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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 21.01.2018

Klimawandel und BergsteigenWenn die Gletscher schwinden

Von Ernst Vogt und Georg Bayerle

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Bergsteiger auf einem Gletscher, im Hintergrund der Piz Palü. (imago / Imagebroker)
Bergsteiger auf einem Gletscher, im Hintergrund der Piz Palü. (imago / Imagebroker)

Der Klimawandel wirkt sich in den Alpen doppelt so drastisch aus wie im Flachland. Das Schmelzen der Gletscher ist für Bergsportler ein Gefahr. Hänge geraten ins Rutschen, an Hütten zerbröselt der Untergrund. Der Bergsport muss sich diesen Verhältnissen anpassen.

"Eine riesige Gerölllawine rollt ins Tal hinunter, begräbt Häuser und Straßen im Val Bondasca unter sich. Die 200-Einwohner-Gemeinde Bondo wurde evakuiert."

So schreibt die Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung über den gewaltigen Bergsturz vom 23. August 2017 am Piz Cengalo im Schweizer Kanton Graubünden. Vier Millionen Kubikmeter Stein – das entspricht etwa 80 Lkw-Ladungen – stürzten ins Tal. Eine Naturgewalt. Und für Augenzeugen ein Schock fürs Leben. Wie der deutsche Bergführer David Göttler, der mit zwei Gästen am Nachbarberg, dem Piz Badile geklettert ist.

"Es hat dauernd gerumpelt, sogar die Funken sind gesprüht, dann war der Geruch von Schwefel in der Luft, von diesen Felsstürzen."

Einen derartigen Bergrutsch hat es dort seit Jahrzehnten nicht gegeben. Erst langsam wurde den Kletterern bewusst, dass es sich um ein Naturereignis von enormen Dimensionen handeln musste.

"Als wir über den letzten Col herüber gekommen sind, wo man in das Tal nach Bondo hinunter schaut, haben wir geahnt, dass irgendetwas los ist. Es war ganz dunstig, man konnte gar nicht ins Tal schauen. Und wir haben noch gescherzt: Das wird ein Felssturz gewesen sein. Als wir auf der Sasc Furä Hütte ankamen, hat die Hüttenwirtin, die Heidi, dann erzählt, dass ein riesiger Felssturz heruntergekommen ist und das ganze Tal verschüttet hat. Wir wurden dann mit dem Helikopter evakuiert."

Permafrost stabilisiert Felswände und Berghänge

Ein Teil des Piz Cengalo, 3369 m hoch, ist unter gewaltigem Staub und Getöse in sich zusammengefallen, erzählen Augenzeugen, eine ganze Flanke des stattlichen Grenzbergs zwischen Italien und der Schweiz.

"Als wir mit dem Helikopter über die Ausläufer geflogen sind, haben wir unseren Augen nicht getraut. Es war gigantisch und unvorstellbar, wie weit es da heruntergeschoben hat."

Mindestens acht Wanderer werden seither vermisst. Es war nicht das erste Mal, dass am Piz Cengalo ein Bergsturz niederging. Im Dezember 2011 brach rund eine Million Kubikmeter Gestein ab und rollte ins Bondasca-Tal. Damals blieb es von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, aber schon da wurde die Frage aufgeworfen, ob das Naturereignis mit dem Rückgang des Permafrosts zu tun haben könnte.

Permafrost ist gefrorenes Material, das auch im Sommer nicht auftaut, also immer unter null Grad bleibt. Solange das Eis gefroren bleibt, stabilisiert der Permafrost Felswände, Berghänge und Flanken, auch wenn sie wie Schutthalden aussehen. In den Alpen aber wirkt sich der Klimawandel noch wesentlich deutlicher aus als im Flachland, erklärt Tobias Hipp, der Klimaexperte des Deutschen Alpenvereins:

"Alpenspezifisch ist, dass wir einfach durch die hohe Reliefenergie in die Atmosphäre hineinragen und damit ein Hindernis sind und die Erwärmung dort stärker stattfinden kann. Die Auswirkungen sind dann auch extremer, weil wir durch die Hangabtriebskraft andere Prozesse haben, also Murgänge, Steinschlag etc."

Schaut man sich den Zeitraum von 1850 bis heute an, dann ist die Erwärmung als starker Trend festzustellen. Die letzten drei Jahre sind – global gesehen – die wärmsten. Und wie hat sich die Durchschnittstemperatur entwickelt:

"Also in den Alpen sind wir bei 1,8 Grad plus Erwärmung seit Messbeginn, also seit 1850. Global sind wir bei 0,9 Grad, globales Mittel."

Beim Pariser Klimaabkommen haben sich 195 Staaten vorgenommen, die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. In den Alpen ist diese Grenze schon fast erreicht. Die Frage, ob das neue Unglück am Piz Cengalo mit dem Permafrost zu tun habe, beantwortet der Klimaexperte des Deutschen Alpenvereins so:

"Ja und nein, beides. Permafrost ist im Piz Cengalo präsent, das ist überhaupt keine Frage, das ist von Höhenlage und Exposition zweifelsfrei. Gleichzeitig ist am Wandfuß der Gletscher zurückgegangen und hat damit Stabilität aus der Wand genommen, sozusagen einen stützenden Fuß weggenommen. Das sind zwei Faktoren. Der dritte Faktor ist, dass solche Bergstürze ein immer wiederkehrendes Phänomen sind. Es gibt da keinen einzelnen Faktor, der so einen großen Bergsturz auslöst."

"Man sieht, es bröckelt"

Selbst wenn der Bergsturz am Piz Cengalo als außergewöhnliches Katastrophenereignis gilt – eines ist sicher: Die Instabilität der Berge nimmt zu, vor allem um die Permafrost-Grenze herum, also zwischen 2.700 und gut 3.000 Metern.

"Wir haben in den Ötztaler Alpen das Hochwildehaus auf cirka 3000 Meter. Das Fundament war früher Permafrost. Die Hütte stand auf gefrorenem Seesediment. Und die musste geschlossen werden, weil durch Sackungen im Boden die Hütte statisch instabil geworden ist."

Zugig und exponiert führen die Übergänge durch die felsige Hochgebirgslandschaft des Verwall – ein Urgesteinsgebirge zwischen Arlberg und Silvretta. Die "Verwallrunde" von Hütte zu Hütte zählt zu den hochalpinen Klassikern in den Ostalpen. Für Hannah und ihre Freundin war die heutige Etappe zur Darmstädter Hütte fast ein bisschen zu alpin:

"Wir sind heute von Niederelbehütte herüber gegangen. Schon ein bisschen gefährlich. Es war hoch und runter relativ rutschig, alles Geröll, nicht so ohne. Da hab ich schon kurz mal Angst gehabt. Wenn man oben ist, kann man die Aussicht nicht so genießen, weil man denkt, dass man da noch runter muss."

Ohne dass die beiden sich hier genauer auskennen würden, haben sie bemerkt, was in der Landschaft vor sich geht:

"Diese Landschaft, wo früher Eis und Schnee war, sieht man, es bröckelt. Es ist nicht mehr so schön anzusehen, aufgrund dessen, dass sich das Gestein den Weg sucht. Das sieht man auf jeden Fall."

Mit Gipfeln zwischen 2700 und 3100 Metern erreicht das Verwall genau jene kritische Höhe, in der der Permafrost beginnt. Und wo sich jetzt der Klimawandel im Gestein bemerkbar macht.

Andreas Weiskopf, der Wirt der Darmstädter Hütte, hat ein paar Dauerbaustellen in seinem Gebiet. Am extremsten ist der Weg über die Doppelseescharte hinüber nach Ischgl im Paznauntal. Der Übergang lag einst sogar auf einer der ersten Transalprouten über die Alpen. Als wir jetzt in die Felsflanke unter der Scharte aufsteigen, ist von einem Weg nichts mehr zu sehen:

"Da ist jetzt erst in den letzten fünf Jahren der Gletscher weggegangen, da ist untendrein Eis, alles in Bewegung. Da kannst du markieren, du markierst eine schöne, gerade Linie durch und ein paar Wochen später geht es im Zickzack dahin. Und alle meinen, der Hüttenwirt war besoffen, als er markiert hat. Und speziell heuer, als es ziemlich warm war in der letzten Zeit, da sitzt einfach das Eis ab und dann verschwindet der Weg. Ist einfach weg."

Gletscher - Mahnmale des Klimawandels

Der Klimawandel in den Alpen bewirkt nicht nur eine deutliche Temperaturerhöhung, sondern auch Hitzewellen und Trockenperioden, Starkregen und Unwetter. Mit gefährlichen Folgen, erläutert Tobias Hipp, der Klimaexperte des Deutschen Alpenvereins.

"Diese Extremereignisse können eine Zunahme von Murgängen, also Schlammlawinen bewirken. Da gibt’s auch ein Beispiel in den Stubaier Alpen: die Sulzenauhütte unterhalb des Wilden Freiger. Da ist ein größerer Murgang abgegangen und hat relativ große Schäden hinterlassen."

Gletscher gelten als das Fieberthermometer der Alpen und als Mahnmale des Klimawandels.

"Gletscher sind ein offensichtlicher Klimazeiger, der uns sehr offensichtlich und auch jedem Wanderer, der zur Gletscherzunge geht, zeigt: Hier passiert etwas."

Im Juli 2017 hatte der Tsanfleuron-Gletscher bei Les Diablerets in der Westschweiz ein seit 75 Jahren vermisstes Paar freigegeben. Solche Funde mehren sich in den vergangenen Jahren. 2012 auf dem Aletschgletscher im Schweizer Kanton Wallis: Zwei englische Bergsteiger entdecken die Überreste dreier junger Männer, die sogar 86 Jahre lang in der Gegend des Konkordiaplatzes mitten auf dem Gletscher vermisst waren. Pius Rieder ist ein Nachfahre von einem von ihnen:

"Vom Konkordiaplatz bis zur Fundstelle sind es 15 Kilometer, das geht auf 80 Jahre zurück, weil der Gletscher geht pro Jahr um so viel weg. Vielleicht sind sie in eine Spalte gefallen; vielleicht haben sie den Weg zurück zur Hütte nicht mehr gefunden. 86 Jahre! Ein Fund, der das ganze Tal betrübt und aufgeschüttelt hat. Wo viele dachten: Mein Gott, das kann ja nicht sein!"

Der Konkordiaplatz ist ein Paradebeispiel dafür, dass Klimawandel und Gletscherrückgang augenfällig werden für jeden Alpinisten, der dort unterwegs ist. Selbst für versierte Tourengeher wie Tobias Hipp, ist der Hüttenzustieg deutlich erschwert.

"Die klassische Hütte ist die Konkordiahütte am Konkordiaplatz im Berner Oberland, wo man sich nach der eh schon anstrengenden Hochtour mittlerweile noch 200 Meter über Stahlleitern senkrecht hochackern muss, weil der Gletscher weg ist. Das sieht man in den Alpen überall. Die Hütten sind alle zum letzten Maximum an den Gletscherrand gebaut worden."

Nirgends sind die Veränderungen so drastisch wie im Bereich der Alpengletscher. Speziell seit dem Jahr 2000 nimmt die Gletschermasse deutlich ab. In den letzten sieben Jahren hat sich dieser Prozess noch einmal beschleunigt. Das beobachten Glaziologen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften um Christoph Mayer am Vernagtferner im Ötztal in Tirol:

"Für den Vernagtferner haben wir einen Verlust von über 60 Prozent seit der letzten kleinen Eiszeit. Und wir haben aber in den letzten zwanzig Jahren über ein Drittel des Volumens verloren. Was wir zur Zeit beobachten: Auf der Fläche verlieren wir zirka einen Meter Eis pro Jahr. Das heißt, Flächen, die noch zwanzig Meter dick waren, was für einen Alpengletschereine eine ordentliche Dicke ist, die werden in zwanzig Jahren schon lange verschwunden sein."

Kollision verschiedener Interessen

Der Vernagtferner in Tirol ist einer der besterforschten Gletscher der Alpen. Seit 1964 arbeiten die Spezialisten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften auf und an diesem Gletscher. Beängstigend ist vor allem die hohe Geschwindigkeit, mit der das Eis zurückgeht.

"Fakt ist, dass wir heute schon wissen, wie das in 20, 30 Jahren ausschauen wird, weil die Gletscher ja eine gewisse Reaktionszeit haben. Selbst wenn das Klima jetzt konstant bleiben würde und sich nicht weiter verändern würde, würden die Gletscher noch dramatisch schwinden, weil sie sich an diese Klimasituation erst anpassen müssen. Für den Vernagtferner würde das so ausschauen: Selbst bei dem heutigen Klima würden wir noch 70, 80 Prozent der Fläche verlieren, bevor wieder ein Gleichgewicht zustande kommt."

Im Alpenraum prallen viele Interessen aufeinander: Natur- und Umweltschutzinteressen, Freizeit- und wirtschaftliche Interessen. Die Reaktionen auf den Gletscherrückgang sind unterschiedlich, erläutert der Wissenschaftler Christoph Mayer.

"Der Alpenverein ist am meisten gefordert dadurch, dass er die Sicherheit der Wege gewährleisten soll. Und da merkt der Alpenverein natürlich auch, dass jetzt mehr zu machen ist als früher. Bei den Skigebietsbetreibern ist es wieder andersherum: Die wollen natürlich ihr Geschäft erhalten und deswegen gibt es diese Abdeckmaßnahmen auf bestimmten Gletscherskigebieten, wo die Skigebietsbetreiber versuchen, gewisse kleine Bereiche des Gletschers zu schützen, damit der länger erhalten bleibt, um den Skibetrieb aufrechtzuerhalten. Da wird durch eine helle Folie die Rückstrahlung der Sonnenenergie verbessert und gleichzeitig der Wärmetransport zum Eis verringert und dadurch wird das Eis besser geschützt."

Diese Methode lässt sich – schon allein aus Umweltgründen – nicht gletscherdeckend anwenden, sondern nur punktuell. Christoph Mayer hat sein Hauptforschungsgebiet, den Vernagtferner in den Ötztaler Alpen, Dutzende Male besucht. Er kennt jede Spalte, bemerkt jede Veränderung.

"Das ist auch ein bisschen sowas wie der eigene Garten. Also wenn man nach vielen, vielen Jahren und x-mal zum Vernagtferner hochkommt, dann kennt man die verschiedenen Stellen. Dadurch hat man eine persönliche Beziehung dazu, dass man quasi den alten Bekannten wieder trifft und sieht, dass er statt ein paar mehr grauer Haare ein paar Löcher mehr bekommen hat. Es ist schon so, dass man sich da nicht ganz als neutraler Naturwissenschaftler rumtreibt."

Als Wissenschaftler analysiert der Glaziologe Entwicklungen und Prozesse und zieht Schlüsse daraus. Für die bayerischen Gletscher schaut die Zukunft eher düster aus.

"Im Wesentlichen kann man sagen, von den fünf bayerischen Gletschern werden drei innerhalb der nächsten Jahre verschwinden. Nämlich der Watzmanngletscher, das Blaueis und der südliche Schneeferner. Die zwei größeren – der nördliche Schneeferner, wo das Skigebiet sich befindet, und der Höllentalferner – die werden noch länger erhalten bleiben, aber auch der nördliche Schneeferner wird mittelfristig verschwinden."

Feinarbeit im Zugspitzenlabor

Sichtbar, wie in einem Zeitraffer, am Beispiel der beiden Eisfelder auf dem Zugspitzplatt, von denen praktisch nichts mehr übrig ist. Und auf Deutschlands höchstem Berg befindet sich eines der spannendsten Naturlabore, wo Forscher dem Innenleben des Permafrosts nachspüren. In einem 800 Meter langen Stollen, der einst für Touristen in den Fels gesprengt wurde und heute stillgelegt ist:

"Wir sind in dem etwa mannsgroßen alten Kammstollen aus den 30er-Jahren mit dem Geophysiker Till Rehm. Das ist die Stelle, wo es im Berg eine große Permafrostlinse gibt, das heißt, des ganze Porenwasser im Gestein ist das ganze Jahr über gefroren. Hier ist eigentlich die Grenze, wo das anfängt. Das ist ein besonders guter Platz, weil man tief in den Berg reinkommt. Die Möglichkeit, den Permafrost zu untersuchen im Berg drin, hat man sonst nicht, weil in den meisten anderen Tunnels Verkehr drin ist. Hier ist einfach ein stillgelegter Stollen, der genau diesen Permafrostbereich durchsticht. Also das ist der große Vorteil von der Lage hier heroben."

Till Rehm betreut hier die Messanlagen der Technischen Universität München. Einmal im Monat kommt Michael Krautblatter herauf: Er ist Professor für Bergstürze und beobachtet daher das Geschehen im Permafrost mit besonderem Interesse. Denn das Eis funktioniert wie ein Bindemittel im Gestein. Wenn es schmilzt, bröckelt der Berg.

"Wir haben dort 140 Schrauben im Fels. Und von jeder Schraube auf jede andere kann man Strom leiten, und dadurch kann man praktisch wie bei einer Hirntomographie messen, wie gut der Fels leitet. Also ich guck in den Fels hinein."

Mit den Jahreszeiten verändert sich die Eisschicht im Kalkgestein auf ganz natürliche Weise. Michael Krautblatter beobachtet aber noch eine zweite Entwicklung:

"Also wir sehen an der Zugspitze, dass der Permafrost abnimmt. Und wir sehen die Erwärmung, auch in diesen zehn Jahren kann man das sehr gut sehen. Die Zugspitze ist so dicht überwacht, dass uns dort nichts durch die Lappen geht. Jeder Felsbereich, der sich minimal bewegt – das sind Millimeter pro Jahr – das kriegen wir mit. Gefährlicher sind die anderen Bereiche, wo nicht so genau hingeguckt wird, weil es zu wenige Leute sind, um die gesamten Bereiche abzudecken; deswegen müssen wir schnell lernen, unter welchen Bedingungen es wirklich kritisch werden kann. Das Zugspitzlabor nutzen wir dazu, um genau zu verstehen, welche Erwärmung führt was nach sich."

Die Wirkungen und Veränderungen, die hier auf Deutschlands höchstem Berg gemessen und beobachtet werden, lassen Rückschlüsse zu auf das Geschehen in den Alpen insgesamt:

"Das sagt uns was für die Berge in den gesamten Alpen und der Welt. Weil die Zugspitze gerade so am Rande des Permafrosts ist. Sie hat gerade minus ein Grad; es fehlt wenig, dass es auftaut. In anderen Bereichen in den französischen Alpen oder in den Schweizer Alpen, da ist es in 30 bis 40 Jahren soweit. Wir können es aber heute schon an der Zugspitze sehen. Das ist einer der besten Orte weltweit, um das zu beobachten."

Bevorstehender Felssturz am Hochvogel

Eine Spalte im Fels durchzieht auch den Gipfel von einem der prominentesten Berge der Allgäuer Alpen, dem Hochvogel. Wanderer, die oben ankommen, sind beeindruckt:

"Wir sind von der Prinz-Luitpold-Hütte hochgegangen und dann den Hochvogel hoch, war sehr imposant, haben gedacht, der bricht auseinander. Das wird wahrscheinlich auch so sein, keine Ahnung, aber der spaltet sich oben."

Das wird er auch, sagt Michael Krautblatter, der Experte für Bergstürze von der TU München. Unklar ist nur der Zeitpunkt:

"Die Spalte hat sich dieses Jahr nochmal deutlich verändert. Insgesamt seit wir messen, seit drei Jahren, haben wir schon dreißig Zentimeter Öffnung dieser Spalte gemessen. Sie ist auch tiefer geworden. Der Hochvogel ist wirklich ein klassisches Beispiel für einen sich vorbereitenden Felssturz." 

Für den Geologen gleicht die Situation einem Feldversuch im Freiluftlabor Berggipfel:

"Am Hochvogel könnte man jetzt lernen, welche Vorwarnsignale macht so ein Fels, bevor er runterkommt, welche Bewegungen sind typisch dafür. Was macht er für Geräusche. Da brechen ja Felsbrücken. Die könnte man über seismische Wellen mitnehmen. Man könnte über geophysikalische Verfahren sehen, wieviel von dem hängt noch am intakten Fels."

Auf über 3000 Metern Höhe bauen die Bergbahnen Sölden ihre neueste Attraktion: Der Architekt Hans Obermooser hat mehrere Betonkuben im Bergkamm installiert:

"Wir sind voll im Permafrostbereich und vor allem haben wir zwei Steilhänge am Grat. Diese Topographie haben wir ausgenutzt und schrauben uns quasi zehn Meter in den Berg hinein. Das sind insgesamt acht Kammern. Uns war klar, dass die sich unterschiedlich bewegen werden. Deswegen haben wir sie getrennt. Das sind alles selbständige Boxen, die hineingepackt und untereinander mit Manschetten verbunden werden. Das heißt, wenn das eine zwanzig Zentimeter absinkt, hängen sie immer noch zusammen und man muss halt über eine kleine Barriere drüber gehen."

Auf diese Weise können die verschiedenen Gebäudeteile flexibel auf Veränderungen im Fels reagieren. Um größere Auswirkungen auf den Zustand des umgebenden Berges zu vermeiden, haben sich die Planer außerdem eine raffinierte Belüftung ausgedacht:

"Wir holen von der Nordseite her die kalte Luft, die lassen wir unten durchblasen, so dass der Permafrost bleibt bzw. regeneriert, weil er jetzt ein bissl beleidigt ist durchs Bauen."

Die neuen Methoden im hochalpinen Bau sind nur ein Ausdruck dafür, wie die Gesellschaft auf die Veränderungen im Permafrost reagieren muss. Der Bergsturzforscher Michael Krautblatter arbeitet an der TU München an einem Thema im Brennpunkt:

"Es ist gerade ein Lernprozess mit den Bauten von Seilbahnen, dass man natürlich auf den Permafrost auch guckt, ihn zeitgleich auch beobachtet. Man ist auch viel aufmerksamer, dass man nicht durch die baulichen Veränderungen eingreift in den Permafrost. Diese Dinge lernen wir gerade, die wir nicht aus dem Erfahrungswissen haben. Früher sind die immer ähnlich gefroren geblieben, diese Seilbahnen, über 30, 40 Jahre. Auch wie wir ankern im gefrorenen Fels. Wir müssen aufpassen, dass wir das Eis nicht herauspressen. Das sind Dinge, bei denen wir eine ganz steile Lernkurve haben."

Ohne Gletscher sinkt Attraktivität der Berge für Touristen

Genau wie Geologen oder Architekten müssen auch die Alpinisten und Bergsportler schnell dazulernen.

"Der Alpinist hat einen großen Vorteil und das ist sein Erfahrungswissen. Er ist natürlich schon lange in Felswänden unterwegs und er weiß, woher Steinschläge kommen. In dem Fall mit dem Permafrost kann es auch ein Nachteil sein, weil wir seit Tausenden von Jahren keine Phase gehabt haben, die in diesen Bereichen so intensiv aufgetaut ist. Es entstehen Steinschläge, Felsstürze in Routen, wo mir Kletterer sagen, hier bin ich vor vier, fünf Jahren noch ohne Probleme durch. Und jetzt plötzlich ist es kaum mehr begehbar. Wir beobachten eine sprunghafte Zunahme. Da ist es vielleicht wichtig, dieses Erfahrungswissen noch zu ergänzen durch das, was wir als Wissenschaftler tun können, nämlich die Finger auf die neuralgischen Punkte zu legen. Und zu sagen: Die und die Wandfluchten sind gerade kurz unter null und wir wissen, dass sich dort mechanisch einiges tut."

In den Bergregionen der Erde wird nicht nur das Bergsteigen davon betroffen sein. Auch der Tourismus insgesamt, der auf Natur und Landschaft baut.

"Ich denke, das ist meine Meinung, dass wenn die Gletscher nicht mehr da sind, einige der Hochgebirgsgegenden der Alpen deutlich an Attraktivität verlieren. Gerade, wenn man sich das Ötztal anschaut, dieses Ötztal-Kristallin, das sind ja relativ stark zerklüftete Schutthaufen. Wenn da nicht mehr diese schönen weißen Eisflächen darüberliegen, dann – denke ich – dass die Anziehungskraft für die Menschen deutlich verringert wird."

Bergsteiger haben empfindliche Sensoren für Veränderungen in der Natur. Für Extremkletterer wie Alexander Huber sind sie überlebensnotwendig. Andererseits analysiert er als Diplom-Physiker Entwicklungen in der Natur, die nicht nur das Spielfeld der Extremen betreffen. Und kommt zum Schluss.

"Dass der Klimawandel mehr als deutlich ist, das liegt auf der Hand und wer das negiert, der ist einfach ein Ignorant an der Zukunft von uns Menschen."

Das scheinbar stabile System Hochgebirge verändert sich neuerdings binnen weniger Jahre. Und das Geschehen in den Bergen spiegelt die Vorgänge, die das Leben auf dem Planeten Erde insgesamt verändern werden.

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