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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.01.2010

Kohlenwäsche wird zum Ruhrmuseum

Natur- und Kulturgeschichte der Region Essen an neuem Standort zu erleben

Von Klaus Englert

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Die Zeche "Zollverein" in Essen (AP)
Die Zeche "Zollverein" in Essen (AP)

Wenn am 9. Januar das neue Ruhrmuseum eröffnet wird, das früher in den beengten Räumen des Essener Folkwang Museums untergebracht war, ist die deutsche Museumslandschaft um einen einzigartigen Kulturbau reicher.

Das Ruhrmuseum zieht nämlich in die einstige Kohlenwäsche auf der Zeche Zollverein ein - ein 42 Meter hohes, kubisches Monument aus Stahlfachwerk mit einer Grundfläche von fast 17.000 Quadratmetern. Architekt Rem Koolhaas, der das Bauwerk umnutzte und beispielsweise unter den Handläufen des Treppenschachts orangefarbene Leuchtbänder erstrahlen lässt, ist noch immer begeistert von dem Industriefossil:

"In der Kohlenwäsche betritt man eine fremdartige Umgebung. Das ist eine äußerst beeindruckende, überwältigende Atmosphäre. Das Museumsprojekt ist wirklich ein intelligenter Entwurf. Ich strebe dabei keine Renovierung oder etwas völlig Neues an. Dagegen denke ich, man sollte neue Ausstellungs- und Aktionsformen mit dem bestehenden Monument konfrontieren."

Rem Koolhaas reizte der ungewöhnliche Auftrag. Ihm schwebte ein Projekt vor jenseits von Neubau und Renovierung. Im Gespräch meinte er, es käme darauf an, die Spannung zwischen Alt und Neu, zwischen Maschinenästhetik und Musealität zu schärfen:

"Wir fügen das Museumsprogramm in das Gebäude ein und konfrontieren beide Teile miteinander. Auf der einen Seite ‚pushing the building’, auf der anderen ‚pushing the program’. Indem wir also eine Spannung zwischen beiden erzeugen, gelangen wir bestimmt zu neuen, starken Eindrücken."

Der Stuttgarter Architekt HG Merz hatte in den letzten Jahren den abweisenden Baukörper museumstauglich gemacht. Ebenso wie sein Rotterdamer Kollege zeigt sich Merz von dem Innenleben des Gebäudes überwältigt. Mit Rem Koolhaas stimmt er darin überein, die Spannung zwischen Maschinenwelt und Museumsarchitektur hervorzukehren:

Merz: "Hier ist natürlich das erste Exponat die Kohlenwäsche, das Haus mitsamt seinen Maschinen, das müssen Sie auch erklären. Gleichzeitig müssen Sie darin ein Museum machen, das von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart führt. Das sind natürlich zwei Welten, und die müssen wir zusammenbringen. Und ich glaube aber, dass dadurch die besondere Spannung an diesem Ort entsteht und das Museum zu etwas Einzigartigem in der Museumslandschaft wird."

Die traditionelle Ausstellungsarchitektur sollte man beim Betreten des Ruhrmuseums am besten vergessen:

Merz: "Man wird hier nachher so von einem Höhepunkt zum anderen gehen und hat zwischendrin immer die Maschine."

Merz erzählt, man wolle, im Gegensatz zu anderen Industriemuseen, die Natur- und Kulturgeschichte des Ruhrgebiets präsentieren. Er nutzt die von Koolhaas eingezogenen drei Geschosse, um hier die industrielle und vorindustrielle Epoche auszustellen – auf den Ebenen "Geschichte", "Gedächtnis" und "Gegenwart". Unterschiedlichste Dinge finden sich plötzlich nebeneinander: etwa das Skelett eines Mammuts und eine sogenannte "Gewässersammlung":

Merz: "Es gibt hier eine Gewässersammlung: Welches Wasser ist wie belastet? Auch dieses ist eine total verrückte Sammlung, die man so nicht gesehen hat. Wie giftig das auch teilweise aussieht und wie man im Ruhrgebiet die Natur genommen hat und sie einfach ruiniert und sie jetzt wieder langsam aufgebaut hat."

Auf der Ebene mit dem Titel "Gegenwart" zeigen Fotos die Alltagskultur im Pott: Grubenarbeit, Vereinsleben, Kleingartenidyll. Lautsprecher sorgen für akustische Illustration: Industrielärm, das Rauschen der Autobahn B1 und der reviertypische Taubenschlag. Zwischen massiven Betonwänden und rostigen Maschinen überraschen Ausstellungsobjekte, die zum Sehen, Hören und Riechen einladen. An der Duftstation lassen sich sogar Gerüche von Teer, Öl und anderen Industrieprodukten erschnuppern.

Merz: "Es müsste ein Erlebnis werden, durch dieses Haus zu gehen. Von Ereignis zu Ereignis. Von visuellem Ereignis vielleicht zu einem akustischen, vielleicht zu einem, das olfaktorisch ist, wo man riechen kann. Auch das Haus selber riecht ja und vermittelt natürlich eine ganz extreme Authentizität, und wir bringen jetzt auch noch authentische Exponate hinein, und jedes muss sein Eigenleben führen. Aber ich denke schon, dass wir damit ein spannendes Museum machen."

Ab dem kommenden Wochenende kann sich jeder sein eigenes Bild von der einstigen Kohlenwäsche machen - einem Maschinenmonstrum, das sich in der Tat in ein "spannendes Museum" verwandelte.

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