Donnerstag, 25.04.2019
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.05.2015

"Kohlhaas-Prinzip" am Maxim GorkiEine Welt im Gerechtigkeitsfuror

Von André Mumot

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Das Maxim Gorki Theater, aufgenommen am 29.10.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
Das Maxim Gorki Theater in Berlin (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

Vorzeigemoralist wird Terrorist - so etwa könnte man das "Kohlhaas-Prinzip" zusammenfassen. Die israelische Erfolgsregisseurin Yael Ronen hat Kleists Kohlhaas-Novelle von 1808 auf gegenwärtige Verhältnisse umgemünzt. Ihre Inszenierung am Berliner Maxim-Gorki-Theater ist grandios.

Eigentlich geht’s uns doch großartig in Deutschland: Keine Todesstrafe. Kein Ebola. Frauen dürfen wählen. Sich ausziehen. Und das beste Brot der Welt haben wir auch. Ist das also die beste aller möglichen Welten?

Eine Frage, die das Ensemble schon zu Beginn der Premiere im Berliner Maxim-Gorki-Theater aufwirft – in einer blitzgescheiten, wirbelnden Performance über Political Correctness und Klischee-Zuschreibungen. Da bedauert Dimitrij Schaad seine schwarze Kollegin Cynthia Micas, sie könne ja am Theater in Deutschland kaum auf interessante Rollen hoffen – es sei denn, es gäbe mal ein "Nelson-Mandela-Musical oder ein Dokudrama über das Leben von Boris Becker". Nur um sich im nächsten Moment anhören zu müssen, als dicklicher, schwuler Russe habe er ja auch nicht gerade den Hauptgewinn gezogen. "Ich bin kein Russe, ich komme aus Kasachstan!", giftet Schaad zurück.

Grandios ist das, absolut hinreißend – besser noch im Grunde als das, was kaum weniger virtuos darauf folgt, das "freie Spiel um Gerechtigkeit und Terror", in dem die israelische Erfolgsregisseurin Yael Ronen Kleists Kohlhaas-Novelle von 1808 auf gegenwärtige Verhältnisse ummünzt. Stück für Stück finden die Darsteller in die Szenen hinein, greifen nach Autotüren und Fahrradlenkern, die aus dem Schnürboden gekracht sind und begeben sich in den internationalen Gerechtigkeitsclinch.

Denn es gibt gleich zwei Kohlhaas-Figuren: Der Palästinenser Michail (Taner Sahintürk) wird am Checkpoint zwischen den palästinensischen Gebieten und Israel gegängelt und landet schließlich als illegaler Flüchtling in Berlin. Dort sieht er mit an, wie der Elektrofahrradentwickler Kohlhaas (Thomas Wodianka) vom schwerreichen Unternehmersohn Hajo von Tronka (hinreißend: Dimitrij Schaad) angefahren wird. Auf Gerechtigkeit aber kann er auch bei der Polizei nicht hoffen, da dessen Vater mit dem Staatsanwalt Golf spielt und auch in Deutschland die stillschweigende Vetternwirtschaft an der Tagesordnung ist.

Der vegane Moralist sprengt Nobelrestaurants in die Luft

Wie bei Kleist folgt der Abstieg in einen immer blutigeren Rachefeldzug. Aus einem Friedrichshainer Vorzeigemoralisten, der strikt vegan lebt, ein Fair-Trade-Handy sein eigen nennet und brav den Müll trennt, aus dem "Muster eines Staatsbürgers" wird einer der "entsetzlichsten Menschen seiner Zeit". Das "Kohlhaas-Prinzip" (so auch der Titel des Abends) stößt unzählige Terrorzellen an, die daraufhin sämtliche Nobelrestaurants und Clubs, in denen von Tronka regelmäßig zu finden ist, in die Luft sprengen. "Paint it Black" singt Thomas Wodianka, während auf der Bühne die Kulisse in echten Flammen steht und sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Recht und Rache nach vorne drängt.

Anders als in Ronens gerade erst wieder beim Theatertreffen gefeierten Inszenierung "Common Ground" werden die drängenden moralischen Fragen hier jedoch nicht ausgiebeig diskutiert, es fehlt das verzweifelte, selbtsironische, lösungslose Hin und Her, dafür setzt es umso mehr Aktion und Humor, jede Meneg kurzweilige Momente, in denen das feuereifrige Ensemble nur allzu gern seine Glanzstücke abliefert. Pralles, hyperaktioves Volkstheater ist das – so mitreißend, dass einem schwindlig werden könnte.

Auch allegorische Elemente finden ihren Weg in die Inszenierung, wenn Cynthia Micas den "schwarzen indischen Raben" verkörpert, der die einheimischen Arten zu verdrängen droht. Also auch um die Flüchtlingsproblematik geht es irgendwie und darum, dass die Luxussorgen der deutschen Wutbürger sich nur schwer vergleichen lassen mit dem ganz anders gearteten Lebenswahnsinn an der Grenze zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Voller angerissener und nicht zu Ende gebrachter Einfälle und Gedanken ist dieses Kohlhaas-Prinzip, dann wieder überaus schlüssig und präzise, ein Spektakel, das so viel Spaß macht, dass man fast vergessen könnte, dass es in seiner atemlosen Raserei dann doch ziemlich realistisch von einer Welt erzählt, die auf immer unversöhnlichere Eskalationen zusteuert und auch im Gerechtigkeitsfuror keinen "Common Ground" mehr mit dem Gegner sucht.

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