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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 10.01.2020

Kollektive VerantwortungslosigkeitAustralien geht uns alle an

Ein Kommentar von Sieglinde Geisel

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Badende stehen am Strand und beobachten die Auswirkungen des katastrophalen Naturschauspiels. (AFP/ Saeed Khan )
Dystopisch, Australien ist durch die Brände in orangenes Licht getaucht. (AFP/ Saeed Khan )

Mit den Bränden in Australien habe sich der Glaube, die Natur mit technischen Mitteln beherrschen zu können, in Rauch aufgelöst, meint die Journalistin Sieglinde Geisel. Niemand könne jetzt mehr den von Menschen gemachten Klimawandel und die Folgen leugnen.

Australien brennt – und der Rest der Welt tut so, als gingen uns die "Buschfeuer" nichts an. Von Apokalypse sprechen dagegen jene Australier, die den Bränden knapp entkommen sind. Wo die Brände wüten, wird nichts mehr sein wie zuvor, doch das gilt nicht nur für Australien, sondern für uns alle. Das apokalyptische Feuer in dem fernen Kontinent zerstört das Grundvertrauen, mit dem die westliche Moderne ihre privilegierten Bürger ausgestattet hat: Wir glauben, wir hätten es geschafft, uns die Erde untertan zu machen. Angesichts der Brände in Australien jedoch ist der Homo faber, mit all seinen technischen Errungenschaften, am Ende seiner Weisheiten.

"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Kaum ein Satz der Bibel lässt sich auf so viele Situationen anwenden, wie diese Worte Jesu am Kreuz. Auch wir wissen nicht, was wir tun, wenn wir angesichts der Erderwärmung weiterleben, als wäre nichts dabei. Wir wissen nicht, wie uns geschieht, wenn wir glauben, dass uns die Brände in Australien nichts angehen. Jeder, der es wissen will, weiß, dass sie die Zeit verkürzen, die uns bleibt, um die Erde als Habitat für Mensch und Tier zu erhalten.

Der Klimawandel ist auch bei uns angekommen

Feuerstürme, so gewaltig, dass sie Feuerwehrautos in die Luft saugen, ihr eigenes Wetter erzeugen und es am Himmel blitzen lassen, während den Feuerwehrleuten am Boden das Wasser ausgeht. Die Brände in Australien sind eine Erfahrung der Ohnmacht. Doch Australien ist Teil der westlichen Welt. Dass eine Industrienation an ihre Grenzen kommt, wenn sie ihre Bürger schützen will, ist auch eine Botschaft an uns. Die Brände lassen uns ahnen, dass unsere Herrschaft über die Natur alles andere als gesichert ist.

Mit dem brennenden Australien und den verheerenden Überschwemmungen in Venedig sind die Folgen des Klimawandels auch in der westlichen Welt angekommen. In unserem Selbstbild jedoch ist Ohnmacht gegenüber den Kräften der Natur nicht vorgesehen, wir glauben, dass wir uns werden retten können. Möglicherweise ist das einer der Gründe dafür, dass Menschen sich immer noch weigern, an die Erderwärmung zu "glauben".

Wir sitzen alle in einem Boot

Dass Klimawandelleugner ausgerechnet dort an der Macht sind, wo die Wälder am stärksten brennen, ist eine geradezu makabre Ironie des Schicksals. Der Amazonas gehört Brasilien, und sein Land kann damit machen, was es will, so lautet bekanntlich die Haltung von Jair Bolsonaro. Für Scott Morrison wiederum geht Kohleindustrie vor Klimaschutz, und damit nicht genug: Gerade, weil die Klimaschützer jetzt erst recht einen Grund dazu haben, will der australische Premierminister ihnen das Demonstrieren verbieten. Man könnte lästern, dass die Australier damit die Quittung für ihre Wahlentscheidung erhalten haben, doch das ist ein schwacher Trost. Denn im Anthropozän sitzen wir alle in einem Boot.

Dass die Preisgabe der Vernunft die Demokratie gefährdet, haben wir längst erkannt, doch diese Erkenntnis hat keine Wirkung. Die schlimmsten Klimawandelleugner sind wählbar geworden – und die Weltgemeinschaft sieht sich nun gezwungen, mit Staatschefs zu leben, die nicht wissen, was sie tun und dem Planeten den Krieg erklären.

Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel (privat)Sieglinde Geisel studierte in Zürich Germanistik und Theologie und arbeitet als freie Journalistin. Von 1994 bis 2016 war sie Kulturkorrespondentin der "NZZ". Sie ist für verschiedene Medien als Literaturkritikerin, Essayistin und Reporterin tätig und lehrt an der Freien Universität Berlin sowie an der Universität St. Gallen.

Hören Sie auch unsere Reportage aus den Blue Mountains – einem der Katastrophengebiete in Australien, in dem die Buschfeuer gewütet haben oder noch wüten.

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