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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 18.06.2019

KlimaschutzAlles verbieten ist auch keine Lösung

Ein Standpunkt von Ralf Fücks

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Zu sehen ist die Arbeit "Hulk" von Jeff Koons in der Ausstellung "The Desire and object of Marcel Duchamp and Jeff Koons" im Jumex Museum in Mexico City, Mexico, 16 May 2019. The provocative art of Duchamp and Koons arrives at the Jumex Museum in Mexico. (imago / Mario Guzman)
Angesichts der drängenden Klimafragen träumen manche von einer Art "Ökodiktatur". Ralf Fücks setzt dagegen auf marktwirtschaftliche Lösungen. (imago / Mario Guzman)

Weniger Autos, weniger Plastik, weniger Fleisch, überhaupt weniger von allem: Klimaschutz heißt für viele vor allem Verzicht und Verbote. Der frühere Grünen-Politiker Ralf Fücks hält nichts von dieser Kombination aus Puritanismus und Planwirtschaft.

Fridays for Future, die erfolgreichste Protestbewegung seit 1989, hat die ökologische Frage ins Zentrum gerückt. Klimawandel und Verlust biologischer Vielfalt lassen sich nicht länger verdrängen. Die Forderung nach radikaler Veränderung hier und jetzt trifft auf viel Sympathie. Ihr Erfolg ist aber keineswegs ausgemacht.

In der Auseinandersetzung um Fahrverbote für Dieselautos wurde eine latente Polarisierung der Gesellschaft sichtbar: Hier diejenigen, die nach schärferen Maßnahmen rufen, dort die anderen, die das alles für Schikanen einer abgehobenen Elite halten, die Wasser predigt, selbst aber in Saus und Braus lebt. Man sollte die Sprengkraft dieser Konstellation nicht unterschätzen.

Energiewende muss zu einer Erfolgsgeschichte werden

Ökologische Politik muss ihre sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen im Auge behalten. Der Kohleausstieg ist dafür ein Lehrstück. Greenpeace und Greta geht er nicht schnell genug. Ob das letzte deutsche Kohlekraftwerk drei Jahre früher oder später vom Netz geht, spielt allerdings für das Erdklima keine große Rolle. Wichtiger ist, dass die Energiewende zu einer Erfolgsgeschichte wird, ökologisch und ökonomisch. Nur dann wird sie zum Modell für andere Länder.

An einer Reduzierung von CO2-Emissionen gegen Null führt kein Weg vorbei. Die entscheidende Frage ist, auf welchem Weg das zu schaffen ist. Wieviel Freiheit verträgt der Klimaschutz? Je drängender die ökologische Krise wird, desto größer die Versuchung, das Heil in Verboten zu suchen und nach dem starken Staat zu rufen.

Das hat Tradition. Schon die Urschrift der modernen Umweltbewegung, der Bericht an den Club of Rome aus dem Jahr 1972, ist von einem autoritären Grundton durchzogen. Dennis Meadows, der Herold der Grenzen des Wachstums, traut der parlamentarischen Demokratie nicht zu, diese "Wende zum weniger" durchzusetzen. Sein Mitstreiter Jørgen Randers sympathisiert offen mit dem chinesischen Modell einer aufgeklärten Diktatur. Wer die ökologische Krise als Resultat menschlicher Maßlosigkeit begreift, landet nicht von ungefähr bei einer Kombination aus Puritanismus und Planwirtschaft.

Selbstverständlich ist es gut, weniger Fleisch zu essen und kein eigenes Auto zu fahren. Auch ein Kurztrip nach Mallorca zählt nicht zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Der springende Punkt ist: Der Verzicht auf dieses und jenes kann den Klimawandel bestenfalls verlangsamen, nicht aber stoppen.

Aufbruch in eine ökologische Moderne

Die Weltbevölkerung wird bis Mitte des Jahrhunderts auf neun bis zehn Milliarden anwachsen, die globale Wirtschaftsleistung sich in etwa verdoppeln. Im gleichen Zeitraum müssen die überschüssigen Treibhausgas-Emissionen gegen Null sinken. Das erfordert nichts weniger als eine grüne industrielle Revolution, eine Entkopplung von Wohlstand und Naturverbrauch.

Das ist keine Fata Morgana. Die Wirtschaftsleistung der Europäischen Union ist seit 1990 um gut 50 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum sanken die CO2-Emissionen um 22 Prozent, in Deutschland um rund 28 Prozent. Zu wenig, zu langsam angesichts der drohenden Klimakrise. Aber doch ein Hinweis, dass Entkopplung möglich ist. Statt Panik zu verbreiten, sollten wir Klimaschutz als Aufbruch in die ökologische Moderne angehen: ein Energiesystem auf der Basis erneuerbarer Energien und synthetischer Kraftstoffe, eine Kreislaufwirtschaft ohne Abfall und eine sprunghafte Steigerung der Ressourceneffizienz – mit weniger Rohstoffen mehr Wohlstand erzeugen.

Der Schlüssel liegt in der Einbeziehung ökologischer Kosten in die Preisbildung. Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Preise die ökologische Wahrheit sagen. Ressourcensteuern, Umweltabgaben und ein effektiver CO2-Emissionshandel sind wirksamer als engmaschige Vorschriften.

Unsere wichtigste Ressource ist der menschliche Erfindungsreichtum. Auch in dieser Hinsicht sind freiheitliche Gesellschaften die bessere Alternative zu autoritären Regimes.

Ralf Fücks. (imago/Metodi Popow)Ralf Fücks (imago/Metodi Popow)Ralf Fücks war Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz in Bremen, ab 1993 auch Bürgermeister und Mitglied des Vorstands der Heinrich-Böll-Stiftung. Zusammen mit seiner Frau gründete er nach 2017 das Zentrum Liberale Moderne.

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