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Profil / Archiv | Beitrag vom 07.05.2007

Knapp, prägnant und schnodderig

Dirk Laucke ist Dramatiker und Drehbuchautor

Von Susanne Burkhardt

Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)

Der 24-jährige Dirk Laucke ist kein typischer Vertreter seiner Generation der politisch Desinteressierten: Kapitalismuskritik überlässt er nicht den 68er Vorkämpfern. Der Dramatiker geht auch schon mal gegen Studiengebühren oder Hartz IV auf die Straße. Die Dialoge seiner Drehbücher wirken authentisch, er trifft den Tonfall der Wirklichkeit, lakonisch, spröde aber gleichzeitig auch poetisch.

Kreuzberg 36, Mariannenplatz. Dirk Laucke ist pünktlich und sieht wirklich aus wie auf den Pressefotos: jungenhaft, schlank und mit sommerblonden wilden kurzen Haaren. An den Knien sind seine Jeans demonstrativ weit aufgerissen. Er trägt ein Kapuzen-T-Shirt unter der dunklen Jacke und ein freundliches breites Lächeln. Aussehen, diesen Aspekt des Ichs findet er uninteressant. Sagt er jedenfalls. Was zählt, ist wer und wie man ist. Dirk Laucke ist vor allem ehrgeizig.

"Ich kann gut zuhören auch noch – also ich glaub eine Sache kann nicht gut genug sein und das muss ich vielleicht noch lernen, dass ich abschalten kann, wenn ne Sache fertig ist. Wobei ich dann mein eigenes Publikum bin – ich bin damit nicht zufrieden. Es geht immer besser. Wenn man mit sich zufrieden ist, dann ist das vielleicht auch ein Stück tot, weil dann geht’s ja nicht weiter. Ich will auch nicht grundzufrieden sein."

Seine Grundunzufriedenheit hat Dirk Laucke immer nach vorn getrieben. Aus Halle an der Saale, wo er aufwuchs, zum Psychologie-Studium nach Leipzig.

"Ich hab mich da vielleicht in der Schule getäuscht – weil es war mehr biopsychologisch ausgelegt, das ging dann darum dass menschliche Kommunikationszusammenhänge vom Schaltkreis Gehirn her erklärt wurde. Und das war dann doch nichts für mich."

Als sich das Studium nicht mehr so richtig anfühlt, hört er von einem Studiengang für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Er bricht ab und wechselt 2004 in die Hauptstadt. Hier schreibt er mit zwei Nachwuchsautorinnen an einem Abschiebedrama. Titel: "Hier Geblieben!".

"Dieses ‚Hier Geblieben!’, was wir fürs Gripstheater gemacht haben, das ging dann immer so, also wir haben vorher besprochen was wir in etwa wollen. Jeder hat sich zu Hause hingesetzt und hat dann irgendwas runtergerockt, und dann haben wir uns getroffen und gegenseitig fertiggemacht, und versucht das Beste draus zu machen aus dem Material, was da war."

"Runtergerockt" – solche Worte benutzt Dirk Laucke gern: Knapp, prägnant und schnodderig. Und so schreibt er auch:

"Aus’m Bauch geht’s los und dann halt wird’s immer n bisschen verkopfter und am Ende versuch ich noch mal 'n bisschen Bauch mit rein zu hauen."

Das Stück wurde vor allem ein politischer Erfolg: Es half mit, dass eine zur Abschiebung verurteilte 14-jährige Bosnierin in Deutschland bleiben durfte.

Auch in "Alter Ford Escord. Dunkelblau", Lauckes zweitem Stück, geht es um Leben in sozialen Zwängen und Nöten. Drei Männer aus dem Osten, ohne Trost und ohne Liebe. Zeitarbeiter aus dem Getränkemarkt, die aus ihrem frustrierenden Alltag ausbrechen wollen. Mit dem alten Ford unterwegs nach Legoland.

Denn Schorse, einer der drei, will seinem kleinen Sohn ein Stück Glück schenken. Nur darf die Ex-Frau nichts davon wissen. Also wird der Sohn auf dem Schulweg eingesammelt. Ein verzweifelter Traum, der scheitern muss. Lehren, die zu Leergut werden, weil sie niemand braucht.

"Ich hoffe – es gibt im Stück keine politische Aussage außer: ’Das hier ist n Scheißhaufen von Welt, solange es hier weitergeht.’"

Dirk Laucke ist kein typischer Vertreter seiner Generation der politisch Desinteressierten: Kapitalismuskritik überlässt er nicht den 68er Vorkämpfern. Er geht auch schon mal gegen Studiengebühren oder Hartz IV auf die Straße. Er will Widerstand leisten.

"Man muss schon das Große und Ganze retten, indem man versucht, sein Bestes im Kleinen zu machen."

Und weil er gut zuhören kann, wirken seine Dialoge authentisch, trifft er den Tonfall der Wirklichkeit, lakonisch, spröde aber gleichzeitig auch poetisch. Er verdichtet und spitzt zu.

"Naja, Punkrock ist, mit den wenigsten Mitteln das meiste machen. Und das ist schon ein Ideal von mir. Ich glaub, ich mag das einfach, wenn man sich mit so wenig wie möglich das meiste sagen kann. Jeder Satz ein Schatz … Kopp zu Arsch offen reicht."

"Im Prinzip sind das die gleichen Geschichten, die man in jedem Milieu erzählen kann – das geht hier vielleicht 'n bisschen mehr an die Basis. Wobei natürlich die sozialökonomische Bedingungen die Sache immer wieder verschärfen und der Kapitalismus grenzt halt nun mal Leute aus massiv."

Lauckes Helden sind die Ausgegrenzten. Mit ihnen fühlt er.

"Also die sind ja nicht nur cool. Die sind ja auch bekloppt zueinander, von daher mag ich sie nicht immer. Aber auf jeden Fall muss ich für meine Figuren fühlen, sonst würde ich sie nicht ernst nehmen. Dann würde ich über sie schreiben, aber sie nicht schreiben lassen."

Lauckes Stück "Alter Ford Escord. Dunkelblau." wurde im Januar in Osnabrück uraufgeführt. Jetzt will er erstmals selbst Regie führen.

"Weil es ein bisschen schade ist, dass es dann einfach aufhört, am Schreibtisch endet. Also ich bin ja schon ein sozialer Mensch, von daher interessiert mich das schon."

Am Thalia Halle wird er mit Jugendlichen aus einem Hallenser Randbezirk ein Stück über ihre Situation inszenieren. "Wir leben noch" so der Arbeitstitel. Ein Stück fürs Düsseldorfer Schauspielhaus ist gerade fertig, ein Drehbuch bereits verfilmt. Im Herbst wird er mit fünfundzwanzig Vater. Es läuft gut für Dirk Laucke. Er wird ernstgenommen. Und für Grundunzufriedenheit bleibt noch viel Zeit.

"Ich bin arschjung und das geht auch nicht so schnell vorbei."

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