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Interview | Beitrag vom 27.11.2019

Kluft zwischen Stadt und LandDas Drama der Landwirte

Werner Bätzing im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Landwirte aus ganz Deutschland sind am Dienstag 26.11.2019 mit tausenden Traktoren nach Belin gefahren um gegen verschärfte Umweltauflagen und strengere Duengeregeln zu protestieren. Das Foto zeigt die Straße des 17. Juni Richtung Brandenburger Tor von der Siegessaeule aus gesehen. Die Trekkerdemonstratin legte zeitweise den Verkehr in der Bundeshauptstadt lahm. (imago images / epd / Rolf Zoellner)
Tausende Bauern demonstrierten mit Ihren Traktoren in der Hauptstadt. Das "Drama der Landwirte" ist aus Sicht des Experten, zwischen Umweltschutz und Existenzsicherung zu stehen. (imago images / epd / Rolf Zoellner)

Die Bauernproteste haben erneut die Kluft zwischen Stadt und Land sichtbar gemacht. Der Kulturgeograf Werner Bätzing macht die Konsumgesellschaft für die Entfremdung verantwortlich. Und Hochglanz-Zeitschriften, die nur ländliche Idylle zeigen.

Edle Landhausmöbel, idyllische Szenen im Garten, süße Kälbchen im Stroh: Die meisten Städter haben ein sehr romantisches Bild vom Land und von der Landwirtschaft, sagt Werner Bätzing. Zahlreiche Land-Zeitschriften setzten "völlig falsche Bilder in die Welt", so der Kulturgeograf und Buchautor.

Zudem habe die Konsumgesellschaft den Bezug zwischen Produzenten und Konsumenten abreißen lassen: "In der Konsumgesellschaft kauft man Lebensmittel, man kauft Produkte - Hauptsache, der Preis ist extrem günstig. Wie Produkte hergestellt werden, wer dahinter steht, das interessiert keinen in der Konsumgesellschaft."

Fortschrittliche Städte, hinterwäldlerische Provinz

Das sei allerdings nicht immer so gewesen. Erst die Industrielle Revolution habe einen Bruch zwischen Stadt und Land bewirkt:

"Davor hatten wir in Deutschland und in großen Teilen Europas tausend Jahre lang relativ gleichwertige Verhältnisse zwischen Stadt und Land. Sie waren unterschiedlich, aber sie haben etwa gleich viel gegolten. Mit der Industriellen Revolution konzentriert sich der gesamte Fortschritt auf die Städte - und das Land erscheint auf einmal als eine dumpfe, hinterwäldlerische Provinz."

Bätzing sieht eine unheilvolle Entwicklung in der Landwirtschaft. Zwischen 1949 und 2016 sei die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um 86 Prozent allein in Westdeutschland zurückgegangen:

Immer mehr Dünger, immer mehr Herbizide

"Das Schlimme ist aus meiner Sicht, dass die Bauern quasi gezwungen werden, ihre Produktion zu intensivieren, immer mehr Dünger einzusetzen, immer mehr Herbizide, Pestizide einzusetzen, immer stärker ihre Quantitäten zu erhöhen, um überleben zu können."

Das "Drama der Landwirte" ist aus Sicht des Experten, zwischen Umweltschutz und Existenzsicherung zu stehen. Dabei hätten Bauern "Jahrhunderte oder Jahrtausende lang sogar" die Umwelt geschützt. Nur sei das unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht mehr möglich. 

(bth)

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