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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 26.09.2016

KolumbienFrieden mit dem Kugelschreiber

Die Kombo zeigt den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos (l) sowie den obersten FARC-Kommandeur Rodrigo Londoño, besser bekannt als Timochenko. Beide wollen einen Friedensvertrag unterzeichnen. (AFP / Daniel Stapff)
Die Kombo zeigt den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos (l) sowie den obersten FARC-Kommandeur Rodrigo Londoño, besser bekannt als Timochenko. Beide wollen einen Friedensvertrag unterzeichnen. (AFP / Daniel Stapff)

Nach über 50 Jahren rückt das Ende eines blutigen Konfliktes mit mehr 220.000 Toten in greifbare Nähe: Am heutigen Montag wollen der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der oberste FARC-Kommandeur Timochenko einen Friedensvertrag unterzeichnen. Zur Zeremonie erscheinen zahlreiche Staatsgäste.

Über 220.000 Tote, mehr als acht Millionen Vertriebene: Das ist die Bilanz eines der blutigsten Auseinandersetzungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Jahrzehntelang hat die linksgerichtete FARC-Guerilla den kolumbianischen Staat bekämpft. Der antwortete mit Militäroperationen, teilweise unterstützt durch paramilitärische Einheiten.

Jetzt aber, nach vier Jahren Verhandlungen, ist die Hoffnung auf Frieden nicht mehr nur ein Traum, sondern könnte alsbald Wirklichkeit werden: Am heutigen Montag (23 Uhr MEZ) wollen der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der oberste FARC-Kommandeur Timochenko einen Friedensvertrag unterzeichnen.

Der sieht die Entwaffnung der FARC-Rebellen und deren Resozialisierung vor. Außerdem garantiert er ihnen fünf Senatoren- und Abgeordneten-Posten im kolumbianischen Parlament, berichtet Burkhard Birke.

Der Unterzeichnung des Vertrages in Cartagena wohnen zahlreiche Regierungschefs bei. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und US-Außenminister John Kerry haben sich als Zeuge der Unterzeichnung angekündigt.

"Ein historischer Moment für Kolumbien"

Das deutsche Außenministerium hat den Grünen-Politiker Tom Koenigs in die kolumbianische Küstenstadt zur Unterstützung des Friedensprozesses geschickt. Das sei ein historischer Moment für Kolumbien, sagte Koenigs im Deutschlandradio Kultur. Er gibt sich optimistisch, dass der Frieden halten wird:

"Ich traue dem Frieden, insbesondere finde ich es gut, dass man eine Verhandlungslösung gefunden hat, bei der die Täter zwar bestraft werden, dennoch bei der Bestrafung die Nichtwiederholung im Vordergrund steht und nicht so sehr die Rache oder die Vergeltung."

Frieden herzustellen sei ein mühseliger Prozess, für den man einen langen Atem brauche, sagte die Konfliktforscherin Thania Paffenholz im Deutschlandradio Kultur. Sie erinnerte daran, dass dem Friedensabkommen in Kolumbien etwa vier Jahre zähe Verhandlungen vorausgegangen seien.

Eine Wahrheitskommission für Kolumbien?

Wie in so vielen Kriegen, waren auch hier Unschuldige Opfer, vor allem Frauen. In dem Netzwerk "Ruta Pacifica" haben sich rund 300 Frauenorganisationen zusammengeschlossen. Das Netzwerk berät Frauen in Rechtsfragen und leistet soziopsychologische Hilfe, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Bei einer Befragung von 1000 Frauen berichteten 132 Frauen von sexuellen Belästigungen, vier Fünftel berichteten von Folter, drei Viertel waren vertrieben, mehr als die Hälfte berichtete von willkürlichen Hinrichtungen in ihren Familien.

Marina Gallego, Koordinatorin von "Ruta Pacifica", saß beim Entstehen des Friedensabkommens teilweise mit am Verhandlungstisch. Sie will mit einer Wahrheitskommission die Vergangenheit aufarbeiten.

(abu)

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