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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.11.2015

Klosterschule in MyanmarBuddhistische Lehre, Fußball und kritisches Denken

Von Tobias Nagorny

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Straßenverkehr in Mandalay: In der Stadt befindet sich die Klosterschule Phaung Daw Oo. (picture alliance / dpa / Lothar Ferstl)
Straßenverkehr in Mandalay: In der Stadt befindet sich die Klosterschule Phaung Daw Oo. (picture alliance / dpa / Lothar Ferstl)

In Myanmar hoffen viele, dass die Parlamentswahlen endlich mehr Demokratie und Öffnung bringen. Partizipation, kritisches Denken und religiöse Toleranz bringt eine buddhistische Klosterschule ihren Novizen und vielen anderen Kindern schon heute bei.

Eine Hauptstraße im nördlichen Randbezirk der Stadt Mandalay. Garküchen, Obsthändler, Mopeds in dichten Pulks, verblichene Werbeplakate. Die Mittagssonne steht im Zenit. Die Luft ist fiebrig.

Leicht kann man den unscheinbaren Eingang zwischen den Straßenläden übersehen. Die kleine Gasse führt direkt auf den Schulhof der Klosterschule Phaung Daw Oo. Doch hier herrscht keine buddhistische Stille, die Novizen sind nicht in buddhistische Mantras oder Gebete vertieft.

Mit hochgekrempelten Roben spielen die Novizen gerade lieber Fußball. Sieben gegen sieben - barfuß auf einem Schotterplatz zwischen den Schulgebäuden und Schlafsälen. Buddhistische Lehre und moderne Pädagogik sind für den Schulleiter, Abt U Nayaka, kein Widerspruch. Vor über 20 Jahren hat der Mönch die integrative Klosterschule gegründet - mittlerweile ist sie eine der größten und bekanntesten Schulen in Myanmar.

"Vor vielen Jahren als ich noch jung war, habe ich, mit Anfang 20, buddhistische Literatur in der Nähe von Yangon studiert. Und wie es buddhistische Tradition ist, bin ich als Mönch jeden Morgen mit meiner Schale durch die Straßen gezogen und habe Reis und Essenspenden gesammelt. Da bin ich immer an einem großen Gebäude vorbeigekommen - einer Schule. Aber keiner staatlichen Schule, sondern einer Schule, die von einem christlichen Mönch betrieben wurde. Und das schien ziemlich gut zu funktionieren. Da habe ich mir gedacht, warum kann man nicht auch sowas versuchen. Also, eine Klosterschule, in der nicht nur Novizen, sondern auch alle anderen Schüler unterrichtet werden".

Fast alle kommen aus sozial schwachen Familie

Nachdem der Abt seine buddhistische Ausbildung abgeschlossen hat, studierte er Pädagogik und Chemie an Universität Mandalay und gründete im Jahr 1993 die Phaung Daw Oo Klosterschule. Von den 4000 Schülerinnen und Schülern, die hier mittlerweile unterrichtet werden, sind über 600 Novizen. Fast alle Kinder kommen aus sozial schwachen Familien. Denn im Gegensatz zu den meisten staatlichen Schulen ist der Unterricht hier kostenlos. Getragen wird die Schule von zahlreichen Stiftungen und Fördervereinen aus Japan, England, Australien und Deutschland.

Burmesisch-Unterricht in einer 7. Klasse. Die 29-jährige Din Nilar Win ist hier selbst zur Schule gegangen und dann als Lehrerin geblieben. Seit zehn Jahren arbeitet sie jetzt schon hier, erzählt sie stolz.

"Unsere Schule ist besonders für die armen Kinder da. Ich muss nicht reiche Kinder unterrichten. Die haben es ja ohnehin leicht, eine gute Bildung zu erhalten. Es macht mir viel Freude, mein Wissen an die Kinder weiterzugeben, die es wirklich brauchen. Deshalb bin ich glücklich in meinem Job."

Besonders in den ländlichen Regionen Myanmars fehlt es an Schulen. Und die wenigen, die es gibt, sind oft überfüllt. Der Novize Kesar kommt ursprünglich vom Land – vor kurzem hat er hier an der Klosterschule seinen Highschool-Abschluss gemacht und nimmt jetzt an einem Vorbereitungskurs für die Universität teil, weil er bald sein Kunst- und Geschichtsstudium beginnen will.

Liberal und progressiv

"In meinen Heimatdorf im Shan-State gibt es ein Kloster in das ich immer gegangen bin und der Mönch dort hat mich schließlich hierher nach Mandalay gebracht. Da hatte ich ziemlich großes Glück. Die Bildungsmöglichkeiten auf dem Land sind sehr schlecht. Oder Familien können sich das Schulgeld für die staatlichen Schulen nicht leisten. Mein Traum ist es, im Ausland zu studieren. Vielleicht in Amerika. Dann will ich zurückkommen und Lehrer werden – der Gesellschaft etwas zurückgeben. Denn je mehr wir für die Bildung der Menschen hier tun, desto besser wird es unserem Land gehen."

Über 1000 Schüler und Novizen leben im Schulinternat. Die anderen 3000 Schüler wohnen im Großraum von Mandalay. Mit seiner Schule hat sich Mönch U Nayaka voll und ganz der Bildung und dem selbständigen und reflektierten Denken verschrieben. Liberal und progressiv.

"Das kritische Denken ist am meiner Schule sehr wichtig. Das unterscheidet sie von vielen anderen Schulen im Land. Da sind die Schüler eher ruhig und zurückgenommen. An meiner Schule ist es niemals ruhig. Im Vergleich zu einigen traditionellen Schulen in Myanmar würden manche Leute unsere Schüler wohl als frech bezeichnen. Aber das mag ich." (lacht)

Das friedliche Miteinander der verschiedenen Religionen gehört hier zum Alltag. Buddhistische Novizen sitzen gemeinsam mit Kindern aus muslimischen und christlichen Familien im Unterricht.

"Hier gibt es keine religiösen Konflikte an der Schule. Das hab ich noch nie erlebt. Und ich mag diese Konflikte, diese Gewalt, dieses gegeneinander Kämpfen überhaupt nicht."

Nur wenige festgeschriebene Regel

Denn im buddhistischen Myanmar kommt es immer wieder zu heftigen religiösen Spannungen. Vor allem zwischen nationalistischen Buddhisten und Muslimen. Besonders die muslimische Minderheit der Rohingya wird diskriminiert und von radikalen Buddhisten verfolgt. Auch außerhalb der Schule versucht Abt U Nayaka den Dialog zwischen den Religionen zu fördern, erzählt der Religionswissenschaftler Felix Hessler von der Universität Hannover, der selbst an der Schule geforscht hat:

"Die Schule hat zwei andere Fortbildungszentren und dort finden in regelmäßigen Abständen so interreligiöse Peace-Building-Trainings statt. Zu denen oft Lehrer und Schüler, die verschiedenen Konfessionen angehören zusammenkommen und durch Diskussionsrunden, Team-Building durch Spiele...ein neuer Austausch geschaffen wird".

Felix Hessler schreibt seine Doktorarbeit über das Klosterschulwesen in Myanmar. Im Vergleich zu den traditionellen buddhistischen Klosterschulen haben die Novizen nur wenig festgeschriebene Regel zu befolgen, erzählt er.

"Der Großteil der Novizen hier an der Schule sind oft Kinder aus dem Shan-State oder aus anderen Teilen des Landes, die oft aus sehr armen Verhältnissen kommen und für die Schulzeit die Roben anlegen, um das, der Abt nennt das so nett: das Buddha-Stipendium zu bekommen. Also, sie gehen jeden Morgen auf Essensgang und bekommen ihr Essen von den Laien, die in der Umgebung wohnen, geschenkt. Aber von diesen Novizen, die meisten werden nach Abschluss der Schulzeit wieder ins Laienleben zurückkehren. Manche entscheiden sich auch dann eben eine richtig monastische Ausbildung zu machen, sprich Pali-Textstudium, dann würden sie an eins der Studienklöster wechseln danach. Es gibt auch ein paar Mönche, die hier leben, die sich tatsächlich religiösen Studien widmen, aber der Schwerpunkt ist schon hier auf weltlicher Bildung."

Am späten Nachmittag ist der Fußballplatz immer noch voller Novizen. Laut buddhistischer Lehre dürfen sie, auch nach körperlicher Anstrengung, eigentlich nichts mehr essen, wenn die Mittagszeit vorbei ist. Doch so eng wird das an der Phaung Daw Oo Klosterschule nicht gesehen – solange sie sich das Abendessen irgendwo außerhalb des Schulgeländes besorgen.

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