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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.12.2014

Klimawandel "Die Bevölkerung über Naturgefahren aufklären"

Torsten Klose im Gespräch mit Ute Welty

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Zwei Philippiner rennen vor hohen Wellen in der Küstenstadt Legazpi davon. (picture alliance / dpa / Zalrian Z. Sayat)
Hohe Wellen in der Stadt Legazpi in der philippinischen Provinz Albay. (picture alliance / dpa / Zalrian Z. Sayat)

Die Aufklärung vor Naturkatastrophen wird immer wichtiger, sagt der Referent für Katastrophenschutz und Klimaanpassung beim Deutschen Roten Kreuz, Thorsten Klose. Auf den Philippinen habe es dank besserer Informationen weniger Opfer gegeben.

Auf diese Weise könne die Zahl der Toten enorm verringert werden, sagte Klose im Deutschlandradio Kultur. So habe sich vor wenigen Wochen auf den Philippinen gezeigt, wie wichtig es sei, wenn die Menschen über die Gefahr von Wirbelstürmen informiert seien. Viele hätten sich dadurch rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Deshalb seien jetzt die Opferzahlen im Vergleich zu dem starken Taifun im Vorjahr dramatisch viel niedriger gewesen.

Neue Gefahr durch Klimawandel

"Was wir beim Klimawandel betrachten, ist, dass es zu einer enorm großen Zunahme von Extremwetterereignissen kommt", sagte Klose. Dies treffe vor allem weniger entwickelte Länder, die auf die Folgen des Klimawandels schlecht vorbereitet seien. "Das heißt, wir sehen die Zunahme der Intensität von tropischen Wirbelstürmen, wir sehen eine Zunahme von Überschwemmungen, aber auch von extremen Regenfallereignissen." Es sei deshalb sehr wichtig, dass Katastrophenhelfer sich langfristig engagierten und die örtlichen Organisationen dabei unterstützten, sich darauf besser vorzubereiten.

Schon beim Wiederaufbau beginnt die Vorsorge

"Für uns beim Roten Kreuz ist es grundsätzlich immer enorm wichtig, die Bevölkerung über Naturgefahren aufzuklären und nicht nur akute Katastrophenhilfe zu leisten", sagte Klose. Häufig sei es schon beim Wiederaufbau wichtig, die Menschen darüber aufzuklären, wie sie sich besser schützen könnten, was sie an Selbsthilfe leisten könnten und wie vernünftige Evakuierungswege aussähen. Dazu gehöre, dass man beim Wiederaufbau nach dem Tsunami erdbebensichere Häuser aufbaue, die auch überschwemmungsresistent seien. Angesichts des Klimawandels werde dies immer bedeutsamer. 


 

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Indien, Thailand, Indonesien, Sri Lanka. Als vor zehn Jahren der Tsunami auf die Küsten dieser Länder trifft, bringt er unermessliches Leid über die Menschen. Manche Wunde ist immer noch nicht verheilt und die Ereignisse von damals machen bis heute fassungslos.

Collage Tsunami von 2004 mit Orginatönen Hammer! Was da hinten abgeht! ... Muss irgendwie ein Seebeben gewesen sein, das Wasser ... Nein ... (Schreie, ängstliche Äußerungen auf Englisch)) ... Als die Riesenwelle kam, natürlich extrem.  voll und oben drüber, das Hotel. Unterm Hotel auch die ganzen Autos zerstört und Motorräder im Wasser gelegen ... Wie im Film. ... Da sind total viele Fischerboote gekentert da hinten! Komm, wir müssen los, wir müssen weg! Wir mehr müssen nach hinten! ... Tsunami. ((Wind, Schreie, Wasser)) ... Die Welle kam an, zwo Meter Höhe, und dann halt die ganzen Gegenstände, zerbrochene Liegen, zerbrochene Hölzer und so weiter, das war das Problem, die Verletzung. ... Alles zerstört. Nur die großen Hotels nicht. Alles kaputt. Nur die Hauptgebäude stehen noch, die ganzen Bungalows, alles weg. Das ist ja eine Katastrophe. ((weint))

Welty: Vor zehn Jahren löste ein Seebeben vor Sumatra einen Tsunami aus – und eine ungeheure Welle der Hilfsbereitschaft. 670 Millionen Euro haben Deutsche im Jahr nach der Katastrophe für die Tsunami-Opfer gespendet und viele begannen, sich auch persönlich zu engagieren. Wie auch Thorsten Klose. Er ist von Hause aus Geograf und inzwischen Experte für Katastrophenvorsorge beim Deutschen Roten Kreuz. Guten Morgen, Herr Klose!

Thorsten Klose: Guten Morgen!

Welty: Ihr Engagement nach dem Tsunami sah so aus, dass Sie in Sri Lanka Lehrer ausgebildet haben. Warum haben Sie sich für ein solches Projekt entschieden?

Ängste vor dem Meer in Sri Lanka

Klose: Ja, das war so, dass wir, als wir in Sri Lanka angefangen haben zu arbeiten, uns aufgefallen ist, dass sehr viele Menschen noch enorme Ängste haben vor dem Meer. Es gab einerseits natürlich die infrastrukturellen Zerstörungen, die waren auch sehr offensichtlich, es gab aber auch noch sehr starke, ich würde sagen, mentale Folgen bei der Bevölkerung. Die konnten sich den Tsunami einerseits nicht erklären und hatten enorme Ängste, dass es jederzeit in Sri Lanka wieder zu einem neuen Tsunami kommen kann, es gab enorm viele Gerüchte und die Menschen hatten enorm große Ängste vor dem Meer und haben dann sozusagen ...

Durchaus hat diese Angst dann auch den ganzen Wiederaufbauprozess enorm behindert. Sodass wir uns gedacht haben, es ist relativ wichtig, über die Lehrer Multiplikatoren auszubilden, die dann in der Lage sind, die Schüler weiterzubilden, wie häufig solche Tsunamis tatsächlich passieren, wie man sich notfalls auch in Sicherheit bringen kann, überhaupt das zu erklären und zu verstehen, was das ausmacht, war unser ... war der Kern unseres Projektes damals.

Welty: Inwieweit hilft das Wissen darüber, wie eine solche Katastrophe entsteht, dabei, mit der Katastrophe fertigzuwerden?

Klose: Ich glaube, in Sri Lanka war es relativ wichtig, weil, wenn man das geophysikalisch betrachtet, ist es in Sri Lanka relativ unwahrscheinlich, dass ein so großer Tsunami in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten sozusagen noch mal auftritt. Und wenn man ständig in Angst lebt, dass einen solche Katastrophe wieder und wieder treffen kann, dann behindert das entsprechend den Wiederaufbau und auch überhaupt die Möglichkeit, damit abzuschließen und auch einen Neuanfang zu beginnen. Sodass uns diese Art von Aufklärung über Naturgefahren, über die Wahrscheinlichkeit von neuen Tsunamis sehr wichtig war. Und auch darauf aufmerksam zu machen, was die tatsächlichen und auch häufigeren Gefahren für Sri Lanka sind, beispielsweise Extremwetter, eigene Zyklone, Erdrutsche, Überschwemmung ect. Aber für die lokale Bevölkerung gerade an den Küsten ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch mal einen so großen Tsunami erleben werden, relativ unwahrscheinlich, zumindest in den nächsten Jahrzehnten.

Welty: Was hat Sie denn veranlasst, diesen Weg weiter zu verfolgen und die Katastrophenschutzvorsorge beim Deutschen Roten Kreuz zu verstärken?

Nicht nur akute Katastrophenhilfe leisten

Klose: Also, für uns beim Roten Kreuz ist es grundsätzlich immer enorm wichtig, die Bevölkerung über Naturgefahren aufzuklären und nicht nur akute Katastrophenhilfe zu leisten, sondern dann spätestens auch im Bereich des Wiederaufbaus dafür zu sorgen, dass die Menschen auch in die Lage versetzt werden zu verstehen, wie sie sich besser vor Naturgefahren schützen können, was sie an Selbsthilfemaßnahmen ergreifen können, wie vernünftige Evakuierungswege aussehen.

Das sind schlicht und einfach, das ist eine enorm wichtige Motivation, glaube ich, weil das Leben retten kann vor einer akuten Katastrophe und es sich auch zeigt, dass, wenn in die Aufklärung der Bevölkerung investiert wird, wenn man über Naturgefahren aufklärt, Evakuierungstrainings durchführt, Erste-Hilfe-Trainings durchführt, dass das tatsächlich auch die Todeszahl nach Naturkatastrophen enorm verringern kann. Da gibt es ja auch enorm viele Beispiele, beispielsweise jetzt die Philippinen vor wenigen Wochen, wo wir gesehen haben, wie wichtig es ist, dass die Menschen aufgeklärt sind über die Gefahr von Wirbelstürmen beispielsweise, wo sie ja dann auch sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, Unterstützung vom Philippinischen Roten Kreuz beispielsweise, wo wir dann im Vergleich auch zu vor einem Jahr, wo auf den Philippinen ja auch schon ein starker Taifun war, die Opferzahlen ja dramatisch geringer ausgefallen sind glücklicherweise.

Welty: Sie haben es gerade gesagt, es geht in Ihrer Arbeit gar nicht vorrangig um Tsunamis, die ja Gott sei Dank auch gar nicht so häufig sind, es geht um die Folgen des Klimawandels. Was sind denn da die größten Herausforderungen, und wie kann man ihnen begegnen?

Zunahme der Extremwetterereignisse

Klose: Was wir beim Klimawandel betrachten, ist halt, dass es zu einer enorm großen Zunahme von Extremwetterereignissen kommt, gerade natürlich auch in weniger entwickelten Ländern, die grundsätzlich erst mal sehr schlecht auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet sind. Das heißt, wir sehen eine Zunahme von der Intensität von tropischen Wirbelstürmen, wir sehen eine Zunahme von Überschwemmungen, aber auch von extremen Regenfallereignissen, was sich auf die Ernten in Entwicklungsländern auswirkt.

Das heißt, hier ist es enorm wichtig, dass wir uns langfristig engagieren, dass wir die nationalen Rot-Kreuz- und Rot-Halbmond-Gesellschaften vor Ort unterstützen, sich auch besser auf diese Extremwetterereignisse vorzubereiten. Das fängt bei einem katastrophenresistenten Wiederaufbau an, das haben wir beispielsweise auch in Indonesien und in Sri Lanka nach dem Tsunami schon beachtet, dass, wenn wir da Häuser, Schulen, Krankenhäuser wiederaufgebaut haben, dass man die auch überschwemmungsresistent aufbaut, natürlich auch erdbebensicher, soweit das möglich ist. Das sind für uns die großen Schwerpunkte in der Katastrophenvorsorge. Und infolge des Klimawandels wird diese Arbeit in Bezug auf den Schutz vor Extremwetterereignissen immer, immer bedeutsamer. Und ebenso natürlich auch eine vernünftige Vorbereitung auf zukünftige Katastrophen, dass man dann auch in der Lage ist, möglichst schnell und frühzeitig akute Not- und Katastrophenhilfe leisten zu können.

Welty: Dann wünsche ich Ihnen und uns, dass Sie möglichst wenig Arbeit haben im nächsten Jahr. Ich danke sehr herzlich für dieses Gespräch!

Klose: Ja, sehr gerne. Und Ihnen alles Gute für 2015!

Welty: Danke, gleichfalls!

Klose: Tschüss!

Welty: Thorsten Klose war das in Deutschlandradio Kultur, der Geograf kümmert sich um Klimawandel und Katastrophenvorsorge beim Deutschen Roten Kreuz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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