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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.04.2016

Ko Machida: "Vom Versuch, einen Glücksgott ..."Als Anarcho in Japan

Von Katharina Borchardt

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Der Gott des Windes im Taiyuin Tempel in Nikko, Japan. Die Schreine und Tempel von Nikko wurden 1999 von der Unesco als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. (picture alliance / dpa / Kurt Scholz)
Der Gott des Windes im Taiyuin Tempel in Nikko, Japan. Der Tempel gehört zum Unesco-Welterbe. (picture alliance / dpa / Kurt Scholz)

Die Frau ist weg, die Wohnung leer, nur ein Glücksgott aus Metall steht noch da. Das ist eine typische Szene aus Ko Machidas erstem Erzählband "Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden". Der japanische Autor und Punkmusiker begeistert mit grotesken Geschichten.

"Arbeit ist scheiße", findet Kusunoki, "viel lieber würde ich jeden Tag abhängen und mich amüsieren." Er ist – wie alle männlichen Figuren bei Ko Machida – der unbedingte Gegenentwurf zum "salaryman", wie man in Japan den Typus des Büroangestellten nennt. Zwei 80seitige Erzählungen umfasst Ko Machidas Band "Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden", und in beiden sind es Männer jüngeren bis mittleren Alters, die ihren Job gerade verloren haben und in prekären Verhältnissen leben: ohne Frau, ohne Geld, ohne Gas. Beruflichen Ehrgeiz haben sie keinen, aber etwas mehr Geld hätten sie schon gern auf Tasche. In der ersten Geschichte, die dem Buch auch seinen Titel gab, jobbt der Erzähler kurzzeitig in einem Second-Hand-Laden und macht dann bei einem hoch dubiosen Dokumentarfilm mit. In der zweiten Geschichte "Flußbettlibrett" verdient er sich etwas in einem Nudelsuppen-Imbiss und anschließend als Urnenspediteur dazu.

Frauen machen Männern das Leben zur Hölle

Sehr wahrscheinlich handelt es sich um zwei verschiedene Figuren, ganz klar aber wird dies nicht. Denn Ko Machidas Erzähler ähneln sich sehr. Mit Frauen kommen sie ebenso wenig zurecht wie mit Geld, aber immer haben sie einen Freund an ihrer Seite, der weiß, wie man an eine billige Wohnung oder einen obskuren Job kommt. Eigentlich sind Kos Männer weder faul noch verantwortungslos. Es gelingt ihnen zum Beispiel nicht, eine wackelige Daikoku-Glücksgott-Figur einfach wegzuwerfen. Auch im Second-Hand-Laden und im Suppenimbiss legen sie sich ganz schön ins Zeug, und trotz offener Kasse werden die Ladenbesitzer um keinen Yen betrogen. Wären da bloß nicht die Frauen, die ab und zu auftauchen und den Männern das Leben zur Hölle machen. Exzentrisch sind sie, eitel, laut, gierig und verfressen. Nach einer weiblichen Attacke haben die Männer stets Mühe, ihr Leben wieder ins Lot zu bekommen.

Ko Machida, Jahrgang 1962, ist im ersten Leben Punk-Musiker. Seine Geschichten aber, für die er etliche japanische Literaturpreise bekommen hat, sind trotz ihrer irren Charaktere und ihres häufig unübersichtlichen Handlungsverlaufs eher leise. Etwas Anarchisches haben sie allerdings, und das macht sie sehr sympathisch. Leider fehlt es ihnen dabei an gedanklicher Substanz. Erheitert folgt man den Figuren bei ihren konfus verlaufenden Abenteuern und amüsiert sich über manch groteske Situation. Am Ende einer jeden Geschichte aber bleibt außer dem Erlebnis einer Irrfahrt wenig zurück. Gerne hätte man einer Entwicklung der Figuren beigewohnt oder einem wirklich wichtigen Ereignis in ihrem Leben. Doch die Erzählungen wirken wie kurze, fast willkürlich gewählte Ausschnitte aus unstrukturierten Lebensläufen. Dies führt dazu, dass man die Geschichten sehr schnell wieder vergisst.

Lautmalerisch und teils mit neuer Orthographie

Zu erwähnen wäre noch die Qualität der Übersetzung aus dem Japanischen, die stellenweise einer Nachdichtung des Originaltextes nahekommt. Das Übersetzerduo Jürgen Stalph und Katja Cassing haben die als unübersetzbar geltenden Erzählungen von Ko Machida auf eindrucksvoll lebendige Weise übertragen: teils lautmalerisch, teils mit neuer Orthographie, teils in Geräuschen, teils gereimt, und manchmal haben sie auch neue Wörter erfunden. Übersetzerisch auf jeden Fall: eine Meisterleistung.

Ko Machida: "Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden"
Aus dem Japanischen von Katja Cassing und Jürgen Stalph.
Cass-Verlag, 172 Seiten, 22 Euro

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