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Sein und Streit | Beitrag vom 21.09.2014

Kleines Wörterbuch des KriegesVolksrepublik

Von Barbara Sichtermann

Am 7. April 2014 wurde in der Ukraine auf Teilen des Gebiets der Oblast Donezk die "Volksrepublik Donezk" ausgerufen. (AFP / ALEXANDER KHUDOTEPLY)
Am 7. April 2014 wurde in der Ukraine auf Teilen des Gebiets der Oblast Donezk die "Volksrepublik Donezk" ausgerufen. (AFP / ALEXANDER KHUDOTEPLY)

Im April 2014 wurde vor dem Hintergrund der Krise in der Ukraine die Volksrepublik Donezk ausgerufen. Doch was ist überhaupt eine "Volksrepublik"? Ein Blick in die Geschichte.

Eine jede Regierung steht vor der Notwendigkeit, sich den Regierten gegenüber zu legitimieren. Einstmals, als die Wirklichkeit mit der Märchenwelt noch enger verflochten war, sah das ganz einfach aus: Die Macht lag beim König, der trug die Krone, saß auf dem Thron, und die Legitimität stammte von Gott. Der hatte seinen Vorvätern einst das Land anvertraut, und deshalb herrschte der König "von Gottes Gnaden".

Aber die Monarchie war nie die einzige Staatsform, es gab immer auch die Republik, schon in der Antike und im Mittelalter. Berühmt wurde die Republik Venedig, einst eine Weltmacht. Hier gab es kein erbliches Königtum, die Herrscher wurden gewählt. Und ihre Legitimation erwuchs den Dogen aus der Wahl - zu der damals allerdings nur die Oberschicht berechtigt war.

Mit der französischen Revolution wurde der Monarchie ihre Legitimität grundsätzlich bestritten. Die Menschen erkannten, dass der liebe Gott als Legitimationsstifter doch irgendwie fragwürdig war, zumal die Kirche immer deutlicher als Herrschaftsapparatur in Erscheinung trat. Die französischen Revolutionäre wollten die Republik, und dasselbe wollten knapp 60 Jahre später auch die Revolutionäre in den deutschen Ländern.

Eine Dichterin reimte 1848: "Freiheit und Glück/ gibt Republik." Wie nun sollte bei dieser Staatsform die Legitimation aussehen? Sollte sie etwa – vom Volke ausgehen? Was das allgemeine Wahlrecht voraussetzte? Ja, genau das wünschten sich die Aufständischen in Europa, und dafür stritten sie. Es dauerte noch einmal ein halbes Jahrhundert, und dann war es so weit. Das allgemeine Wahlrecht setzte sich durch und mit ihm die Demokratie.

Das Volk wurde nie gefragt

Wir befinden uns am Ende des ersten Weltkrieges. Zu dieser Zeit kam nicht nur die Demokratie in Bewegung, sondern auch die sozialistische Idee. In Russland hatte sich ein Trupp von Revolutionären an die Macht geputscht, sie nannten sich Kommunistische Partei und die Staatsform, die sie errichteten, Sowjetrepublik. Die Sowjets, das waren Arbeiter- und Soldatenräte, und die repräsentierten das Volk.

Die neue kommunistische Regierung wollte ihre Legitimation vom Volk beziehen, aber die aus Weltkrieg und Bürgerkrieg geborene Sowjetrepublik hatte viele Feinde, sie konnte keine Freiheit gewähren. Zwar gab es das Wahlrecht, aber da nur eine einzige Partei existierte, war es nichts wert. Zwar sollte das Volk politisch partizipieren, aber da jeder Mensch, der andere Ansichten äußerte als die Führung, im Gefängnis landete, nützte auch dieses Recht nichts.

Das Volk, ohnehin bitterarm und mit Überleben beschäftigt, wurde nie gefragt. Die russische Volksrepublik erwies sich als Diktatur. Und die pervertierte Legitimation der Diktatur ist die Gewalt.

Das gilt auch für die anderen Volksrepubliken, die später entstanden sind: in Polen, Ungarn, Angola, Äthiopien, Korea und China. Diese Geschichte lässt nichts Gutes hoffen für die jüngste Volksrepublik in Europa – jene, die vor einem Vierteljahr im Osten der Ukraine, in Donezk ausgerufen wurde.

 

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Enzyklopädie - Kleines Wörterbuch des Krieges
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 18.09.2014)

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