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Zeitfragen | Beitrag vom 12.11.2018

Kollektiv gestörtSind wir alle Narzissten?

Von Kai Adler

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Kaleidoskopartig vervielfältigte Porträtaufnahme eines jungen schwarzen Mannes (imago / Westend 61)
Ichbezogenheit ist zur gesellschaftlichen Norm geworden - woran liegt das? (imago / Westend 61)

Me, myself and I - Selbstbezogenheit und krankhafte Selbstüberhöhung scheinen ein Massenphänomen zu sein. Nicht zuletzt dank Selfies, Instagram & Co. Doch Psychologen sehen die Ursachen für den grassierenden Narzissmus nicht bei den Sozialen Medien.

"Nobody knows the system better than me.. nobody knows politicians better than me... nobody is bigger.... nobody is stronger.... you know what that is? My brain, that is my brainpower...."

Der amerikanische Präsident Donald Trump in einem Zusammenschnitt auf Youtube: Trump, der Narzisst, der selbstverliebte Egozentriker, der Empathielosigkeit und Selbstsucht zur Formel seiner Politik erklärt zu haben scheint, oder? Vielleicht gar ein Psychopath im Amt? Immerhin unterschrieben über 60.000 US-amerikanische Psychiater die Petition "Duty to warn" des amerikanischen Psychotherapeuten und Princeton-Absolventen John Gartner. Darin fordern sie, Donald Trump des Amtes zu entheben, denn er sei psychisch krank. Unter anderem attestieren sie ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. John Gartner in einem Fernsehinterview:

"Keine Frage - unser Leben ist in Gefahr. Weil die Person, die die Macht über die Atomwaffen in der Hand hält, psychisch ungeeignet ist, ein Soziopath, der mental abgebaut hat, der Wahnvorstellungen hat, paranoid und narzisstisch ist. Verschiedene Autoren - darunter Republikaner, Demokraten, Ex-Militär, ehemalige Senatoren - sie alle sehen diese große Gefahr, die von ihm ausgeht."

Doch Trump ist kein Einzelfall. Glaubt man Publikationen und Ratgebern, haben wir es geradezu mit einer Narzissmus-Epidemie zu tun, und auch im Netz finden sich unzählige Plattformen, Foren und Coachings zum Thema.

Dabei ist der Narzissmus-Trend nicht neu. Bereits 1979 hatte der US-amerikanische Soziologe Christopher Lasch mit seinem Bestseller "The Culture of Narcissism" ausgerufen. Doch Laschs Bestandsaufnahme einer zunehmend auf Egoismus, Selbstdarstellung und Empathielosigkeit basierenden Gesellschaft erscheint heute geradezu putzig und antiquiert. Was wohl daran liegen mag, dass es zu Laschs Zeiten noch keine sozialen Medien gab. Gerade sie scheinen für Narzissten und Selbstdarsteller der ideale Ort.

Sarah Nowak, 27, 1,5 Millionen Abonnenten auf Instagram

Sarah Nowak: "Hallo, ihr Lieben, es ist wieder so weit, es ist Sarah Time! Und heute löse ich das Geheimnis auf: Wie macht man die besten Selfies?"

Riccardo Simonetti, 25, 163.700 Abonnenten auf Instagram 

Riccardo Simonetti: "Ich bin ein kleines bisschen aufgeregt, denn ich treffe heute eine der interessantesten, spannendsten Persönlichkeiten unserer Zeit, nämlich mich selbst."

Instagram - ein Paradies für Narzissten?

Dass Social Media mindestens mitverantwortlich dafür sind, dass wir in einer zunehmend narzisstisch geprägten Gesellschaft leben - daran scheint kein Zweifel.

"Sind Sie ein Social-Media-Narzisst?", fragt etwa das britische Magazin "Forbes". Die deutsche Zeitung "Die Welt" erklärt, wie sich Narzissten in sozialen Netzwerken leicht entlarven lassen und die englische "Daily Mail" weiß gar, dass unter den sozialen Netzwerken Instagram die für Narzissten interessanteste Plattform sei. Doch welche Zusammenhänge zwischen Narzissmus-Boom und Internetnutzung lassen sich wissenschaftlich belegen? Der Medienexperte und Psychologe Markus Appel:

"Viele Wissenschaftler unterscheiden zwischen zwei Unterformen von Narzissmus – das eine ist so eine hochtrabende, prahlerische Art von Narzissmus, das ist der Prototyp von Narzissmus. Das zweite ist so etwas Zurückgezogenes, so eine fragile Form des Narzissmus. Je nachdem, welche Form von Narzissmus man betrachtet, fallen die Zusammenhänge mit Social-Media-Nutzung dann auch unterschiedlich aus. Bei dem hochtrabend prahlerischen Narzissmus haben wir kleine bis            mittelgroße Zusammenhänge gefunden, über verschiedene Studien hinweg. Bei dem zurückgenommenen Narzissmus haben wir keine Zusammenhänge mit Social-Media-Nutzung gefunden."

Narzissmus ist also nicht gleich Narzissmus, und die Zusammenhänge mit Social-Media-Nutzung sind nicht so offensichtlich, wie sie scheinen.

"Zusammenhänge sind aggregiert über ganz viele Personen und die sind relativ schwach. Das heißt, die alarmistischen Thesen, die man manchmal liest, dass das Netz Narzissten heranzüchtet – da wäre ich vorsichtig. Auf der Datenbasis, die wir angeschaut haben, kann man solche Thesen nicht verbreiten. Und natürlich gibt es auch Aktivitäten im Netz, da würde man sagen, da ist Empathie eigentlich im Vordergrund, und die Verhaltensweisen auf Social Media sind dann vielleicht nicht der Selbstpräsentation dienende, sondern ganz anderen Motiven folgend."

Wer oder was ist dann dafür verantwortlich, dass wir unter einer Narzissmus-Epidemie leiden, vor der uns zahlreiche Publikationen warnen?

Seit 1982 anerkannte Persönlichkeitsstörung

Als eigene Persönlichkeitsstörung wurde Narzissmus 1982 in das Klassifikationssystem der American Psychiatric Association aufgenommen. Bei der WHO hingegen rangiert Narzissmus unter dem diagnostischen Kürzel F60.8 lediglich als Restkategorie der sonstigen Persönlichkeitsstörungen. 

"Die narzisstische Persönlichkeitsstörung NPS zeichnet sich durch (…) gesteigertes Verlangen nach Anerkennung aus. Typisch ist, dass die betroffenen Personen übermäßig stark damit beschäftig sind, anderen zu imponieren und um Bewunderung für sich zu werben", heißt es bei Wikipedia.

"Gemeint ist eine Persönlichkeitsproblematik bis Störung und zwar des Selbstwertes", sagt Hans-Joachim Maaz, Psychiater, Therapeut, Autor des Buches "Die narzisstische Gesellschaft". "Man kann den Narzissmus am besten verstehen, wenn man die Ursachen bedenkt. Die Ursachen liegen immer in der frühen Kindheit. Und zwar geht es darum, ob ein Kind sich grundsätzlich angenommen, verstanden, bestätigt, versorgt weiß. Also im Grund genommen, ob es sich geliebt erfährt."

Hans-Joachim Maaz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Beziehungskultur (imago/Sebastian Willnow)Hans-Joachim Maaz (imago/Sebastian Willnow)

Freud spricht noch von einem primären, frühkindlichen Narzissmus: Das Kind glaubt sich allmächtig und lernt durch Frustration, diese Allmachtsphantasien zu überwinden und sich in Bezug zum Gegenüber zu setzen. Freud schreibt den Narzissmus noch vorrangig dem 'Weibe' beziehungsweise dem 'weibischen Manne' zu. Heute scheint es – glaubt man verschiedenen Studien – vor allem ein männliches Phänomen zu sein.

Per Online-Test den Narzissten erkennen?

Allen Theorien gemein ist, dass es sich bei der narzisstischen Störung um das Ergebnis eines fehlgelaufenen frühkindlichen Beziehungsgeschehens handelt. Doch schaut man ins Netz, so braucht es für die Diagnose keine komplizierten psychoanalytischen Theorien.

Sind Sie ein Narzisst? – Online-Tests versprechen Klarheit über unser modernes Selbst.

"Reden Sie gerne ausführlich darüber, was Sie können und was Sie geleistet haben – und genießen Sie dann die bewundernden Blicke Ihrer Gesprächspartner?"

A: Nein, so eine Prahlerei ist mir eher unangenehm.
B: Ja, aber nur, wenn ich auf einen Erfolg wirklich stolz bin, weil ich hart dafür gearbeitet habe.
C: Ja, natürlich, schließlich habe ich die Bewunderung der anderen auch mehr als verdient.

"Was ist Ihnen in Beziehungen wichtig?"

A: Ich möchte, dass mein Partner glücklich ist. Deshalb unterstütze ich ihn, wo ich nur kann.
B: Ausgewogenheit. Nur wenn sich beide unterstützen, können beide ihre Ziele erreichen.
C: Ich brauche jemand, der zu mir aufschaut, jemand, der mir den Rücken frei hält und mich bedingungslos unterstützt, mich.

Scheint sich eher um das ultimative Idioten-Screening zu handeln. Schauen wir lieber bei den antiken Vorbildern.

Das Gemälde "Narziss" (Narcissus, Narciso, 1598/99) des Künstlers Michelangelo Merisi da Caravaggio, aufgenommen am 15.07.2015 im Museum Galleria Nazionale d'Arte Antica in Rom (Latium) Italien. Foto: Fredrik von Erichsen (dpa / Fredrik Von Erichsen)Das Gemälde "Narziss" (Narcissus, Narciso, 1598/99) des Künstlers Michelangelo Merisi da Caravaggio. (dpa / Fredrik Von Erichsen)

"Durch die aonischen Städte, berühmt als Seher der Zukunft gab dem fragenden Volke Tiresias treffende Antwort", heißt es am Beginn der Geschichte von Narcissus und Echo in Ovids Metamorphosen. Der schöne Narcissus ist kein Kind der Liebe, sondern der Gewalt. Der Flussgott Kephissos vergewaltigt die Nymphe Leiriope, die daraufhin schwanger wird und einen Sohn gebiert. Narcissus ist so schön, so anziehend, dass ihm die Nymphen verfallen. Leiriope will nun vom Seher Tiresias wissen, ob ihrem Sohn ein langes Leben beschieden sein wird und erhält die Antwort: nur so lange sich Narcissus selbst fremd bleibe.

"Er konnte wie Knab’ erscheinen und Jüngling. Mancher begehrete sein der Jünglinge, manche der Jungfrau’n. Aber es war so grausam der Stolz der blühenden Schönheit: Keiner rührete jenen der Jünglinge, keine der Jungfrau’n."
(Ovid, Metamorphosen)

Narzissmus ist eine Bindungsstörung

Bei Ovid wird der Jüngling von allen geliebt, er selbst aber ist unfähig, die Liebe zu erwidern und einen Anderen als sich selbst zu lieben. Darin ähneln die psychologischen Erklärungsmuster dem griechischen Mythos. Narzissmus ist den Bindungsstörungen zugeordnet, für die insbesondere die ersten drei Lebensjahre eines Menschen entscheidend sind.

"Bei den Bindungsstörungen geht es in erster Linie um mütterliche Beziehungsstörungen", sagt Hans-Joachim Maaz. "Da habe ich Begriffe gefunden, die das gut ins Bild setzen: Die narzisstische Störung ist mit Muttermangel verbunden, also einem Mangel an Zuwendung."

Die Bindungstheorie hat ihre Anfänge in den 1940er-Jahren und geht zurück auf den britischen Kinderpsychiater John Bowlby, der die frühe Mutter-Kind-Beziehung und deren Auswirkungen auf die spätere Bindungs- und Liebesfähigkeit in den Fokus stellte. Weiter entwickelt wurde sie zunächst in den 50er-Jahren von der Amerikanerin Mary Ainsworth, die die Auswirkungen früher Mutter-Kind-Trennungen auf die Persönlichkeitsentwicklung erforschte. Ihre Ansätze bildeten die Grundlage weiterer bindungstheoretischer Forschungsarbeit, die heute längst anerkannt und wegweisend ist für Psychologie und Pädagogik.

"Siehe der Knab’, abirrend vom treuen Gefolg der Begleiter. Rief: Ist einer allhier? Und Allhier! antwortete Echo. Jener staunt und mit spähendem Blicke sich umsieht rufet er: Komm! Laut auf. Komm! Ruft sie dem Rufenden wider. Rückwärts schaut er, keiner erscheint."
(Ovid, Metamorphosen)

Ovid erzählt den Mythos von Narcissus zusammen mit dem der Nymphe Echo. Während Narcissus unfähig ist, einem anderen als sich selbst zu begegnen, ist Echo dazu verdammt, immer nur die Rufe des Anderen zu imitieren. Echos Selbst hat jenseits des Anderen keinerlei Substanz, während der Andere für Narziss keine Substanz außerhalb des eigenen Selbst hat.

Fehlende Selbstliebe als Ursache

Für den Psychotherapeuten Manfred Thielen handelt es sich bei der narzisstischen Störung in erster Linie um eine Beziehungsstörung. Für ihn liegt das Problem des Narzissten nicht in übersteigerter, sondern in fehlender Selbstliebe.

"Wir arbeiten mit dem kindlichen Anteil, der damals sich so anstrengen musste, um die narzisstischen Anteile der Eltern zu befriedigen, aber merkte, dass er oder sie in ihrem wahren Selbst gar nicht gemeint war. Und wenn sie dann erfahren, dass der Therapeut sie dann symbolisch als Person erkennt in ihrem wahren Selbst, dann ist das oft ein tiefes Aha-Erlebnis: Aha, es ist doch möglich, meine Skepsis gegenüber nahem Kontakt – dass die so langsam schmilzt und ich mich doch einlassen kann. Also, Selbstliebe ist ein wichtiger Punkt und auf dieser Basis der Selbstliebe Fremdliebe."

Ein Kind macht ein Selfie von sich und seinem Vater. (imago/Westend61)Bringen narzisstische Eltern narzisstische Kinder hervor? (imago/Westend61)

"Breit' ich die Arme zu dir, so breitest du wider die Arme;
Lächel' ich, lächelst du auch. Oft sah ich dir Tränen entrollen,
Wann ich Tränen vergoß; und dem Wink auch winkst du entgegen;
Auch, so viel die Bewegung des lieblichen Mundes mir anzeigt,
Redest du Worte, die nicht zu meinem Ohre gelangen.
Du bist ich! Nun merk' ich, und nicht mehr täuscht mich mein Bildnis!
Liebe verzehrt mich zu mir; und die Glut, die ich gebe, die nehm' ich! (…)
O wie möcht' ich so gern vom eigenen Leibe mich sondern!
Was kein Liebender wünscht, ich wünsche mir fern das Geliebte!"
(Ovid, Metamorphosen)

Der Originalnarciss sehnt sich bei Ovid danach, ein "Außer-seiner-selbst", ein Objekt, zu lieben und verzehrt sich doch nur nach dem eigenen Ich.

"Die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend"

Die Fähigkeit zur Objektliebe wird laut Psychoanalyse vor allem mit der ersten erfahrenen Bindung, der Beziehung zur primären Bezugsperson, also der Mutter, gelegt. Wie diese gelingt, bildet die Basis für die weitere Beziehungsfähigkeit im Leben eines Menschen. Hans-Joachim Maaz:

"Die ersten drei Lebensjahre sind da entscheidend. Von daher ist es gut zu verstehen, dass ich als Psychoanalytiker, als Psychotherapeut mich mit diesem Wissen dafür einsetze, dass die Fremdbetreuung der Kinder möglichst optimal geschehen kann. Und wenn wir in die gesellschaftlichen Verhältnisse blicken, dann müssen wir feststellen, das geschieht leider nicht. Also es wird eine frühe Fremdbetreuung favorisiert, die kann nie so gut sein wie eine gute Mütterlichkeit, weil die individuelle Aufmerksamkeit, das individuelle Gespiegelt-Werden nicht so sein kann. Deshalb ist immer die Forderung: Wenn man narzisstische Störungen verhindern will, die Forderung an die Politik, die Bedingungen für die Betreuung so zu gestalten, dass Kinder positiv gesehen narzisstisch gesättigt werden. Und das betrifft vor allem die Ausstattung der Familien, der Eltern, der Mütter, die Zeit brauchen, am Anfang mindestens zwei Jahre, um für ihre Kinder da zu sein.

Klingt vorgestrig? Also, Mütter zurück an den Herd?! Nein, betont Hans Joachim Maaz, es ginge darum, eine Beziehungskultur auf Grundlage von hirnpsychologisch, bindungstheoretisch und entwicklungspsychologisch gesicherten Erkenntnissen zu fördern. Nicht darum, Karrieren von Müttern oder auch Vätern, die in der frühen Zeit erste Bezugsperson für das Kind sind, zu behindern. Das dürften keine Gegensätze sein - politisch und ökonomisch seien solche Vorhaben durchaus umsetzbar:

"Es ist nur die Frage, wie es durch verschiedene ökonomische oder politische Verhältnisse unterstützt wird. Ich beklage eher, dass der Feminismus das Mütterliche nicht zu einem Wert erklärt, was aus meiner Sicht schwer zu verstehen ist. Es muss überhaupt keinen Konflikt geben zwischen Mütterlichkeit oder Kinderbetreuung und Beruf und Karriere, das sind ökonomische, politische Probleme."

Streben nach Wachstum erzeugt kollektiven Narzissmus

Doch das Problem ist nicht eines, das nur Familien oder etwa nur die Mütter anginge, so Hans Joachim Maaz. Auch die Frage danach, wie unsere Gesellschaft wirtschaftlich gestaltet ist, sei von Bedeutung. Unser Wirtschaftssystem mit seinem Mantra vom ständigen Wachstum spiegele geradezu eine narzisstische Dynamik wider:

"Ich denke, dass die Wirtschaftsform, also das ständige Bestreben nach materiellem Wachstum eine Gesellschaftsform eines kollektiven Narzissmus geworden ist. Ich habe dafür den Begriff der Normopathie gefunden. Also dass eine Störung nicht mehr als Störung wahrgenommen wird, wenn eine Mehrheit davon betroffen ist. Dass eine Gesellschaft, die ein unbegrenztes materielles Wachstum fordert, kein Beziehungswachstum, die Folge einer narzisstischen Normopathie geworden ist.

Das passt alles dazu: Da ist eine Grenzenlosigkeit, eine Süchtigkeit und wir im Grund genommen die Folgen ja schon sehen und wie Süchtige nicht innehalten können. Die Folgen der Klimakatastrophe, der Umweltzerstörung, der steigenden sozialen Ungerechtigkeiten, den Kriegen um Ressourcen, des weiteren materiellen Profitgewinns. Also, wir kennen bereits die Folgen einer solchen narzisstischen normopathischen Gesellschaftsentwicklung, die eben mehrheitlich von Menschen mit einer narzisstischen Problematik ausgestaltet wird."

Werden wir von Psychopathen regiert?

"Man muss keine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben, um Manager (oder Politiker) zu werden, aber es hat gewisse Vorteile", schreibt die Schriftstellerin Karen Duve in ihrem 2014 erschienen Buch "Warum die Sache schief geht". Es ist eine Bestandsaufnahme einer pathologischen Gesellschaft, die trotz Klimakatastrophe nicht von ihrem von Gier und Selbstsucht bestimmten Handeln lassen kann. Duve zitiert unter anderem eine Studie des US-amerikanischen Wirtschaftspsychologen Paul Babiak. Demnach ist der Anteil von Psychopathen in der Politik und im gehobenen Management höher als in den Hochsicherheitstrakten amerikanischer Gefängnisse. Bringen uns, wie Duves Untertitel behauptet, also tatsächlich Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen um unsere Zukunft?

"Es ist heute immer noch so, dass in vielen Unternehmen für Personen –  meist sind es männliche Personen – eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur mit Sicherheit hilfreich ist, um überhaupt in solche Positionen zu kommen", sagt Christoph Schneck, Managercoach und Ökonom. Er hat selbst jahrelang Unternehmen geleitet und coacht heute Menschen in Führungspositionen. Promoviert hat er zum Thema Narzissmus im Management:

"Narzissten machen oft große, gute Anfangserfolge. Die Frage ist, ob sie die Leistung dauerhaft halten können. Das ist oft nicht der Fall, aufgrund der Führungsschwäche, aufgrund der Empathieschwäche und aufgrund der Tatsache, dass sie oft nicht geeignet sind, langfristige Beziehungen aufrechtzuerhalten. Und da erlebe ich schon, dass sie oft starke Karriereknicks haben, unter denen sie gewaltig leiden."

Und es leidet nicht allein der Narzisst. Viele Narzissten würden eine kollusive Allianz mit ihren Partnern und Kollegen eingehen – ähnlich wie Alkoholiker mit Co-Alkoholikern, die ein stilles Einvernehmen miteinander träfen:

"Meistens sammeln sie eine Mannschaft um sich herum und infizieren das gesamte Unternehmen, und dann wird auch Volksvermögen verbrannt. Was mir eigentlich noch fehlt, ist ein gewisses politisches Bewusstsein von narzisstischen Persönlichkeitsanteilen in den oberen Unternehmensebenen. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Und das ist noch nicht richtig angekommen. Das ist eine Dimension, die wird gar nicht bespielt. Aber schauen Sie sich die Dieselaffäre an, wie viele Milliarden da verbrannt wurden. Schauen Sie sich die Geschichte Schrempp an, wie viele Milliarden der verbrannt hat. Wir haben es nicht im corporate governance codex drin."

Unterschiedliche Narzissmen in Ost und West

Dass Gesellschaftssysteme Auswirkungen auf die Persönlichkeitsmerkmale ihrer Mitglieder haben, ist bekannt. Dass dies auch im Falle Narzissmus zutrifft, legt eine Anfang 2018 erschienene Studie der Berliner Charité nahe: Demnach weisen Menschen aus der ehemaligen BRD höhere Narzissmus-Werte auf als solche, die in der DDR sozialisiert wurden. Nach der Wende jedoch hätten sich diese Werte angeglichen, so die Studie. Doch so einfach sei das mitunter nicht, meint Hans-Joachim Maaz:

"Den Narzissmus kann man unterteilen in das, was man das Größenselbst nennt, und das Gegenteil, das Größenklein."

Das Größenselbst ist dem prahlerischen Narzissten, quasi dessen Prototyp, dem Angeber, dem Eogmanen, zu eigen. Das Größenklein hingegen jenem Narzissten, der nicht unbedingt sofort als solcher erkennbar ist: ein vulnerabler Typus, der extrem empfindlich und kritikunfähig ist, ebenso manipulative Beziehungen führt wie sein Zwilling Prahlhans. Und auch jenen leisen Vertreter zeichnet eine starke Empathielosigkeit aus. Doch der vulnerable Narzisst leidet, statt anzugeben, und bekommt ebenso die Aufmerksamkeit. Beiden, Größenselbst und Größenklein, gemein ist ein äußerst fragiles Ich. Denn entgegen gängiger Vorstellungen ist der Narzisst eben nicht jemand mit einer übergroßen Portion gesunden Egoismus – sein Selbst hat keine Substanz, er umkreist eine innere Leere.

Hans-Joachim Maaz: "Wenn man so will, kann man die beiden deutschen Staaten – ehemals – auch in die Richtung differenzieren, dass der Westen immer mehr das Größenselbst kultiviert hat, also, sei stark, setz dich durch, konkurriere. In der DDR war das Gegenteil: Halt dich zurück, sei nicht frech, werde nicht kritisch, bleibe im Kollektiv eingeordnet. Und so könnte man sagen, dass die narzisstische Problematik im Westen mehr das Größenselbst und im Osten mehr das Größenklein kultiviert haben."

Die Schule als Lernort für Empathie

Jede narzisstische Störung trage in sich den Schmerz des erlittenen Liebesmangels. Hans-Joachim Maaz spricht von einer narzisstischen Wut, die mitunter in die Gesellschaft hinein getragen werde, in eine Gesellschaft, die Sündenböcke und Feindbilder suche. Wie an die Stelle dessen Empathie und Toleranz pflanzen?

Die Psychologin und Pädagogin Helle Jenssen sieht dies auch als Aufgabe der Schulen. In ihrer Heimat Dänemark hat sie sich jahrelang mit dem Thema Empathieförderung beschäftigt, sie hat Schulen evaluiert und Lehrer darin ausgebildet, ein empathisches Miteinander zu fördern. Es ist genau das, woran es dem Narzissten mangelt. Nun will sie diese Arbeit auch an Berliner Schulen implementieren:

"Wir haben die Möglichkeit bekommen, ein Entwicklungs- und Forschungsprojekt zu machen, wo wir drei Schulen über mehrere Jahre begleiten, mit Ausbildung für die Lehrperson, für die Schulleitung und auch Tage für Kinder und Eltern, wo es darum geht, wie können wir mehr Beziehungskompetenz, mehr Achtsamkeit, mehr Empathie in den Schulalltag reinbringen, um ein besseres Lernumfeld zu schaffen."

Ein Lehrer schreibt auf ein Whiteboard.  (imago)Lehrer sollen dazu ausgebildet werden, ein empathisches Miteinander der Schüler zu fördern, meint Helle Jenssen. (imago)

In der gängigen Lehrerausbildung und damit auch im Schulalltag fehle häufig ein Miteinander, das das Kind in seinem So-Sein bestätige, oft würden Kinder allein für Leistung gewürdigt. Helle Jenssen geht es um jenes So-Sein, das auch im frühkindlichen Kontakt Bestätigung und Spiegelung erfahren muss, damit das Ich narzisstisch gesättigt wird. Schule könne darin viel auffangen.

"Wir sind mit einem Bedürfnis geboren, das ist das ganze Leben da, das Bedürfnis, sich wertvoll zu spüren anderen Menschen gegenüber. Und dieses Bedürfnis steuert ganz viel im Leben. Aber was ich für wichtig halte, ist, was ist es, das diese narzisstische Person vermisst? Es ist sehr oft der authentische Kontakt, das dieser Mensch niemals gehabt hat."

Wege aus dem narzisstischen Dilemma

"Ich glaube, wenn man über Narzissmus redet, muss man auch reden von Ratgebern 'Wie bewerbe ich mich korrekt' und so weiter", sagt der Medienwissenschaftler Markus Appel. "Das sind doch Verhaltensweisen, die dort empfohlen werden – der einflussreichste Mensch der Welt zeigt der deutliche Tendenzen dieses Persönlichkeitszugs, die sehr charakteristisch sind, die vielleicht auch solche Ratschläge stärker beeinflussen – also diese Ratschläge, die man hat, wie komme ich zurecht in dieser Gesellschaft – die in Richtung Narzissmus gehen. Also, was sind eigentlich Werte, nicht narzisstische Aspekte, die man prinzipiell wertschätzt, wie können die im kommunikativen Umgang stärker zu Geltung kommen?"

Bräuchte es demnach also andere Wertigkeiten, die uns aus dem narzisstischen Dilemma herausführen? Der Psychiater Hans Joachim Maaz:

"Deshalb ist aus meiner Sicht das wesentliche Gegengewicht zu dem narzisstischen, materiellen, grenzenlosen Wachstum das, was ich Beziehungskultur nenne. Ich weiß aus meiner Praxis, wenn es gelingt, dass Menschen zu sich eine bessere Beziehung bekommen, Schwächen und Begrenzungen zugeben können und mit anderen Menschen nicht mehr im Wettkampf liegen – das verstehe ich unter Beziehungskultur – dass Menschen sehr viel mehr davon profitieren."

Vielleicht könnte uns das davor bewahren, dass es uns so ergeht wie dem antiken Vorbild. Denn das nahm bekanntlich kein gutes Ende.

"Jetzt senkt er das Haupt kraftlos im grünenden Grase. Nacht umschattet die Augen, womit der Schöne bewundert (…) schaut er sich selbst in stygischer Flut. (…) Schon wird die Bahre besorgt und Brand und geschwungene Fackel. Doch ward nirgend der Leib, für den Leib ein gelbliches Blümlein fanden sie, rings um den Kelch weißschimmernden Blätter gegürt."
(Ovid, Metamorphosen)
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