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Tonart | Beitrag vom 21.11.2019

Klimafreundlich auf DJ-TourMit dem Zug zum nächsten Gig

Von Gesine Kühne

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Ein junger Mann - DJ Jakob Mandler - steht vor einem ICE auf dem Bahnsteig. Er hat Gepäck bei sich. (Gesine Kühne/Deutschlandradio)
Es geht los: DJ Jakob Mandler startet seine klimafreundliche Tour nach Mailand mit dem ICE. (Gesine Kühne/Deutschlandradio)

Gefragte DJs jetten durch die Welt und haben eine miserable Ökobilanz. Wer den Zug nimmt, schleudert nur ungefähr ein Viertel der CO2-Menge in die Luft. DJ Jakob Mandler nimmt den Klimaschutz ernst - und fuhr mit der Bahn zum Technoclub nach Mailand.

8:30 Uhr, Freitagmorgen in Berlin. Wir sind voll bepackt: ein Rucksack mit Klamotten, ein kleiner Rollkoffer mit Laptop und anderem Technikschnickschnack, eine große Tasche mit geschmierten Stullen und natürlich eine schwere Plattentasche. Bis nach München schlafen wir viel, sind müde, die Reise wird lang. 13 Stunden stehen auf unserem Reiseplan.

4,5 Stunden nach München sind geschafft. Jetzt geht es nach Verona. Das soll im EuroCity um die sieben Stunden dauern. Zeit, endlich mal über das Vorhaben zu reden. Zugfahren statt Fliegen. Berlin – Mailand. Das heißt mindestens zwei Drittel weniger CO2-Ausstoß, aber auch deutlich längere Reisezeit.

Wir sind jetzt sieben Stunden unterwegs. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man mit Weg zum Flughafen, Sicherheitskontrolle, auf Flugfeld rumstehen, Ankommen, auf Koffer warten, Zug in die Innenstadt nehmen, genau jetzt angekommen wäre. In Mailand von Berlin aus. Und wir haben noch 5,5 Stunden vor uns. Ist das stressfreier?

"Auf jeden Fall", sagt Jakob Mandler. "Es zieht sich zwar etwas, aber das Umsteigen, das Aufs-Klo-Gehen, das Essen, es gibt keine Kontrollen. Man sieht die allerschönsten Sachen im Zug." Zum Beispiel Schloss an Bergwand.

Verschneites Österreich - ein schöner Anblick

Es geht durch Österreich, es schneit draußen, die Berge hängen in den Wolken. Alles sieht so schön aus. Der fehlende Stress, der beim Fliegen zum Beispiel erzeugt wird, sorgt für gute Laune und Antrieb.

"Ich saß jetzt bestimmt von den sieben Stunden, die wir unterwegs sind, drei Stunden am Rechner und habe mein Set vorbereitet, Musik gehört", sagt Jakob.

Sieben Stunden später sind wir endlich in Mailand. Ja, es gab eine Verspätung.

"Ich bin ganz schön k.o.! Wie spät ist es? 21:41 Uhr und wir sind um acht los. Das ist eine lange Strecke. Würde ich heute Abend noch auflegen müssen, würde ich mir das schwer vorstellen. Ich glaube, man braucht schon eine Nacht."

Zugfahren ist dreimal so teuer wie Fliegen

Die bekommt er auch. Jakob Mandler hat sein Auslandsdebüt einen Abend später im Tempio del Futuro Perduto. Ein Technoclub, der ihm eine Chance gibt, er kann ein Warm-Up spielen. Bezahlt wird in diesem Fall mit Dinner und Getränken. Alles andere ist auf eigene Faust, weil er sich eben eine kleine Karriere als DJ aufbauen möchte. Im Ausland funktioniert das als Berliner tatsächlich erstmal besser als in der Stadt, wo gefühlt jeder zweite Mensch DJ ist

DJ Jakob Mandler im Technoclub in Mailand. Die Szene ist in rotes Licht getaucht. (Gesine Kühne/ Deutschlandradio)Am Ziel: Nach 13 Stunden Bahnfahrt ist Jakob Mandler pünktlich zum Gig in Mailand. (Gesine Kühne/ Deutschlandradio)
Doch schafft Jakob, seine Karriere auch umweltfreundlich aufzubauen? Unsere Zugfahrt war zum Beispiel dreimal so teuer wie ein Flug an diesem Tag mit einer Billig-Airline. Der Club übernimmt ja ab einer gewissen Größe des Künstlers die Anreise. Aber würde das jemand einfach so zahlen? Kasper Björke, DJ und Produzent aus Dänemark, den wir an diesem Wochenende noch in Mailand treffen, hat mit dem Zugreisen zum Gig schon Erfahrungen gesammelt.

Es gehört viel Engagement dazu

Er berichtet: "Du musst echt mithelfen, wenn du willst, dass es klappt. Für dieses Wochenende jetzt musste so viel geplant werden. Also sprich mit deiner Bookerin und den Clubs, weil die letztlich einwilligen müssen, mehr für deine Reise zu zahlen. Aber wenn du weit im Voraus buchst, bekommst du echt günstige Zugtickets."

Kasper Björke erzählt außerdem, dass er nicht mehr in den USA oder Australien auflegt. Er lehnt alle Gigs, die nur mit dem Flugzeug zu erreichen sind, ab. Klimafreundlich sein, heißt auch Jobs zu verpassen. Mit dem Finger auf andere DJs zeigen – das tut er aber nicht.

Die Rückreise ist nicht so aufregend wie die Anfahrt. Die Berge in der Schweiz sind zwar auch schön anzuschauen, die selbstgemachten Stullen schmecken auch wieder gut, aber die Erschöpfung vom Wochenende trifft auf volle Züge und doofe Sitzplätze.

Dennoch – Jakob ist überzeugt von seinem Vorhaben: "Auch wenn ich immer wieder zweifle, dass es die angenehmste Art und Weise zu reisen ist, komme ich immer wieder in eine Gedankenschleife rein, dass das, was wir hier tun, einen Impact hat."

Wir haben zwischendurch auch mit Kasper Björke geschrieben, der hatte ja Bäume auf der Strecke, die seinen Weg versperrt haben. Und trotzdem schrieb er: "Ich werd’s wieder machen."

"Genau", sagt Jakob. "Wir werden es wieder machen."

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