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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.04.2014

Klimaschutz"Es wird immer mehr CO2 statt weniger"

Grünen-Umweltpolitikerin Bärbel Höhn wirft Deutschland falsche Weichenstellung vor

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Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen eines Braunkohlekraftwerkes in Jänschwalde und spiegelt sich dabei in einem abgelassenen Fischteich. Die Kraftwerkstechnologie ist in der Klima-Debatte schon lange ein Zankapfel. Laut Greenpeace zählt Jänschwalde zu den fünf klimaschädlichsten Braunkohlekraftwerken in Europa. (picture alliance / ZB / Patrick Pleul)
Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen eines Braunkohlekraftwerkes in Jänschwalde und spiegelt sich dabei in einem abgelassenen Fischteich. (picture alliance / ZB / Patrick Pleul)

Grünen-Politikerin Bärbel Höhn warnt die Bundesregierung vor der Neuerrichtung von klimaschädlichen Kohlekraftwerken. Der Ausbau der erneuerbaren Energien dürfe nicht gebremst werden.

André Hatting: Vier Jahre lang haben sie an diesem dritten und vorerst letzten Kapitel geschrieben und es ist das spannendste, zumindest aus Sicht der Politik. Denn das Kapitel heißt: Was muss getan werden, politisch und wirtschaftlich, um die globale Erderwärmung auf zumutbare zwei Grad zu begrenzen?

Verfasst haben es die Mitarbeiter des IPCC, das ist der Weltklimarat der Vereinten Nationen. Die ganze Woche haben sie darüber in Berlin auf einer Konferenz beraten, morgen wollen sie eine lesefreundliche Kurzfassung dieses 2.000 Seiten langen Berichtes veröffentlichen. Bärbel Höhn von Bundes 90/Die Grünen ist die Vorsitzende des Bundestagsumweltausschusses. Sie hat sich schon mal durch die Langfassung gequält. Guten Morgen, Frau Höhn!

Mit Fahrradhelm im Bundestag: Bärbel Höhn. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Mit Fahrradhelm im Bundestag: Bärbel Höhn. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Bärbel Höhn: Guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Deutlich weniger CO2, das nennt der IPCC als wichtigste Zutat beim Rezept gegen den Klimawandel. Das ist Wasser auf die Mühlen der Grünen, oder?

Höhn: Ja, auf jeden Fall wird deutlich, dass auch die Auswirkungen des Klimawandels viel früher zutage treten als gedacht. Und das macht natürlich auch die Wissenschaftler besorgt. Ich habe so den Eindruck gegenüber früheren Berichten, dass auch immer ein bisschen mehr Verzweiflung dabei ist. Denn zum Beispiel der CO2-Ausstoß in den letzten Jahren, also von 2000 bis 2010, war erheblich höher, fast doppelt so hoch wie in den Jahren 1970 bis 2000. Also, es wird immer mehr CO2 anstatt weniger.

"Das ist eigentlich das Schlimmste"

Hatting: Die Bundesregierung hat aber gerade beschlossen, den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland zu bremsen. Das klingt nach dem falschen Signal.

Höhn: Eindeutig, und zwar deshalb, weil, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien gebremst wird, dann ist ja die Frage, wer liefert den Reststrom. Und das werden dann die Kohlekraftwerke sein vor allen Dingen.

Und da sagt ja auch der IPCC, das ist eigentlich das Schlimmste, weil der CO2-Ausstoß bei Kohlekraftwerken – und da gibt es ja auch noch Abstufungen, also, Braunkohle ist extrem viel schlimmer noch als Steinkohle –, dass das eine der Hauptursachen eben auch ist der großen Probleme, die wir mittlerweile mit dem Klimawandel und dem CO2-Ausstoß haben.

Hatting: Der IPCC-Chef erwähnt aber noch andere Möglichkeiten, zum Beispiel die Abspaltung von CO2 und die Verpressung unter der Erde, das sogenannte CCS. Das wollen Sie aber nun auch wieder nicht?

Höhn: In der Tat, ich habe ja schon gesagt, ich habe so den Eindruck, das ist jetzt auch so Verzweiflung schon bei den Wissenschaftlern. Die überlegen ja - die letzte Gruppe ist ja auch Verminderung des Klimawandels, wie Sie zu Recht vorhin gesagt haben -, wie können wir jetzt CO2 vermindern. Und da sagen wir natürlich, ja, mit erneuerbaren Energien, aber wir haben furchtbar viel Kohle. Also, das können wir machen, da müssen wir eigentlich dann CCS sozusagen, also das CO2 auffangen und unter die Erde bringen.

Sie erwähnen auch Atomkraft, obwohl sie natürlich auch sagen, da gibt es die ganzen Probleme des Atommülls. Also, die sind ein Stück verzweifelt, weil sie einfach merken, wir kriegen das Problem nicht in den Griff, und versuchen jetzt, Lösungen für die bestehenden Stromproduktionen hier zu nennen, aber mit den entsprechenden Risiken, die dabei auch verbunden sind.

"Wir hoffen auf den Boom der erneuerbaren Energien"

Hatting: Und welche Idee haben Sie, um das Problem in den Griff zu kriegen?

Höhn: Aus unserer Sicht müsste es viel stärker so sein, dass wir Richtung erneuerbare Energien und Energieeffizienz gehen. Wir sind ja jetzt mit unserer Entwicklung in Deutschland so weit, dass die erneuerbaren Energien ein Preisniveau haben, was niedriger ist als das von ... Erneuerbare Energien sind billiger als zum Beispiel ein neues Kohlekraftwerk. Und erneuerbare Energien sind jetzt eben auch von den Kosten her gut darstellbar in Afrika, in Asien, also auch in Ländern, die gerade in Afrika wenig Geld haben, arm sind.

Und insofern hoffen wir ein Stück stärker eben auch auf den Boom jetzt der erneuerbaren Energien. Wir wissen, dass jetzt, wenn Strom neu produziert wird in den Ländern der Welt, es immerhin schon über 40 Prozent, 43 Prozent dieser Energie wir dann mit Erneuerbaren gemacht, aber leider über 50 Prozent eben auch noch andere Sachen.

Hatting: Sie haben das gerade schon angedeutet, Frau Höhn: Fakt ist, die Investitionen in Windkraft und Solaranlagen gehen in Deutschland seit 2012 zurück, weil Strom aus erneuerbaren Energien so billig geworden ist, es lohnt sich einfach nicht mehr. Was muss man tun, damit sich das wieder lohnt?

Höhn: Strom aus erneuerbaren Energien ist ... Also, Sie meinen jetzt ... Die Frage habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Strom aus erneuerbaren Energien ist zu billig geworden, haben Sie gesagt?

Hatting: Ja, genau. Also, Solarstromanlagen zu bauen lohnt sich kaum noch, weil seit 2009 der Strompreis um 53 Prozent gefallen ist.

"Wir brauchen die Fotovoltaikanlagen noch"

Höhn: Ja, die Einspeisevergütung in der Tat bei Fotovoltaikanlagen wird drastisch gekürzt, jeden Monat gekürt um ein bis zwei Prozent. Und stellen Sie sich jetzt mal vor bei irgendeinem anderen Produkt, stellen Sie sich mal vor, Autos müssten jeden Monat ein bis zwei Prozent billiger werden, das ist ja überhaupt gar nicht darstellbar. Und wir erleben auch, dass bei der Fotovoltaik fast gar nichts mehr dazu gebaut wird. Ganz einfach, weil die Einspeisevergütung zu drastisch nach unten geht.

Und das, glaube ich, müsste man schon revidieren, weil wir natürlich auch durchaus die Fotovoltaikanlagen noch brauchen. Vor allen Dingen brauchen wir aber auch die Windkraft, weil, die ist immer noch die billigste der erneuerbaren Energien, die auch weitere Ausbaupotenziale hat.

Hatting: Aber ist es sinnvoll, in Deutschland weiter wie wild zum Beispiel in Windkraft zu investieren, wenn wir erstens nicht die ausreichenden Leitungen dafür haben und zweitens auch keine ausreichende Speichertechnik?

Höhn: Ja, es ist absolut sinnvoll, weiter in Windkraft in Deutschland zu investieren, gerade wenn wir weniger Leitungen bauen wollen, muss es ja so sein, dass wir in den Regionen, wo die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, jetzt eben neue Windkraftanlagen bauen, damit sie Strom produzieren können. Von daher ist das gerade sinnvoll in Süddeutschland, also in Baden-Württemberg oder auch in Bayern Windkraft hinzustellen. Und deshalb ist es absolut kontraproduktiv, was Ministerpräsident Seehofer macht, der jetzt mit Abstandsregelungen von 2.000 Metern eben versucht zur Bebauung, Windkraftanlagen überall im Bayern im Prinzip verunmöglicht.

Das führt ihn dann genau am Ende in den Engpass, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden sollen. Und dann wird er plötzlich sagen, jetzt brauchen wir die Atomkraftwerke wieder länger. Insofern sehe ich auch mit großer Sorge einige Entwicklungen hier in Deutschland.

Hatting: Sagt Bärbel Höhn, die Grünen-Politikerin ist Vorsitzende des Bundestagsumweltausschusses. Danke für das Gespräch, Frau Höhn!

Höhn: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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