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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 01.10.2018

Klingende SozialgeschichteDeutschland einig Schlagerland

Von Thomas Klug

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Schlagerstars in einer 60er-Jahre-Fernsehshow. U.a. Udo Jürgens, Chris Howland und Trude Herr (imago/United Archives)
Ob Ost oder West: Schlager waren und sind gleichermaßen beliebt. (imago/United Archives)

Eingängige Melodien, unverfängliche Texte: Der Künstler Dirk Rave hat sich auf die Suche nach dem gemacht, was die Deutschen auch während der Teilung vereinte. Entdeckt hat er dabei die gemeinsame Liebe zum Schlager.

"Mich hat noch keiner beim Twist geküsst."

Das sang Ruth Brandin in den 1960er-Jahren. Ruth Brandin, eine der bekannten Schlagersängerinnen der DDR. Der Titel mit dem Twist wurde rauf- und runtergespielt, bis die Tanzbeine ermüdeten oder die Ohren schmerzten.

Dirk Rave spielt den Twist auf dem Akkordeon. Für ihn ist der Schlager eine Neuentdeckung. Ein Schlager, der soll noch etwas haben, was mehr aus ihm macht:

"Das ist natürlich ein Schlager, aber - so die Idee - ich stelle mich jetzt mal gegen meine Eltern und behaupte, ich will diesen Tanz tanzen. Und ihr mit euren Standardtänzen, eng umschlungen mit Walzer und Tango und Cha Cha Cha kann man viel besser knutschen als beim Twist. Also macht euch keine Sorgen. Das ist schon ungewöhnlich für einen Schlager."

Schlager ist Schlager, egal ob aus Ost oder West

Dirk Rave stammt aus Preetz in Schleswig-Holstein – und dort blieben ihm einige DDR-Schlager verborgen oder erspart. 28 Jahre nach der Wiedervereinigung sucht Dirk Rave nach dem, was die Deutschen schon vorher einte – eine Liebe zum Schlager. Die gab es in Ost und West genauso wie das Belächeln derer, die Schlager tatsächlich als Quelle von Lebensweisheit betrachten.

"Ich mache seit mehr als 25 Jahren Kabarett, Kleinkunst und Chanson-Programme. Und sehr oft sind meine Kollegen aus der ehemaligen DDR. Es gab sehr häufig Momente, wenn man da in der Garderobe sitzt oder nach der Vorstellung, dann fängt jemand an, irgendwas zu summen oder zu singen und ich konnte das dann nicht mitmachen, weil ich dann das Lied halt nicht kannte."

Die Schlager selbst waren gar nicht einmal so unterschiedlich, die politische Himmelsrichtung ihrer Entstehungsorte spielte nur eine untergeordnete Rolle. Das ist Dirk Raves These, die er natürlich musikalisch belegen will. Schlager jedenfalls sind textlich eher unverdächtig, neue Erkenntnisse oder kritische Gedanken zu verbreiten. Trotzdem ...

"... gibt es in diesem verlogenen Schlager-Business - wo alles heil und schön sein soll und so sich Herz auf Schmerz reimt, Liebe auf möglicherweise Triebe -, trotzdem gibt es da immer Menschen, die ein bisschen mehr wollen, als was sowohl das kapitalistische als auch das System der DDR zugestand. Das fand ich spannend. Da war zum Beispiel das von Ruth Brandin ‚Mich hat noch keiner beim Twist geküsst‘, wo ich dachte, da kann ich anknüpfen."

Zwei Systeme - ähnliche Themen

Dieser Titel machte Dirk Rave neugierig – und er begab sich auf eine große Suche im unendlichen Fundus der im Westen oft unbekannten DDR-Schlager:

"Dann habe ich mal so ein bisschen reingehört, ein bisschen mehr in diese ganzen Ostschlager oder überhaupt in Ostmusik und dann ging das los mit Bärbel Wachholz. Und dann habe ich mich über Bärbel Wachholz schlau gemacht und fand das sehr spannend.

Ich habe mir die Lieder angehört und hatte dann plötzlich eine Idee, was man daraus machen kann, nämlich eine klingende deutsch-deutsche Sozialgeschichte, weil ich dann nämlich bei der Beschäftigung mit diesen Schlagern gemerkt habe, dass die Themen trotz der unterschiedlichen Systeme für die Menschen eigentlich die gleichen waren, angefangen von der direkten Nachkriegszeit, also die Not war in beiden Teilen Deutschlands die gleiche, dann die relativ reaktionären, spießigen 50er-Jahre, die sich in Fernwehschlagern und ähnlichen Liedgut äußerten."

Dirk Rave, Kathrin Schülein und Henry Nandzik (Thomas Klug)Bringen auch die alten Schlager wieder auf die Bühne: Dirk Rave, Kathrin Schülein und Henry Nandzik (Thomas Klug)
Dirk Rave probt weiter sein Programm. Und Katrin Schülein stellt den Ort vor, an dem die alten Schlager neu erklingen sollen. Der ist nämlich ein historisches Gelände: Berlin-Adlershof. Und genau dort, wo heute ein Theater steht, wurde lange Jahre täglich etwas verbreitet, was ganz Deutschland entweder erregte oder schläfrig machte. Das Fernsehen der DDR hatte hier seinen Sitz und genau in diesem Gebäude befand sich das Studio 5, das Studio der "Aktuellen Kamera".

Gleich gegenüber war das Wachregiment Felix Dserschinski stationiert, was dem Ministerium für Staatssicherheit unterstand. Die Nähe zum wichtigsten Medienstandort der DDR war nicht zufällig. Bevor das Gebäude in Adlershof zum Nachrichtenstudio wurde, war es schon einmal ein Theater, ein ganz besonderes:

"Das ist das erste und wahrscheinlich einzige Fernsehtheater, das jemals in Deutschland oder auf deutschem Boden gebaut wurde. Es ist 1952 fertiggestellt worden, war ein Auftrag des Fernsehens der DDR. Bis 1957 wurden Inszenierungen gesendet, Opern, Schauspielaufführungen."

Ein Stück deutsch-deutsche Geschichte

Katrin Schülein, ehemalige Tänzerin, leitet heute eine Ballett-Company, arbeitet als Choreografin und hat 2015 das historische Gebäude als Theater wiedereröffnet. Adlershof ist nicht mehr Sitz eines Fernsehsenders, sondern Standort für Wissenschaft und Technologie. Und der zieht auch ganz neue Einwohner an.

"Weil wir wirklich so ein unterschiedliches Publikum hier haben, Adlershof Ost und West, also der alte Standort und der neue sind so gegensätzlich, wie man sich das nur vorstellen kann. Da sind natürlich 7000 Studenten der Humboldt-Universität, viele Wissenschaftler, junge Wissenschaftler, man hört nur noch selten deutsch hier auf der Seite. Und dazu als Pendant hat man das alte Adlershof, wo ein hohes Durchschnittsalter herrscht, wo natürlich die kulturellen Neigungen ganz andere sind und Interessen."

Auf der kleinen Bühne des Theaters in Berlin-Adlershof wird Dirk Rave gemeinsam mit Schauspieler und Sänger Henry Nandzik seine Schlagerentdeckungen präsentieren:

"Mich interessiert natürlich auch, die deutsch-deutsche Geschichte zu zeigen und mit diesen Mitteln zu erklären. Da bin ich gern vielseitig unterwegs."

Bis zuletzt wird am Programm gefeilt. Sicher ist schon: Es wird kein sturer Schlagerabend:

"Wir werden uns an ‚Am Fenster‘ versuchen. City. Auf den Akkordeon. Das war aber eher Rock. Ja, das stimmt. Wir werden es versuchen."

Der Schlager und die große Politik

Dirk Rave hat für sein Programm Schlager in verschiedene Kapitel sortiert. Da geht es tatsächlich um Emanzipation.

"Das Thema Emanzipation ist ein ganz wichtiges. Das zieht sich wirklich durch von den 50er-Jahren von dem Mädel oder Mädchen auf dem Traktor. Allein die Idee, das Bild zu evozieren, ein Mädchen auf dem Traktor, das hat es im Westen nicht gegeben. Im Westen haben sich die Mädels anders geäußert. Das ging los mit Trude Herr, das erste Mal, dass eine Person im Schlager das Wort ‚wollen‘ benutzt. Sie will nämlich keine Schokolade, sie will einen Mann.

Auch das ist ein Thema, was in Ost und West gleichermaßen relevant ist, weil natürlich viele Männer im Krieg gefallen waren oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Und das ist auch im Osten gesungen worden, von einer Sängerin namens Erika Roth. Ich habe noch niemandem getroffen, der sie gekannt hat. Weitere Kapitel, also Wirtschaft z.B. Da gibt es dann in diesem Programm mehr als Schlager, da kommt auch das Chanson vom Wirtschaftswunder von Günther Neumann und Franz Grote."

Dirk Rave will auch zeigen, dass nicht alle Schlager banal waren, sondern dass Texter, Komponisten und Interpreten immer auch versuchten, aus dem Schlagerkorsett auszubrechen:

"Zum Beispiel im Osten Chris Doerck, die dann - wie hieß das - ‚Die Rose von Chile‘ gesungen hat."

Ganz zum Schluss des Programms will Dirk Rave einen Politiker zitieren, Bernhard Vogel, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und von Thüringen.

"Der südkoreanische Botschafter fragte ihn, was sollte man in Nord- und Südkorea machen, wenn man die Staaten wiedervereinigen wollte. Und er hat gesagt: Nicht siegen wollen."

Nicht siegen wollen. Und sich vielleicht gegenseitig die alten Schlager vorsingen.

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