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Zeitfragen | Beitrag vom 26.03.2021

Klimakrise in Science-Fiction-LiteraturGehen wir unter oder bleiben wir am Leben?

Von Christian Blees

Naturgewalten bedrohen New York: Szene aus dem Science-Fiction Film "The Day After Tomorrow" von Roland Emmerich. (Imago / United Archives)
Warnung vor dem Klimawandel: Szene aus "The Day After Tomorrow" von Roland Emmerich. (Imago / United Archives)

Die Klimakrise wird als Thema nicht nur in Sachbüchern, Thrillern oder Gegenwartsromanen verhandelt, sondern auch in der Science-Fiction-Literatur. Inzwischen gibt es dafür sogar einen eigenen Gattungsbegriff: Climate Fiction.

Der Film "The Day After Tomorrow" entwickelte sich 2004 nicht nur zu einem weltweiten Hit an den Kinokassen. Der Hollywood-Blockbuster war seinerzeit auch als Weckruf gedacht, um auf die dramatischen Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Was heute kaum noch jemand weiß: Als Inspiration für das Leinwandspektakel diente Regisseur Roland Emmerich damals ein Sachbuch mit dem Titel "The Coming Global Superstorm".

Knapp zwei Jahrzehnte später beschränkt sich die mediale Auseinandersetzung mit dem Thema Klimawandel schon längst nicht mehr nur auf dramatische Hollywood-Blockbuster, nüchterne Filmdokumentationen oder sperrige Fachliteratur. Deutlich wird dies unter anderem bei einem Besuch in der Buchhandlung "Otherland" in Berlin-Kreuzberg, die auf die Genres Science-Fiction, Fantasy und Horror spezialisiert ist.

Wolfgang Tress, einer der drei Inhaber der "Otherland"-Buchhandlung, sagt: "Für mich persönlich sehe ich im Laden, dass die Leute interessiert sind: Was sind gerade wichtige Entwicklungen? Und nun kommt man an Klimaveränderungen im Moment nicht vorbei."

Spürbarer Aufschwung

Für Unterhaltungsliteratur, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt, hat sich mittlerweile sogar eine eigene Gattungsbezeichnung herausgebildet: Climate Fiction. Climate-Fiction-Romane nutzen die Klimakrise als Aufhänger für eine mehr oder weniger spannende Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt.

Die sogenannte Climate-Science-Fiction geht noch einen Schritt weiter: Sie entwirft Szenarien, in denen die Klimakatastrophe bereits stattgefunden hat. Angesiedelt sind derlei Visionen deshalb stets in der Zukunft — manchmal nur ein Jahr, bisweilen aber auch Millionen von Jahren nach unserer Zeit. Und wie die Climate Fiction erlebt auch die Climate-Science-Fiction in Bezug auf die Anzahl der veröffentlichten Titel seit geraumer Zeit einen spürbaren Aufschwung.

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Ökologische Dystopien in der Science-Fiction existierten schon lange vor dem Aufkommen der Klimakrise. Die Bandbreite reichte dabei von Dürrekatastrophen über Biokriege bis hin zu Pandemien oder einer neuen Eiszeit. Als einer der Vorreiter der Climate-Science-Fiction gilt der britische Autor Brian Wilson Aldiss. Aldiss beschrieb 1962 in seinem Roman "Hothouse" eine Erde in sehr ferner Zukunft.

In seinem Buch heißt es: "Die Sonne strahlte in einem völlig veränderten Spektrum, und mit der Zeit erlag die ganze Menschheit dieser seltsamen Erkrankung. Die Haut war betroffen, die Augen – und das Gehirn. Nach langer Leidenszeit wurden sie immun gegen die Strahlung. Sie krochen aus ihren Betten. Aber etwas hatte sich verändert. Sie verfügten nicht länger über die Fähigkeiten des Herrschens und Denkens und Kämpfens."

Science-Fiction als spannungslösendes Medikament

Der Oldenburger Wissenschaftler Fritz Heidorn analysiert aktuelle Transformationsprozesse und -Projekte, die bis in die Zukunft reichen. In seine Überlegungen bezieht er nicht selten aktuelle Science-Fiction-Romane mit ein. Denn für Heidorn ist die Science-Fiction ein "spannungslösendes Medikament", das helfe, "Verkrampfungen im Denken und Fühlen" aufzulösen:

"Also in das Unmögliche hineinzugehen — aber auf einem Fundament von Naturwissenschaft und technischen Möglichkeiten. Und das meine ich mit dem 'spannungslösenden Medikament'. Wir reden nicht über Undenkbares, über Fantasy-Geschichten, sondern über auf der Naturwissenschaft fundierende Transformationen oder Denken in lange Zeiträume hinein."

Wissenschaftler wie Fritz Heidorn sprechen in Zusammenhang mit der Klimakrise gerne vom Anthropozän. Das Anthropozän bezeichnet jene Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Anspruchsvolle Science-Fiction-Literatur

"Zuallererst ist er natürlich ein wunderbarer Erzähler, und es macht Spaß, seine Bücher zu lesen." Das sagt Heidorn über jenen Mann, der weltweit als derzeit bedeutendster Vertreter der Climate-Science-Fiction gilt: der US-amerikanische Autor Kim Stanley Robinson. "Seine Handlungsstränge sind wunderbar. Er ist nicht eindimensional, sondern — wie das Thema es auch verlangt, im Grunde — mehrdimensional, mehrperspektivisch." Robinson kenne sich sehr gut aus in Philosophie und Ethik "und kann dieses den Lesern und den Leserinnen vermitteln."

Ein Kritiker bezeichnete die Climate-Science-Fiction-Romane des kalifornischen Autors einmal als den "Goldstandard realistischer, sprachlich anspruchsvoller Science-Fiction-Literatur". Robinson selbst macht in Vorträgen und bei Lesungen keinen Hehl daraus, dass seine Bücher — trotz des Etiketts "Climate-Science-Fiction" — neben wissenschaftlichen auch politische Botschaften enthalten.

Er sagt: "Der Klimawandel ist auf eine fehlerhafte Preisbildung des gegenwärtigen ökonomischen Systems zurückzuführen. Dieses wird von unseren gewählten politischen Vertretern im Kongress festgeschrieben — und die lassen sich beim Schreiben der entsprechenden Gesetze von jenen beeinflussen, die ihre Wahlkampagnen finanzieren. Unsere Repräsentanten vertreten unsere Interessen also nicht wirklich. Das ist ein Teil des Problems. Beides hängt miteinander zusammen."

T. C. Boyle und Cormac McCarthy

Zumindest auf den ersten Blick scheint das Genre Climate-Science-Fiction klar definiert. Doch ab und an tauchen in diesem Zusammenhang Namen auf, die wohl die meisten Leser eher in einem ganz anderen Bereich der Literatur verorten. So haben beispielsweise auch anerkannte Autoren wie T. C. Boyle im Jahr 2000 mit "Ein Freund der Erde" oder Cormac McCarthy 2006 mit "Die Straße" Romane vorgelegt, die jeweils ein postapokalyptisches Szenario entwerfen.

Die mehrfach preisgekrönte, kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood thematisiert in ihrer MaddAddam-Trilogie Themen wie Genmanipulation und Seuchenbekämpfung. Sie legt in diesem Zusammenhang Wert auf den Begriff der Speculative Fiction im Gegensatz zur Science-Fiction.

Margaret Atwood erläutert: "Grob gesagt, gibt es zwei Arten von Science-Fiction. Man könnte sie als Science-Fiction eins und Science-Fiction zwei bezeichnen — beziehungsweise als ScienceFiction und Speculative Fiction. Beide sind von Natur aus grundverschieden. Science-Fiction eins spielt in ferner Zukunft und in fremden Galaxien, wo wir nie hinkommen werden. Science-Fiction zwei oder Speculative Fiction dagegen spielt auf unserem Planeten und bleibt innerhalb der Möglichkeiten. Romane wie 1984 oder TAPFERE NEUE WELT sind dafür Beispiele. Und das ist die einzige Sorte, die ich selbst schreiben kann. Die andere lese ich zwar, bin aber nicht gut darin. Darum will ich es gar nicht erst versuchen."

Globaler Wettkampf um Ressourcen

Eine Zeile aus dem Lied "Artificial Life" der kanadischen Indie-Rockband "Wolf Parade" war Titelgeber für "Exit this City", den ersten Climate-Science-Fiction-Roman der Würzburger Autorin Lisa-Marie Reuter. Das Buch erscheint in diesem Frühjahr bei Fischer Tor, einem Imprint der S. Fischer Verlage für Science-Fiction und Fantasy. Einen zentralen Teil der Handlung hat Lisa-Marie Reuter in einem Land angesiedelt, das sie als studierte Indologin sehr gut kennt:

"Indien hat natürlich einfach ein viel extremeres Klima als Deutschland. Und man könnte dort zumindest schon einen Eindruck davon bekommen, was hier auf uns zukommt, wenn jetzt die globale Temperatur einfach noch ein, zwei Grad steigt — was wir hier für Sommertemperaturen dann bekommen."

"Exit this City" spielt im Jahr 2158. Zu dieser Zeit hat Europa den globalen Wettkampf um natürliche Ressourcen sowie technologisches Knowhow gegen Indien und andere aufstrebende Länder aus Asien und Südamerika längst verloren.

Deutschland ist in den Status eines verarmten Agrarstaates zurückgefallen. Die Mehrheit der Menschen ernährt sich von synthetischer Nahrung. Organisch gewachsene Lebensmittel gelten als Luxusgüter.

Zudem verursacht der Klimawandel einen gewaltigen Staubsturm, der Kurs auf die Millionenmetropole Delhi nimmt. Der Verkehr fließt zäh, aber er fließt. Eine Karawane aus Blech rollt über Delhis sandige Straßen. Der Wettlauf gegen den Sturm hat begonnen.

Trotz des dystopischen Szenarios, das Lisa-Marie Reuter auf über 400 Seiten entwirft, endet "Exit this City" letztlich mit einem positiven Ausblick: Amseln zwitschern auf Apfelbäumen, Kühe werden gemolken und frisches Saatgut wird ausgestreut.

Ist es die Aufgabe von Literatur, Lösungen zu finden?

Der Positivismus, der in "Exit this City" am Ende aufkeimt, dürfte Gary Westfahl gefallen. Westfahl ist Literaturprofessor an der privaten Universität von La Verne im US-Bundesstaat Kalifornien. 2020 veröffentlichte er eine Studie mit dem Titel "A History of Climate Change in Science Fiction" — "Eine Geschichte des Klimawandels in der Science Fiction".

Darin heißt es: "Schriftsteller haben wiederholt die unheilvollen Auswirkungen künftiger Veränderungen des Erdklimas beschrieben, aber sie haben es weitgehend versäumt, mögliche Anstrengungen zu beschreiben, solche Veränderungen zu verhindern oder ihren Auswirkungen entgegenzuwirken.

Vielleicht ist dies einfach eine Konsequenz aus der Notwendigkeit, Geschichten zu erzählen: Es ist sehr dramatisch, Menschen zu beschreiben, die auf einer drastisch veränderten und jetzt bedrohlichen Erde ums Überleben kämpfen. Aber es ist weniger dramatisch, einen erfolgreichen Versuch zu beschreiben, die Erde wieder zu dem vertrauten Planeten zu machen, der sie einmal war."

Während man sich fragen kann, ob es tatsächlich die Aufgabe von Literatur ist, wissenschaftlich fundierte Lösungswege aus der Klimakrise aufzeigen, geht Kim Stanley Robinson in seinem neuesten Buch in dieser Hinsicht quasi mit gutem Beispiel voran. Zwar beginnt der Roman "The Ministry for the Future" erneut mit einem apokalyptischen Szenario, bei dem dieses Mal Millionen von Menschen einer tödlichen Hitzewelle zum Opfer fallen. Anschließend aber erläutert Robinson in verschiedenen, erzählerisch spannend aufbereiteten, wissenschaftlichen und ethischen Diskursen, welche Optionen der Menschheit zur Verfügung stehen könnten, um den fortschreitenden Klimawandel zu stoppen.

Hoffnung und Pessimismus - dicht beieinander

Bei den in der Anthologie "Der Grüne Planet" versammelten Geschichten liegen Hoffnung und Pessimismus dicht beieinander. Auch bei renommierteren Autorinnen und Autoren wie Octavia Butler, Margaret Atwood oder Kim Stanley Robinson halten sich Positivismus und Dystopie nicht selten die Waage.

So viel zumindest scheint klar: Vor den Folgen der Erderwärmung muss uns die Climate-Science-Fiction schon längst nicht mehr warnen. Denkanstöße aber darf sie durchaus vermitteln. Unter welchem begrifflichen Deckmäntelchen dies letztlich geschieht, war schon Ursula K. Le Guin egal. Die 2018 verstorbene Autorin war gewissermaßen die Urmutter der weiblichen Science-Fiction. Im Vorwort einer ihrer Kurzgeschichten-Sammlungen hatte sie einst geschrieben:

"Jede Beurteilung von Literatur per Genre ist Schrott. Jede Einstufung einer literarischen Form als inhärent höher- oder minderwertiger ist Schrott. Es gibt viele schlechte Bücher. Es gibt keine schlechten Genres."

Sprecherinnen und Sprecher: Eva Meckbach, Cornelia Schönwald und Max von Pufendorf
Regie: Beatrix Ackers
Ton: Inge Görgner
Redaktion: Dorothea Westphal

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