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Zeitfragen | Beitrag vom 26.09.2019

Klimawandel und EidechsenUrgetüme in Gefahr

Von Volkart Wildermuth

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Eine Waldeidechse krabbelt durchs Gehölz. (imago images / blickwinkel)
Die Waldeidechse kommt auch in unseren Breitengraden vor. (imago images / blickwinkel)

Halsbandeidechsen sind fast so alt wie die Dinosaurier. Allerdings gefährdet der Klimawandel ihre Lebensräume - und zwar schneller, als dass sich die Tiere an die neuen Bedingungen anpassen könnten.

"Wir sind jetzt hier im Ostflügel des Museums, wo sich unsere Alkoholsammlung befindet. Also alle möglichen Tierarten, egal ob Fische oder Reptilien, die alle in Alkohol eingelegt sind, sagt Forscher Johannes Müller. "Also, ich sehe gerade nur Fische. Wo sind die Eidechsen?", fragt Autor Volkart Wildermuth. "Die fangen weiter oben an. Nach den Fischen kommen die Schlangen und dann, wenn wir die Treppe hochgehen, kommt man am Ende zu den Eidechsen."

"Hier sind irgendwie fast acht Regalebenen mit ganz vielen Glasflacons, schön mit geschliffenen Deckeln, damit der Alkohol nicht verdunstet. Mussten Sie also rumklettern, um Ihre Eidechsen zu holen?", fragt Autor Volkart Wildermuth. "Ja, das stimmt", antwortet Johannes Müller. "Da gibt‘s natürlich Zwischenebenen, da kann auch einfach gut rumlaufen, das ist nicht so schwer. Und auf der Ebene haben wir dann unsere Ausleihen gemacht und das Material dann im Röntgentomografen gescannt."

Ausgebleichte Präparate in Alkohol und moderne Tomografen: Im Naturkundemuseum in Berlin liegen Vergangenheit und Zukunft nahe beieinander. Der Paläozoologe Johannes Müller nutzt all diese Möglichkeiten, um die Evolution der Halsbandeidechsen genauer zu untersuchen.

Ausbreitung seit zehn Millionen Jahren

"In Deutschland zum Beispiel die Zauneidechse oder die Waldeidechse. Aber auch im Mittelmeerraum, wenn Sie in den Urlaub fahren – die Eidechse, die sie dort sehen, gehört zu dieser Gruppe der Halsbandeidechsen", sagt er.

Über dreihundert Vertreter zählt diese Gruppe heute. Sie leben in tropischen Regenwäldern, in Wüsten, auf hohen Bergen, und die Waldeidechse ist sogar nördlich des Polarkreises zu finden. 45 Wissenschaftlern aus 17 Ländern haben ihren Stammbaum jetzt rekonstruiert und mit Hilfe von Fossilien, die sind das Spezialgebiet von Johannes Müller, auch in der Erdgeschichte verankert.

Wichtigstes Ergebnis: Die ersten Halsbandeidechsen entstanden kurz nach dem Ende der Dinosaurier, wirklich ausgebreitet und in viele Arten aufgespalten haben sie sich aber erst vor rund zehn Millionen Jahren.

"Dann sehen wir, dass der große Schub an Artenvielfalt, als es wesentlich mehr Eidechsenarten gegeben hat, dass dieser Schub bei den Halsbandeidechsen eben dann erfolgt ist, als es kühler wurde auf der Welt. Also vor rund zehn Millionen Jahren plus minus wurde dann langsam dieses moderne gemäßigte Klima dominant. Das ist auch die Zeit gewesen, wo wir bei den europäischen und asiatischen Halsbandeidechsen den Hauptschub in ihrer Diversifizierung sehen."

Empfindlich gegen Hitze

Die meisten Arten sind also an vergleichsweise kühle Temperaturen angepasst. Morgens wärmt erst ein Bad in der Sonne ihren Körper und bringt ihn so richtig auf Zack. Zu heiß mögen es die Halsbandeidechsen aber nicht, deshalb sind sie in der Mittagshitze auch nicht zu sehen.

Um die Lieblingstemperatur der verschiedenen Arten zu messen, haben die Forscher zusammenfaltbare längliche Terrarien ins Gelände geschleppt und eine Seite erwärmt, während die andere kalt blieb. Dann wurden Eidechsen gefangen und in die Kiste gesetzt.

"Simpel gesprochen gibt man ihm einfach einen Wärmegradienten und lässt sich das Tier ein bisschen beruhigen, dass es sich halbwegs wieder normal fühlt und nicht sehr gestresst ist. Dann wird man im Endeffekt über die Zeit hinweg sehen, wo sich dieses Tier bevorzugt aufhält, was man natürlich mit regelmäßigen Messungen der Körpertemperatur dann letztlich auch statistisch überprüft", sagt Müller.

Es wird zu warm

Die unterschiedlichen Arten haben verschieden Vorzugstemperaturen, und die liegen meist nahe an den Temperaturen in ihrem Lebensraum. Die Eidechsen sind gut an die heutigen Verhältnisse angepasst. Nur: Die verändern sich gerade, es wird langsam wärmer, zu warm für einige Arten, zumindest lokal. Die Waldeidechse beispielsweise ist in den – inzwischen heißeren – Pyrenäen nicht mehr anzutreffen.

Die Tiere können natürlich weiterziehen, in kältere, nördliche Breiten, meint Magnus Wessel, Leiter Naturschutzpolitik beim BUND: "Das ist in Deutschland ganz häufig schwer geworden, durch Straßenverkehr, durch intensive ausgeräumte Landschaft, in denen keine Randstreifen mehr vorhanden sind, an denen die Tiere sich meinetwegen an Feldwegen entlang bewegen können. Das ist alles nicht mehr vorhanden und insofern funktionieren die natürlichen Reaktionen der Tiere auf den Klimawandel einfach an der Stelle nicht mehr."

Auch das Futter wird zum Problem

Zumal es noch weitere Probleme gibt: "Eidechsen brauchen einerseits Lebensräume, in denen sie leben können. Dann brauchen sie natürlich auch zu fressen. Und da ist der Insektenreichtum was wichtiges, da ist es wichtig, dass sie genügend Wasser finden, um in den Extremzeiten auch zu überleben. Und das sind alles Punkte, die rar geworden sind", sagt BUND-Experte Wessel.

Besonders problematisch wird das wärmere Klima für Arten, die isoliert auf einzelnen Bergstöcken in Spanien, in den Alpen oder auf dem Balkan leben. "Die können nicht kurzfristig ins Tiefland gehen und nach Norden wandern, für die ist dann einfach vorbei", sagt Johannes Müller. Wobei er nicht erwartet, dass beim nächsten warmen Sommer überall tote Eidechsen herumliegen.

Die Tiere verschieben zunächst ihren Tagesablauf, kommen früher raus, bleiben über Mittag länger in ihren Verstecken. Dann verpassen sie aber vielleicht ihre Beutetiere. Deshalb sterben sie nicht gleich, aber sie sind eben auch nicht mehr so fit.

Veränderte Lebensbedingungen haben Folgen

"Die werden einfach einen geringeren Fortpflanzungserfolg haben. Und wenn‘s noch wärmer wird, müssen sie noch weiter ihr bevorzugtes Temperaturfenster verändern und dann wieder mit anderen Formen in ökologische Konkurrenz treten. Und das bedingt im Endeffekt das Aussterben. Nicht so sehr die Tatsache, dass diese Einzelindividuen sozusagen gekocht werden, das passiert nicht", glaubt Zoologe Müller.

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