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Zeitfragen | Beitrag vom 13.09.2021

KlimaschutzIrlands schwieriger Abschied vom Torf

Von David Ehl und Katharina Peetz

Torflandschaft in Irland (Deutschlandradio / David Ehl)
20 Prozent der irischen Insel sind Moore, weite Teile von ihnen sind beschädigt. (Deutschlandradio / David Ehl)

Torf hat eine noch schlechtere CO2-Bilanz als Braunkohle, gehörte in Irland aber zu den Säulen der Energieversorgung. Doch nun läutet die irische Regierung auch auf Druck der EU-Kommission den Ausstieg aus der Torfproduktion ein. Die Moore sollen renaturiert werden.

Evelyn Slevin tritt mit ihren Wanderschuhen auf der Stelle hin und her, bis das Wasser aus dem feuchten Boden herausspritzt. Neben ihr steht Paul Connaughton. Im Winter, wenn riesige Regenmengen herunterfallen, dann sei das noch beeindruckender, sagt er. Dann spüre man, wie der Torfboden bebe.

Die beiden führen durch das Carrownagappul-Moor im County Galway im Westen von Irland. Connaughton ist 77, fast sein ganzes Leben lang hat er hier Torf gestochen. Über seinen Gummistiefeln trägt er ein hellblaues Hemd und eine dunkelblaue Anzughose. Man sieht ihm noch an, dass er 30 Jahre lang im Dáil saß, dem irischen Parlament.

Porträt von Paul Connaughton in irischer Landschaft (Deutschlandradio / David Ehl)Paul Connaughton im Carrownagappul-Moor im County Galway – 30 Jahre lang saß er im irischen Parlament. (Deutschlandradio / David Ehl)

Schon damals kämpfte er um sein Recht, hier weiter Torf stechen zu dürfen. Doch auch gegen seinen Widerstand wurde Carrownagappul gemeinsam mit rund 900 Gebieten auf der gesamten irischen Insel zum Schutzgebiet erklärt. 2011 war Schluss mit Torf stechen.

Die Moore wachsen wieder

Evelyn Slevin arbeitet für das Regierungsprogramm "The Living Bog", das dafür gesorgt hat, dass heute unter den Moosen und Flechten wieder Wasser hervorspritzt. Vorher durchzogen Gräben das Gelände, die das Moor entwässerten.

"Dieser Graben wurde zugemacht. Hier verlief ein Graben, und dort drüben kann man sehen, wo die Bagger einen großen Erdklumpen hineingesetzt haben. Das hält das Wasser davon ab, hier herunterzufließen und weiter zu den Flüssen. Und wenn man das über viele Meilen immer wieder tut, wird das Moor im Laufe der Zeit wieder wachsen."

Tausende solcher einfachen Barrieren verstopfen nun 45 Kilometer Entwässerungsgraben, sodass das Moor wieder feucht wird und wachsen kann – intakte Hochmoore wölben sich kuppelartig in die Höhe.

"Man kann die Wipfel der Bäume sehen. Als ich jung war, sah man gar nichts auf der anderen Seite, der Hügel war viel höher. Ich habe das Moor erlebt, als es 12 oder 15 Fuß hoch war, nicht 6 oder 7 wie heute."

Schwere Schäden durch den Torfabbau

Jahrzehntelanger Torfabbau hat nicht nur in Carrownagappul schwere Schäden angerichtet: Torf Stechen war harte Arbeit, im Unterschied zu allen anderen Energiequellen waren die schwarz-braunen Briketts jedoch kostenlos. 20 Prozent der irischen Insel sind Moore, weite Teile von ihnen sind beschädigt.

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Das ist ein großes Problem für das Klima, erklärt Florence Renou-Wilson vom University College Dublin: "Jeden Tag gibt ein trockengelegtes Moor Kohlenstoffdioxid an die Atmosphäre ab. Jeden Tag, dauerhaft. Wenn die Moore wieder feucht sind, würde Irland zumindest aus CO2-Perspektive besser dastehen."

Denn intakte Moore dienen als CO2-Senke, sie binden durch ihr Wachstum langsam aber stetig das klimaschädliche Gas. In beschädigten, trockengelegten Mooren setzen hingegen biochemische Prozesse massenhaft CO2 frei. Sie sind deshalb für sechs Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich – dreimal so viel wie der weltweite Flugverkehr.

Das letzte reine Torf-Kraftwerk ging vom Netz

Hinzu kommen die Emissionen durch die Torfverbrennung selbst: Torf weist eine noch schlechtere Energiebilanz auf als Braunkohle. In Irland wurden bei der Torfverbrennung im Jahr 2018 mehr als 3 Millionen Tonnen CO2 emittiert, das waren acht Prozent der gesamten Energieemissionen.

Teils auf Druck der EU hat sich Irland deshalb entschlossen, aus der Torfproduktion auszusteigen. Ende 2020 ging das letzte reine Torf-Kraftwerk vom Netz und kurz darauf, Anfang dieses Jahres, verkündete auch der maßgeblich für den Torfabbau verantwortliche, halbstaatliche Energiekonzern Bord na Móna den endgültigen Ausstieg.

"Ehrlich gesagt war es keine Überraschung, als Bord Na Móna entschieden hat, aus dem Torfabbau auszusteigen. Das war lange geplant, sie hätten nicht weitermachen können." Bord na Móna betrieb in der Landesmitte große Torf-Tagebaue, die nun unter anderem aus Mitteln des EU-Wiederaufbaufonds renaturiert werden.

Neue Jobs im Bereich Erneuerbare Energien

1990 machte Torf als Energiequelle noch 20 Prozent des Stroms in Irland aus, 2018 waren es nur noch knapp 5 Prozent. Gleichzeitig lag der Anteil der Erneuerbaren Energien bei 20 Prozent, bis Ende dieses Jahrzehnts soll der Anteil auf 70 Prozent steigen. Bord na Móna verspricht deshalb neue Jobs im Bereich Erneuerbare Energien. Förderprogramme von hunderten Millionen Euro aus Dublin und Brüssel sollen den Strukturwandel rund um den Torf-Ausstieg abfedern.

Doch nicht nur die Torfproduzenten sind betroffen: Gärtnereien etwa, die Torf als Nährboden nutzen, müssen sich ebenfalls Alternativen überlegen. Torf-Expertin Renou-Wilson weist auf die Bedeutung dieses Bereichs hin: "Torf im Gartenbau ist immer noch sehr verbreitet. Wenn wir da ebenfalls aussteigen, hätte das einen größeren Einfluss als die privaten Torf-Heizungen."

Im County Galway, wo das Carrownagappul-Moor liegt, heizte vor fünf Jahren noch fast jeder vierte Haushalt mit Torf. Beim Umstieg auf umweltschonende Heizungen helfen staatliche Förderprogramme. Und auch die Torfstecher selbst werden entschädigt – wie im Carrownagappul-Moor.  

Moore als Naherholungsgebiet und Bildungsstätte

Paul Connaughton deutet auf eine Karte des Moors, darauf mehrere Hundert Namen von Familien, die hier Torf stachen. Ein Großteil von ihnen nahm die Entschädigung der Regierung an: 1500 Euro pro Jahr für 15 Jahre für jede Familie. Nur wenige – auch Paul Connaughton – entschieden sich für eine Ausweichfläche, auf der sie weiter Torf stechen können. Denn die Tradition und die Leidenschaft zum Torfstechen wollte Paul Connaughton nicht aufgeben – auch um seine politische Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren.

"Wie alle Politiker würde ich argumentieren, dass ich meine Position nicht verändert habe: Ich habe im Parlament immer gesagt, ich will weiter Torf stechen und das tue ich. Das holt mich also aus der Klemme."

Nun wollen die Projektverantwortlichen dafür sorgen, dass die lokale Bevölkerung das Moor auf andere Weise nutzen kann: Als Naherholungsgebiet und als Bildungsstätte.

Die Bevölkerung davon zu überzeugen, sei entscheidend für die Zukunft der irischen Moore, sagt die Biologin Renou-Wilson: "Jetzt geht es darum, die Bevölkerung zu beteiligen. Um ehrlich zu sein, wollte lange niemand etwas von den Mooren wissen, selbst die wenigen Wanderer, die es hier gibt. Aber das hat sich gewandelt. Während Covid wollten viele Leute spazieren gehen, das Moor und die schöne Natur sehen. Das hat sich gut entwickelt: Die Menschen vor Ort haben sich dessen angenommen und gesagt, wir haben hier ein lokales Moor und wollen es renaturieren."

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