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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.09.2014

Kleines Wörterbuch des KriegesDie Armee

Von Arno Orzessek

Soldaten stehen mit aufgepflanzter Waffe mit dem Rücken zur Kamera. Ihnen gegenüber weitere Soldaten in Reih und Glied. (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
Offiziell hat der Begriff "Armee" auch in der Bundeswehr ausgedient. (dpa / picture alliance / Martin Schutt)

Nationalstaaten unterhalten "Armeen", na klar. Aber was ist mit den Milizen in der Ukraine? Oder den Kopfabschlägern im Irak? Auf der Suche nach einem ziemlich mehrdeutigen Begriff.

Zumindest eine Armee kennt jeder, der sich für deutsche Geschichte interessiert, nämlich die 6. Armee der Wehrmacht, die in der Schlacht um Stalingrad kämpfte. Tatsächlich waren Armeen bis 1945 klar definierte Organisationseinheiten des Heeres zwischen den untergeordneten "Korps" und der übergeordneten "Heeresgruppe". Armeen zählten jeweils mehr als 100.000 Soldaten.

In diesem Sinn verfügt die Bundeswehr über keine Armee, aufgrund geringer Truppenstärke. Und selbst in den US-Streitkräften ist "Armee" nur noch ein administrativer Begriff. Die größten Kampfverbände sind die Korps. Als Name für eine militärische Organisationseinheit hat "Armee" also ausgedient, in der Alltagssprache jedoch ist sie in aller Munde.

Häufig steht "Armee" für die gesamten Streitkräfte eines Landes - die DDR etwa hatte die "Natio¬nale Volksarmee". Oft aber steht "Armee" auch nur für das "Heer", in Abgrenzung zu "Luftwaffe" und "Marine", den anderen Teil-Streitkräften.

Wenn das "Handelsblatt" schreibt "Rebellen nehmen ukrainische Armee in die Zange", wird die "Armee" zum Synonym für Truppen-Teile, die gerade in der Ost-Ukraine kämpfen. Und die Bundeswehr hat zwar keine "Armeen", firmiert aber trotzdem als politisch kontrollierte "Parlamentsarmee".

Überhaupt ist es verbreitet, bei der UNO gelisteten Staaten reguläre Armeen zuzubilligen, Rebellen und Terrortruppen wie dem Islamischen Staat dagegen nur 'Milizen', die außerhalb staatlicher Ordnung kämpfen. Eine scheinbar klare Unterscheidung, an die sich nolensvolens die paramilitärischen Truppen in der Ost¬Ukraine halten - sie nennen sich "Volksmilizen".

Sind Zehntausende Militante schon eine Armee?

Allerdings nimmt das Kuddelmuddel wieder zu, wenn man berücksichtigt, dass die regulären Streitkräfte der Schweiz "Milizarmee" genannt werden, da fast alle Angehörigen Zivilberufe haben.

Auch die "Süddeutsche Zeitung" kümmert sich nicht um regulär-irregulär, wenn sie schreibt, der "Islamische Staat" unterhalte "eine wachsende Armee aus angeblich schon Zehntausenden Militanten". Woraus sich folgern lässt: Sogar islamistische Kopf-Abschläger können Armeen formieren, es müssen nur genügend Kopf-Abschläger mit einem gewissen Organisationsgrad sein.

Die Sprachgeschichte spricht nicht gegen diese Auffassung - sie fixiert keine starren Bedeutungsgrenzen. Tatsächlich ist "Armee" im 16. Jahrhundert aus dem Französischen ins Deutsche einmarschiert. Das französische "armee" - für bewaffnete Schar - bildete sich wiederum aus dem altfranzöischen "armer" für bewaffnen und übertrug die antike Bedeutungsfülle des lateinischen Verbs "armare" und des Substantivs "arma" verknappt in die Moderne.

Das heißt: Die heutige Unschärfe ist der "Armee" seit Jahrhunderten eingeschrieben, die Mehrdeutigkeit des Wortes selbstverständlich. Um Bedeutungs-Kollisionen zu vermeiden, hilft es oft, "Armee" durch "Streitkräfte" zu ersetzen. Umgangssprachliche Verwendungen von "Armee" jedoch als irregulär zu geißeln, weil sie nachträglichen Definitionen widersprechen, wäre vergeblich. Immerhin hat es selbst der krude Name der Terrorgruppe "Rote Armee Fraktion" in die Geschichtsbücher geschafft.

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Enzyklopädie - Kleines Wörterbuch des Krieges (Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 08.09.2014)

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