pubertiere" besitzen und davon, wie er googelt, was Begriffe wie "swag", "yolo" oder "rofl" bedeuten.

Wer selbst Kinder in diesem zarten Alter hat, den überrascht die Themenwahl nicht wirklich. Doch auch wenn manches vorhersehbar ist, bleibt das Buch überraschend lesenswert. Jan Weiler gelingt es unterhaltsam, die absurden Momente des Miteinanders im Alltag herauszustreichen. Auch weil er ein Formulierungskünstler ist: Wenn er schreibt, dass Moritz, der erste Freund der Tochter, wie Philipp Rösler nach der Bundestagswahl guckt oder Thilo Sarrazin nebenher als Vuvuzela des deutschen Sachbuchwesens charakterisiert, dann muss man einfach lachen. Zur lebhaften Beschreibung passen die Illustrationen Till Haferbraks; sie sind so farbenfroh wie der Text und so munter wie ein "Pubertier" eben sein kann.

Echte Weiler-Fans werden das Büchlein in einer knappen Stunde, von Gekicher unterbrochen, wegfrühstücken. Empfehlenswerter ist es, das Buch nicht am Stück zu lesen, ansonsten verschleißt sich der Humor ein wenig – zudem: Die Pubertät dauert ja auch ihre Zeit.

Jan Weiler: Das Pubertier
Illustriert von Till Hafenbrak
Kindler Verlag, Reinbeck 2014
128 Seiten, 12,00 Euro

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