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Kompressor | Beitrag vom 26.07.2019

Klima-Popsong mit Greta ThunbergÜberzeugender als der Papst

Jens Balzer im Gespräch mit Gesa Ufer

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Greta Thunberg bei der Entgegennahme des Freedom Award  in Abbaye-aux-Dames, Caen, am Sonntag, 21. Juli 2019 (Artur Widak/NurPhoto / picture alliance)
Greta Thunberg spricht öfter in Mikros, aber in Songs ist sie bis jetzt selten aufgetaucht. (Artur Widak/NurPhoto / picture alliance)

Greta Thunberg hat mit der britischen Indierock-Band 1975 einen Song aufgenommen. Rockmusik ist das zwar nicht. Und ein Song auch nicht wirklich. Popkritiker Jens Balzer findet die fünfminütige Rede mit Klanguntermalung trotzdem ganz gelungen.

"Wir befinden uns am Beginn einer klimatischen und ökologischen Krise, und wir müssen diese beim Namen nennen: Es ist ein Notfall." Ähnliches hat die Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg schon bei vielen Kundgebungen ins Mikrofon gesprochen. Jetzt tut sie es in einem Song auf dem kommenden Album der Indierock-Band The 1975 aus Manchester.

Es sei Zeit zu handeln, Zeit für zivilen Ungehorsam, formuliert sie in der Aufnahme für die Band mit der ihr eigenen Dringlichkeit. Dazu läuft ein emotionaler Klangteppich aus Klavier, Synthie und Streichern.

"Tanzen kann man dazu nicht", sagt der Popkritiker Jens Balzer. Er nennt es einen "Monolog mit klanglicher Untermalung", eine "Kurzzusammenfassung ihrer politischen Ziele", pathetisch, nicht unbedingt raffiniert oder musikalisch aufrüttelnd, aber doch ganz gelungen in seiner postapokalyptischen Stimmung.

Wer sind The 1975?

The 1975 ist eine Indierock-Band aus Manchester. Sie kombiniert "Emo-Rock nach Art der späten Neunziger, Power-Pop, Vocoder-Spielerin, sleazy Saxophone", sagt Balzer. "Vielleicht könnte man sagen, die haben an dem Punkt angefangen, an den sich Coldplay irgendwann mal hinverirrt hatten."

Die Band habe sich nach uns nach politisiert. Auf den ersten beiden Alben herrschte noch so eine Art etwas selbstgefällig aufgeblasener Millennials-Melancholie vor, sagt Balzer. Sie brachten den Musikern beim New Music Express das Prädikat "schlechteste Band des Jahres" ein. Die Massen feiern sie aber auf Konzerten, die Musiker kommen auf Millionen Albumverkäufe und gelten als "eine der erfolgreichsten britisches Bands der letzten zehn Jahre", sagt Balzer.

Nach unpolitischen Anfangsjahren ist die Band auf ihrem dritten Album "A Brief Inquiry into Online Relationships" von November 2018 deutlich ernster. Darauf geht es um Migration, das Sterben im Mittelmeer und das allgemeine Unrecht im Kapitalismus. Album Nummer vier "Notes on a Conditional Form", das mit dem Thunberg-Opener, angekündigt für Februar 2020, soll von ökologischen Fragen, Plastikmüll im Ozean und der Klima-Erwärmung handeln - und konsequenterweise auch möglichst umweltschonend hergestellt werden.

1975 plus Greta - taugt das was?

Balzer erinnert an die lange Tradition politischer Ansprachen in der Popmusik, besonders in der afroamerikanischen Musik, etwa Martin Luther Kings Rede "I Have A Dream" in Michael Jacksons Stück "HIStory", häufig gesampled. "Das sind Kombinationen aus Musik und Text, die eine aufrüttelnde, selbstvergewissernde, Mut und Kraft spendende Wirkung haben können. Das ist ja auch ein Ziel von guter Popmusik, Empowerment", sagt Balzer.

Dafür gebe es gute und schlechte Beispiele. 2015 brachte etwa Papst Franziskus als Pope Francis im Album "Wake Up!" Predigten unterlegt von Progressive Rock heraus. "Da finde ich Greta Thunberg als Pop-Päpstin wesentlich überzeugender."

Balzer weist auch auf die die Tendenz im aktuellen Mainstreampop hin, auf seiner Platte oft ohne Sinn und Verstand jeden mitsingen zu lassen, "der nicht bei drei auf den Bäumen ist - Gastauftritte ohne Ende". 1975 plus Greta Thunberg, das sei dagegen eine interessante Positionierung der Band, zwingend und dringlich, und sage etwas aus. "In diesem allgemeinen Beliebigkeits-Szenario, das wir hier haben, finde ich das schon einen Lichtblick."

(fmay)

Fazit

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