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Länderreport | Beitrag vom 16.08.2019

Kölner DomWenn ein Gotteshaus zum Tourismusmagneten wird

Von Moritz Küpper

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Kölner Skyline mit Kölner Dom, im Vordergrund trinken zwei Menschen Bier. (imago images / Future Image)
Der Kölner Dom ist für viele Kölner und Touristen in erster Linie Wahrzeichen der Stadt und dann erst ein christliches Gotteshaus. (imago images / Future Image)

Sechs Millionen Menschen im Jahr besuchen den Kölner Dom. Die meisten kommen als Touristen, denn er ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Wie bewahrt man zugleich die Bedeutung als Kirche? Es wird schwieriger, sagen viele, die dort arbeiten.

Langsam wird es still. Die letzten der bis zu 30.000 Besucher, die täglich den Kölner Dom besuchen, sind gegangen, die schweren Türen der Kathedralen fallen ins Schloss. Schwungvoll dreht Günter Brodka den Schlüssel herum – von innen. Von abends halb acht bis morgens um sechs Uhr ist Ruhe im Dom.

"Wir gucken jetzt mal, ob alles zu ist, ob sich noch ein Fremder hier befindet. Dann gehen wir langsam unserer Arbeit nach. Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen."

Der 60-Jährige läuft los. Abend für Abend kommt der "Mann für die Nächte im Kölner Dom", wie ihn die Pressestelle vorstellt, in die Kathedrale. Wenn der Lärm, das Gewusel, die Fotoapparate der Touristen oder die Gebete der Gläubigen verklungen sind, beginnt Brodka mit seiner Arbeit. Er liebt die Stille, die meditative Stimmung, die das Gotteshaus am Abend und in der Nacht bietet.

Erst kontrolliert Brodka alle Türen. "Das sind ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Zehn große Eingänge. Und Ausgänge."

Er geht im Halbdunkeln durch das große Kirchenschiff. Saubermachen muss er auch: "Es gibt Leute, die haben keinen Respekt."

Es liegen auch mal Windeln in der Ecke

Nacht für Nacht merke er das. "In den Nischen drinnen finden wir alles Mögliche: Essensreste, Äpfel, Butterbrote, Fritten, manchmal auf den Bänken. Auch Windeln haben wir schon gefunden. Wie kann das sein?" Brodka schüttelt den Kopf. Touristen, die die hunderte Treppen in die Domtürme hochsteigen, kommen an unzähligen Schmiereien vorbei. Und auch von außen dient der Dom mit seinen vielen Nischen und Ecken als Toilette für Wildpinkler.

Touristen im Kölner Dom, pro Jahr sind es sechs Millionen. (Imago / C. Hardt)Jeden Tag besuchen 20.000 Menschen den Dom. (Imago / C. Hardt)

"Sie hat sich soweit gewandelt, dass nicht mehr für alle klar ist, dass es eine Kirche ist, ein Gotteshaus", sagt Robert Kleine. Gegenüber des Doms sitzt der Stadtdechant in seinem Büro und repräsentiert die katholische Kirche in der Stadt Köln.

Veränderte Wahrnehmung der Kirche

Kleine zeigt auf die beiden Türme. "Für alle ist es ein wunderbares Gebäude, in das man hineingeht", erklärt Kleine. "Aber wie man sich dort verhält oder warum es gebaut worden ist, das ist wenigen Menschen bewusst. Es fängt damit an, dass man nicht mehr weiß, dass man nicht mit Hunden reingeht, nicht isst. Dass wir in einer Kirche unsere Kopfbedeckung abziehen. Bis zu der Meinung, das sei ein öffentlicher Raum, da hat einem keiner etwas zu sagen. Wir erleben, dass sich etwas verändert."

Wahrzeichen der Stadt Köln? Einer der meistbesuchten Touristenattraktionen Deutschlands? Ein mehr als 750 Jahre altes Bauwerk? Oder Kirche? Die Wahrnehmung des Doms war immer dynamisch, sagt Kleine: "Natürlich gab es auch im Mittelalter andere Phasen im Dom. Es war manchmal wie eine Wandelhalle. Jede Zeit hat ihre besondere Ausprägung. Aber ich glaube, der Dom ist immer auch ein Sammelpunkt für das, was gesellschaftlich los ist: Von Demonstrationen, die hier stattfinden, bis zu der Frage der Obdachlosen um den Dom herum. Wir hatten mal eine Femen-Aktion im Dom. All das was gesellschaftlich da ist, kommt irgendwann in den Dom."

Auch dass immer weniger Menschen christlichen Glaubens sind und Kirchen aufsuchen, weil sie Kirchen sind, zeigt sich am Dom. Ausgerechnet im größten Bistum des deutschsprachigen Raums fiel der Anteil der katholischen und evangelischen Kirchenmitgliedern an der Bevölkerung in den letzten Jahren unter 50 Prozent. Organisierte Christen stellen nicht mehr als die Hälfte der Bevölkerung. "Ich glaube, dass auch der Glaube nicht mehr so bekannt ist. Und dass auch äußere Formen nicht mehr bekannt sind."

Verärgerung über Kleidungsvorschriften

Wie im vergangen Sommer: Da es im Dom untersagt ist, schulterfrei, in Tank-Tops, Träger-Shirts oder ähnlichem herumzulaufen, ließ man Tücher verteilen, um die Schulter zu bedecken. Das Ergebnis: Unverständnis unter den Besuchern.

"Warum soll ich mir denn jetzt auf einmal etwas anziehen bei 30 Grad draußen oder bei über 30 Grad? Ich laufe ja nicht rum und zeige meine Möpse oder den Arsch", ist eine Besucherin zu hören. "Zumal da Hotpants drinnen getragen wurden, was definitiv, meiner Meinung nach, viel anreizender ist, als freie Schultern. Also bitte, wo sind wir denn?", ergänzt ein anderer Besucher. 

700 Tücher verschwanden

Eine weitere Veränderung: Das siebte Gebot – Du sollst nicht stehlen – scheint in Vergessenheit geraten zu sein. 700 Tücher verschwanden innerhalb von sechs Wochen. Fehlendes Wissen, gepaart mit fehlendem Respekt zeige sich im Dom. Aber auch die Globalisierung, sprich Touristen aus allen Ländern der Welt. Kleine erzählt das Beispiel vom Weihwasser:

"Es gibt ein Becken am Anfang der Kirche und da taucht man seine Finger ein zur Erinnerung an die Taufe. Viele Leute wissen das nicht, staunen. Und es gibt zum Beispiel Chinesen, die aus einer anderen Tradition kommen. Sie kennen den Spucknapf und denken, das sei so was Ähnliches."

Ein Problem des Doms sei auch niedrigschwellige Zugang: Ohne Hürde laufen die Menschen von einer großen Einkaufsstraße direkt in die Kirche, auf der anderen Seite liegt der Hauptbahnhof.

In der Synagoge und Moschee herrsche mehr Klarheit

Bei anderen Religionen will Kleine einen größeren Respekt festgestellt haben: "In einer Synagoge ist klar, dass man eine Kopfbedeckung aufzieht. In einer Moschee ist mehr im Bewusstsein: Ich ziehe die Schuhe aus, weil ich ein Gotteshaus betrete. Der Kölner Dom ist auch Weltkulturerbe. Das heißt, es gibt Menschen, die es in erster Linie nicht mit einer Kirche verbinden."

Draußen, am Haupteingang stehen daher Ordner, die sogenannten Dom-Schweizer: "Guten Tag, denken Sie bitte daran, die Kopfbedeckung abzunehmen?"

Drei buddhistische Mönche in orangenen Roben besuchen den Kölner Dom. (Imago / C. Hardt)Buddhistische Mönche besuchen den Kölner Dom. (Imago / C. Hardt)

Drinnen gibt es seit einigen Wochen Lautsprecherdurchsagen, auf verschiedenen Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch. "Herzlich Willkommen im Kölner Dom, dem Wallfahrtsort zu den Heiligen drei Königen. In wenigen Minuten beginnt das Mittagsgebet."

Auch Fabian Frerich hört diese Durchsagen täglich. Der 31-Jährige - groß gewachsen, brauner Vollbart, entschlossener Blick - trägt den dunkelroten, bis zu den Füßen reichenden Talar der Domschweizer und steht im Mittelschiff der Kathedrale.

"Als ich vor acht Jahren angefangen habe war das Stehen, Gucken, Hoffen, dass irgendwann mal was passiert. Dass man etwas machen kann. Seit zwei bis drei Jahren haben sich die Menschen verändert. Sie sind aggressiver geworden, der Respekt fehlt."

Der Ordner findet: Die Besucher werden immer aggressiver

Tagtäglich stellt Frerich eine immer egoistischer werdende Gesellschaft fest: "Es ist schwierig, ihnen etwas zu erklären, so dass sie es verstehen. Die haben ihr Ich-Sein: Ich habe das Recht, ich bezahle Kirchen-Steuer, wir dürfen machen und tun, was wir wollen."

Ein Kunde kommt in die Kirche. Schulklassen mit Klassen-Clowns, Ehemänner, die sich vor ihren Frauen profilieren wollen, Drogenhandel, Diebstähle. Auch deswegen sind die Domschweizer keine älteren Männer mehr wie früher, sondern kräftige, junge Männer wie Frerich.

"Wir haben eine Schmerzgrenze, an der wir sagen: Jetzt ist Schluss oder Sie können den Dom verlassen. Es gibt öfter Handgreiflichkeiten. Wir wurden angegriffen und mussten uns verteidigen, die Person rausschmeißen. Das sollte nicht so sein, denn wir möchten eine Willkommenskultur haben. Jeder soll hier willkommen sein."

Bei aller Anziehungskraft auf Touristen, bei aller Vereinnahmung als Wahrzeichen, etwa im Wappen des Fußball-Klubs 1. FC Köln, ist für Frerich, den gebürtigen Kölner, klar:

"Arbeitstechnisch gesehen, als Domschweizer, ist es definitiv eine Kirche. Das Kapitel versucht, dass die Leute hier reinkommen und eine Kirche sehen. Und nicht Weltkulturerbe oder Tourismusanlaufstelle. Wir haben über 50 Messen in der Woche. Das sagt viel aus über die Kirche. Hier ist noch immer Voll-Kirche und nicht nur zur Hälfte oder zu einem Viertel."

Karnevalisten und Fußball-Fans im Dom

Doch auch das kann täuschen: "Ehrenfeld, Raderthal, Nippes." Gottesdienst zum Saisonauftakt des 1. FC Köln. "Üvverall jitt et Fans vum FC Kölle." In Trikots, mit Schals behangen, singen die Fans des FC die Vereinshymne im Dom.

Auch die Karnevalisten haben einen Gottesdienst im Dom, zudem gibt es in der Kathedrale Lesungen der "lit.Cologne". Während der Computerspielemesse "Gamescom" lockte eine Laser-Installation vor allem junge Menschen in den Dom. Stadtdechant Kleine weiß um den Spagat:

"Der Dom ist eine Kirche und es findet nur statt, was einen kirchlichen oder Verkündigungshintergrund hat. Nicht irgendwelche weltlichen Konzerte, sondern nur kirchliche Musik. Ganz klar ist für uns als Domkapitel, dass wir keinen Eintritt verlangen." Der Dom ist nicht kommerziell, dennoch wird er vielerorts so genutzt.

"Auf der einen Seite kann man sagen: Es ist schön, dass sich so viele solidarisieren mit dem Dom. Er scheint eine positive Marke zu sein, wenn sich ein Taxi-Ruf, eine Apotheke oder selbst ein Dönerladen den Dom ins Logo schneidert. Manchmal ist mir das auch zu viel." Kleine lächelt gequält, machen kann er nichts. Oder eben doch mit zeitgemäßem Marketing.

Eine Lichtinstallation der lit. Cologne taucht den Kölner Dom in blaues Licht und projiziert Worte auf die Außenwand. (Imago / Bernd Lauter)Das große Literaturfestival lit. Cologne beleuchtet im Jahr 2018 den Dom mit einer Installation. (Imago / Bernd Lauter)

Auch das Domkapitel selbst hat einen Markenprozess angestoßen, will darin eine "Dachmarke für den Kölner Dom und ein darauf aufbauendes, institutionsübergreifendes Corporate Design erarbeiten". Ist diese Ausstrahlung, diese Anziehungskraft – kirchlich und weltlich – positiv oder negativ?

Kleine überlegt: "Es ist sowohl Fluch, als auch Segen. Segen, weil wir die Möglichkeit haben zu vermitteln, wofür der Dom steht: Es ist ein Gotteshaus, es hat eine frohe Botschaft zu verkünden, es ist steingewordener Glaube. Das vermitteln wir durch Führungen, durch Publikationen oder durch die Ausstrahlungen des Domes, die jeden gefangen nimmt." Kleine macht eine Pause, die immer länger wird:

Es sei ein "Fluch auf der anderen Seite, weil es so viele sind. Es sind sechs Millionen im Jahr, 20.000 am Tag. So viele, dass der Dom nicht mehr als Kirche erlebbar ist. Weil es sehr laut ist. Weil der Dom, der ab 1248 erbaut wurde, nicht für diese Massen ausgerichtet ist. Wenn so viele Menschen in den Dom kommen, schadet das dem Kunstwerk. Und natürlich kommt man nicht mehr zur Ruhe, wie man das vielleicht in einer stillen Dorfkirche tun kann."

Nur Günter Brodka, der Nachtwächter des Doms, hat Ruhe, Nacht für Nacht. Und die nutzt er: "Wir sind die Dom-Heinzelmännchen. Man sieht nur Arbeit getan, aber nicht die Leute, die die gemacht haben." Sagt es – und verschwindet zwischen still und dunkel daliegenden Bänken im Kölner Dom.

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