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Tonart | Beitrag vom 04.09.2017

KolumbienFARC erfindet sich neu - mit Musik

Von Viktor Coco

Bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen der FARC und der Regierung gab es Konzerte.  (dpa / Leonardo Munoz)
Bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen der FARC und der Regierung gab es Konzerte. (dpa / Leonardo Munoz)

Die FARC-Guerilla und die kolumbianische Regierung haben Frieden geschlossen. Seither stellt sich die Gruppe neu auf: Auf einem fünftägigen Event mit Konzerten wurden Name und Logo neu definiert.

Das Konzert auf dem symbolträchtigen Bolivar-Platz im politischen und administrativen Herzen des Landes ist hochkarätig und vor allem sehr divers besetzt. Möglichst viele Kolumbianer sollten sich begeistern und an der Präsentation der neuen politischen Kraft der ehemaligen FARC-Guerilla teilnehmen. Aus Italien ist die legendäre Ska-Punk-Band Banda Bassotti angereist. Für ihren Sänger Gian Paolo Picchiami ist ihr Kolumbien-Debüt etwas außergewöhnliches, dennoch ist er sich des Fokus der Veranstaltung bewusst.

"Das Konzert ist natürlich für die Band ein besonderer Auftritt und für uns persönlich ist es eine große Freude hier dabei zu sein. Viel wichtiger ist aber, dass die FARC auf dem Platz ist, um weiter für den Frieden zu kämpfen."

Bei ihrem Auftritt am Nachmittag brennt die Sonne über Bogotá und Banda Bassotti versucht mit sozialistischen Klassikern das Publikum für sich zu gewinnen.

Aber auf der Plaza werden die Pogo-tanzenden Großstadt-Punks von den anwesenden Ex-Guerilleros eher skeptisch beäugt. Sie haben heute ihre eigenen Idole, wie den Schlagersänger Jhonny Rivera oder die Rebeldes del Sur, die Rebellen aus dem Süden, eine FARC-interne BigBand, die sich früher bei kleinen Auftritten in den versteckten Dschungel-Camps präsentierte.

Ihre Songs im Stil kolumbianischer Volksmusik haben meist politische Texte, wenngleich die neuen Stücke nicht mehr aggressiv die Revolution, sondern nun den Frieden besingen.

Manchmal ideologischer 

Schon bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags gab es ein Friedenskonzert.  (dpa / Leonardo Munoz)Schon bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags gab es ein Friedenskonzert. (dpa / Leonardo Munoz)

Ein Nachwuchsmusiker aus den eigenen Reihen der FARC ist der 28-jährige Rapper Blacksteban. Er war einer der 1200 Delegierten auf dem Gründungskongress der neuen Partei, auf dem es auch ein Rahmenprogramm gab, wie er erzählt.

"Jeden Abend gab es eine Kulturveranstaltung von Künstlern aus unseren eigenen Reihen. Denn wir sind nicht nur Kämpfer gewesen, sondern bei uns herrscht seit jeher die Musik, Kultur und Freude."

Innerhalb der FARC-Einheiten wurden immer auch Konzerte und Tanzveranstaltungen organisiert. Mal mehr, mal weniger ideologisch aufgeladen.
Blacksteban spricht in seinen Texten über die Liebe – besingt aber auch mal den 'Máximo Lider' Fidel Castro. Sein Lieblingsstück ist allerdings "Reconciliación" – Versöhnung.

Rappen gegen Hass

Er rappt gegen den Hass und für die Liebe innerhalb der kolumbianischen Bevölkerung. Er betont aber, dass die FARC sich als politische Partei neu positioniert und sicherlich nicht am Ende ihres Strebens ist.

"Viele hier in Kolumbien und auf der Welt denken, dass weil wir die Waffen niedergelegt haben, seien wir keine Kämpfer mehr. Aber wir kämpfen immer noch und lösen uns nicht auf, sondern schließen uns neu zusammen, um das Land nach unseren Idealen aufzubauen."

Hier will Blacksteban dabei sein und die Bedeutung der Musik weiter ausbauen.

"Jetzt findet der Kampf mit Wörtern statt. Im Theater und in der Musik."

Der Bolivar-Platz füllt sich am Abend. Gleich wird Ky-Mani Marley, den Hit seines Vaters "One Love" singen. Die Stimmung ist ausgelassen und das Publikum mittlerweile bunt gemischt.

"Also ich bin hier, um ein politisches Statement abzugeben."

...sagt die 32-jährige Bogotanerin Robby.

"Natürlich, die Musik gefällt mir auch. Aber für mich ist es noch wichtiger, in einem anderen Kontext, in diesem kulturellen Rahmen, den Versöhnungsprozess zu begleiten."

Mitreißende Folklore

Nach dem einzigen politischen Programmpunkt, der Rede von Anführer Rodrigo Londoño, gipfelt das Konzert in dem Auftritt der kolumbianischen Sängerin Totó La Momposina. Mit ihrer mitreißenden Folklore kann sich der Großteil des Publikums identifizieren.

Während das legendäre Salsa-Orchester Aragón aus dem sozialistischen Mutterland Kuba unüberhörbar für Tanzmusik am Abend sorgt, sieht FARC-Funktionär und Sprecher der Friedensverhandlungen Jorge Torres alias "Pablo Catatumbo" die Veranstaltung vor dem Nationalkongress als Erfolg der FARC.

"Natürlich ist es ein Sieg. Was wir nicht mit den Waffen erreicht haben - denn wir haben immer davon geträumt, hier bewaffnet und triumphierenden aufzulaufen – haben wir über den politischen Weg geschafft!"

Die Waffen sind für die FARC endgültig Vergangenheit. Jetzt geht es für die neue Partei um demokratischen Stimmenfang. Pablo Catatumbo hofft dabei auch auf musikalische Unterstützer.

"Kunst und Kultur waren nie auf der Seite des Krieges und wir hoffen, dass alle kolumbianischen Künstler den Frieden unterstützen und diese neue Bewegung für ein neues Kolumbien unterstützen."

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