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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.09.2014

Kleines Wörterbuch des KriegesSchutztruppe

Von Hans-Joachim Lenger

Bundeswehrsoldaten in Kundus (dpa / picture-alliance / Michael Kappeler)
Die ISAF in Afghanistan soll für Sicherheit sorgen. (dpa / picture-alliance / Michael Kappeler)

Sie soll für Sicherheit sorgen, das Aufflammen neuer Kämpfe vermeiden oder den Status quo absichern: die Schutztruppe. Dabei ist der Ursprung der Schutztruppe keineswegs nur friedlicher Natur.

Die Schutztruppe, ein oft als internationale Schutztruppe auftretendes Militärkontingent, dient der Verteidigung gegen Übergriffe kriegerischer Mächte. Beispiele für Schutztruppen sind die ISAF in Afghanistan oder die KFOR im Kosovo. Ihre Aufgabe besteht in der Aufrechterhaltung des Friedens und im Schutz der Bevölkerung vor Bürgerkrieg und terroristischen Anschlägen. Insbesondere sollen Schutztruppen einen drohenden Völkermord verhindern. Je nach Auftrag und Bewaffnung solcher Schutztruppen wird ihr Mandat auch als "robust" bezeichnet.

Wer Schutz gewährt, kann sich der Sympathien seiner Zeitgenossen in der Regel zwar sicher sein. Allerdings lässt der zunächst positiv besetzte Begriff des Schutzes offen, wessen Interessen hier jeweils gewahrt, wer hier geschützt wird. Der Begriff der Schutztruppe selbst entstammt einer Geschichte der Gewalt. Als Schutztruppen wurden zunächst militärische Einheiten bezeichnet, mit denen das Deutsche Kaiserreich seine Herrschaft in den Kolonien Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika aufrechterhalten wollte. Neben der Niederschlagung von Aufständen gehörte die Eroberung neuer Kolonialgebiete zu den Aufgaben deutscher Schutztruppen. Einen kolonialen Beiklang hat der Terminus Schutztruppe seither nicht verloren.

Schutztruppen sichern den Status Quo

Oft sichern Schutztruppen heute einen Status Quo ab, der durch einen vorangegangenen Krieg herbeigeführt wurde. Beispielsweise werden im Kosovo Strukturen gewahrt, die durch einen völkerrechtswidrigen Krieg durchgesetzt wurden. So soll in Afghanistan eine Situation aufrechterhalten werden, die durch einen ebenso völkerrechtswidrig und unter weltweiter Desinformation herbeigeführten Krieg der USA entstand. Schutztruppen übernehmen dann die Aufgabe, einen kriegerischen Konflikt unter Kontrolle zu halten, der auf völkerrechtlich fragwürdige Weise ausbrach und auch deshalb durch einen verbindlichen Friedensvertrag nicht wirklich beendet werden konnte.

Dies macht dann auch den fragilen und zweideutigen Charakter eines Einsatzes von Schutztruppen deutlich. In gewisser Weise sind sie Ausdruck einer Situation, in der Krieg und Frieden ununterscheidbar geworden sind oder zu werden beginnen. Der sympathieträchtige Begriff des "Schutzes" suggeriert einerseits einen Zustand von Sicherheit und Ordnung, wie er unter Friedensbedingungen etwa von der Polizei hergestellt wird. Die "Truppe" im zweiten Teil des Wortes dagegen verweist darauf, dass es noch immer latente oder akute Kriegszustände sind, die hier nach militärischer Präsenz verlangen.

So vertrauenerweckend der Begriff der Schutztruppe deshalb ist, so sehr zeigt er zugleich die tiefe Krise an, in die das Verhältnis von Krieg und Frieden geriet, seitdem beide zusehends ineinander übergehen. Diese Brüchigkeit schlägt sich noch im schillernden Begriff der Schutztruppe nieder.

Mehr zum Thema:

Enzyklopädie - Kleines Wörterbuch des Krieges (Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 08.09.2014)

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