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Breitband | Beitrag vom 28.09.2019

Klimakrise und JournalismusÜber die Klimakrise berichten! – Aber nicht so!

Axel Bojanowski im Gespräch mit Katja Bigalke und Marcus Richter

(Harrison Moore/Unsplash)
Klimaproteste in Paris (Harrison Moore/Unsplash)

Fakt ist: Der Klimawandel ist Realität. Doch ist die Berichterstattung darüber richtig? Der Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski ist da kritisch.

Wie sollte der Journalismus mit großen Krisen umgehen? Das ist ein Thema, das immer wieder für Diskussionen sorgt. Eine dieser Krisen ist der Klimawandel, der spätestens seit Greta Thunberg und Fridays for Future im medialen Alltag angekommen ist. Doch ist die Art der Berichterstattung richtig?

Zwischen einigen Journalisten gibt es schon länger Diskussionen darüber. Der Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski ist einer von ihnen und hat jetzt in einem Text auf Übermedien seine Zweifel geäußert. Er meint: Die Medien würden zu stark vereinfachen und sich ihrer Fakten zu sicher sein.

Der Klimawandel als postnormale Wissenschaft

Bojanowskis größter Kritikpunkt ist, dass die Klimaberichterstattung größtenteils aktivistisch sei. Für ihn wirke es, als würde versucht werden, das Publikum von der Bedrohung des Klimawandels zu überzeugen. Dazu beruft er sich auch auf eine Umfrage aus dem Jahr 2014, in der zwei Drittel der befragten Journalistinnen und Journalisten angegeben hatten, dass sie die Notwendigkeit sehen, diese Überzeugungsarbeit zu leisten.

Dabei betont Bojanowski, dass der menschgemachte Klimawandel natürlich ein großes Problem und auch dessen genaue Folgen noch immer nicht absehbar seien. Doch da der Klimawandel zu den postnormalen Wissenschaften gehört, wo große Risiken mit großen Unsicherheiten zusammenfallen, ist es in seinen Augen auch wichtig, auf die Ungenauigkeit der Szenarien hinzuweisen. Doch aus seiner Sicht fokussieren sich die Medien nur auf die Risiken, ohne die Unsicherheiten, ob diese Risiken überhaupt zutreffen, zu berichten.

Im UNO-Klimabericht stehe nicht, was alle sagen

Als Beispiel für Berichterstattungen, die er problematisch findet, nennt Bojanowski den UNO-Klimabericht zu Meeren und Eis, der diese Woche veröffentlicht wurde. Die Medien hätten daraufhin berichtet, dass der Klimarat die Prognosen über den Anstieg des Meeresspiegels verschärft hätte. Doch dies entspreche nicht der Wahrheit. Was in dem Bericht stand, sei ein Extremszenario gewesen, das nach oben korrigiert wurde. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Extremszenario eintritt, die sei sehr gering und keine konkrete Prognose.

Für Bojanowski könnte diese seiner Meinung nach alarmistische Berichterstattung auch negative Effekte haben. Zum einen hätten das Lager, dass den Klimawandel leugnet, so ein leichtes Spiel, weil es auf solche Übertreibungen zeigen könne, um die Berichterstattung diskreditieren. Außerdem würden auch Menschen, die an den Klimawandel glauben, durch solche Extremszenarien abgeschreckt.

Der "Alarmismus" könnte mehr schaden als nutzen

Dazu beruft er sich auf soziologische Studien, die zeigten, dass das ausschließliche Aufzeigen von Katastrophen-Szenarien Menschen davon abhalten würde, sich überhaupt näher mit dem Thema zu befassen. Darum sollten Medien aus seiner Seite einfach nur "berichten was ist", statt noch Lösungs- oder Handlungsanweisungen mitzugeben. Aus diesen einfachen Fakten könnte sich das Publikum dann seine eigenen Schlüsse ziehen.

Gleichzeitig wünscht sich Bojanowski auch mehr gesellschaftliches Interesse an der Wissenschaft. Um das zu wecken, wäre es seiner Ansicht nach eine gute Idee, öfter kontraintuitive Artikel zu veröffentlichen. Ein Beispiel wären Berichte über Inseln, denen der steigende Meeresspiegel nichts ausmacht, weil sie mitwachsen. Und diese Aufmerksamkeit könne man dann nutzen, um zu zeigen, wie gefährlich der Klimawandel ist.

(hte)

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